Michael Brzoska , geboren 1953, ist Friedens- und Konfliktforscher. Er ist Senior Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Uni Hamburg. Foto: Felix Matthies

Es sei eine gute Entscheidung, den Friedensnobelpreis an die Journalisten Maria Ressa und Dmitri Muratow zu vergeben, sagt der Hamburger Friedensforscher Michael Brzoska. Er persönlich hätte allerdings einen anderen Favoriten gehabt.

Stuttgart/Hamburg - Der Friedensforscher Michael Brzoska hält den Friedensnobelpreis nach wie vor für wichtig.

Herr Professor Brzoska, hat das Nobelkomitee mit Maria Ressa und Dmitri Muratow die richtige Wahl getroffen?

Ja, das ist eine gute Entscheidung. Beide haben den Friedensnobelpreis verdient für ihren Kampf für die Meinungsfreiheit, der einigen persönlichen Mut erfordert. Sie stehen stellvertretend für viele Journalisten weltweit. Im Gespräch war ganz bestimmt auch der türkische Journalist Can Dündar.

Wäre es nicht besser gewesen, eine Organisation wie Reporter ohne Grenzen auszuwählen?

Es ist immer etwas willkürlich, einzelne herauszugreifen, wenn andere den Preis ebenfalls verdient hätten. Aber im Prinzip ist es vernünftig, einzelne Personen auszuzeichnen, die anderen Mut machen.

Reporter ohne Grenzen war ja einer ihrer drei Favoriten. Wen hätten Sie denn letztlich gekürt?

Mein Favorit wäre Alexej Nawalny gewesen, er hätte von dem Preis persönlich elementar profitieren können, weil sein Leben gefährdet ist – durchaus vergleichbar mit dem Fall des ins KZ verschleppten Carl von Ossietzky 1936.

Warum war Nawalny Ihrer Ansicht nach nicht der Favorit bei den Norwegern?

Ich kann ja nur spekulieren, aber ich denke, dabei spielte eine Rolle, dass Nawalnys politische Ansichten relativ unberechenbar sind. Wegen früherer rassistischer Kommentare war man vielleicht vorsichtig. Wie würde er handeln, wenn er wieder in Freiheit käme? An einige Entscheidungen erinnert sich das Nobelkomitee ja nicht mehr so gerne. Die Verleihung an den damaligen US-Präsidenten Barack Obama 2009 war umstritten. 2019 ist man mit dem äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed Ali ein besonders hohes Risiko eingegangen. Der lässt jetzt seine Armee in der rebellischen Provinz Tigray wüten. Dadurch ist das Komitee etwas risikoscheuer geworden. Im vergangenen Jahr ist man mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen auf Nummer sicher gegangen. Und dieses Jahr hat man das Thema Pressefreiheit gesetzt.

Wird der Preis unpolitischer?

Nein, Russland hat ja zum Beispiel eine Rolle gespielt bei den Beratungen, wie man an Dmitri Muratow sieht. Das Komitee hat auch keine Angst vor den Reaktionen von Regierungen.

Ist ein Preis, dessen Verleihung oft umstritten ist und der noch nie einen Krieg verhindert hat, noch zeitgemäß?

Auf jeden Fall, er erfüllt ja mehrere Funktionen. Man stellt Personen heraus, die Leistungen erbringen, die andere Menschen begeistern. Beim Friedensnobelpreis ist das Besondere, bestimmte Themen wieder stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Dabei werden auch Themen gesetzt, die nicht direkt mit dem Frieden zu tun haben, wo sich aber eine Verbindung herstellen lässt. Dahinter steht auch eine bestimmte Weltanschauung, die der Aufklärung verpflichtet ist und die die Welt zu einer besseren machen will.