Zwei Journalisten erhalten den Friedensnobelpreis. Die Meinungsfreiheit ist an vielen Orten gefährdet, kommentiert Christian Gottschalk, allerdings in sehr unterschiedlicher Form.
Stuttgart - Zugegeben, die diesjährigen Träger des Friedensnobelpreises gehören nicht gerade zur Kategorie der Personen, die bisher in der öffentlichen Debatte eine übergroße Rolle gespielt haben. Die Journalisten Maria Ressa von den Philippinen und Dmitri Muratow aus Russland sind eher einer Gruppe von Eingeweihten bekannt. Ihr Popularitätswert ist weit entfernt von dem einer Greta Thunberg, ihr Wirken verborgener als das der Weltgesundheitsorganisation oder der Impfinitiative Covax in Corona-Zeiten.
Thunberg, Covax und die WHO waren im Vorfeld häufig als mögliche Preisträger genannt worden. Alle drei haben viel bewegt und polarisiert. Hat es sich das Nobelkomitee also besonders leicht gemacht, indem es unter den 329 Nominierten zwei Menschen auszeichnet, an deren Wirken niemand, der gesunden Geistes ist, etwas aussetzen kann?
Ein Preis zum Nachdenken
Nein. Das Gegenteil ist der Fall – es ist ein Preis, der zum Nachdenken anregen sollte – weit über die persönliche Leistung der Preisträger hinaus. Es ist seit sehr langer Zeit zum ersten mal, dass Journalisten mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. Carl von Ossietzky, der gegen das NS-Regime anschrieb, war 1936 ein Vertreter dieser Zunft. Mit der aktuellen Auszeichnung für Ressa und Muratow wird der Berufsstand in neue Höhen gehoben. Die Preisträger stehen persönlich in einer Reihe mit anerkannten Aktivisten für Menschenrechte wie Mutter Teresa, Elie Wiesel oder Muhammad Yunus. Gleichzeitig stehen die beiden stellvertretend für einen große Gruppe, und für eine Reihe von Problemen.
Ein ermutigendes Zeichen
Ressa und Muratow haben auf der Welt tausende von mehr oder weniger bekannten Kollegen, die den Preis ebenso verdient haben. Viele von ihnen sollen und können sich nun geehrt fühlen. Sie sind der wichtigste Teil im Ringen darum, die Öffentlichkeit mit Informationen zu versorgen, die manch ein Mächtiger lieber für sich behalten würden. In Zeiten von Fake-News, in denen geballter Blödsinn auf sozialen Netzwerken häufiger geteilt wird, als seriöse Berichterstattung, ist der Friedensnobelpreis für die Meinungsfreiheit ein wichtiges und ermutigendes Zeichen.
Gefahr droht von unerwarteter Seite
Mehr als ein Augenöffner für ein ganz großes Thema freilich kann der Preis nicht sein. Presse- und Meinungsfreiheit sind nicht nur auf den Philippinen und in Russland gefährdet, ein mutiger Journalismus ist nicht nur dort lebensgefährlich. Schon lange ist auch Europa keine Insel der Seligen mehr. Daphne Caruana in Malta und Jan Kuciak in der Slowakei haben der journalistischen Arbeit wegen ihr Leben verloren. Gefahr droht zudem von einer ganz anderen Seite. Vor allem an den Orten, an denen gar nicht um Meinungsfreiheit gekämpft werden muss, verschiebt sich das Gleichgewicht der Berichterstattung all zu oft von Information zur Unterhaltung. Das ist für die demokratische Gesellschaft auf lange Sicht eine ebenso gefährliche Entwicklung wie die Erkenntnis, dass die weltweit größten Verbreiter von Nachrichten mit ihren Algorithmen dazu beitragen, Hass und Wut zu schüren.
Warum das Grundgesetz schützt
Bevor es möglich ist, die Probleme zu beseitigen, müssen diese erkannt und benannt werden. Dazu gehört es, Russland und die üblichen Verdächtigen dazu aufzurufen, auch andere Meinungen gelten zu lassen. Dazu gehört aber auch die Erkenntnis, dass die besondere Stellung, die das Grundgesetz hierzulande den Medien gewährt, ihre Begründung nicht in einer ausufernden Berichterstattung über halbseidene Prominenz im Dschungel findet. Dazu gehört, dass die Verbreiter von Schwachsinn in Haftung genommen werden. Das ist ein weiter Bogen, hin zu Maria Ressa und Dmitri Muratow. Aber genau diesen Bogen gilt es zu spannen. Nicht nur am Tag der Preisverleihung.