Der Wendrsonn-Sänger Markus Stricker hat ein Video zu seinem Lied „Über die Lande“ gedreht. Das Thema ist ihm aus einem besonderen Grund extrem wichtig.
Die Uniformen hängen sauber aufgehängt im Schrank. Nicht weit davon befinden sich die Karabiner – nicht schusstauglich, trotzdem furchteinflößend. Vor allem, wenn Markus Stricker das Bajonett aufpflanzt. Kaum auszudenken, was sich junge Männer vor mehr als einem Jahrhundert damit gegenseitig angetan haben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Markus Stricker aus Sulzbach schlüpft als Darsteller regelmäßig in die Rolle eines Soldaten von damals – nicht, um Krieg zu verherrlichen, sondern um die Erinnerung wachzuhalten an Dinge, die nie geschehen sollten.
Stricker, 60 Jahre alt und seit zwei Jahrzehnten in der Region und darüber hinaus bekannt als Frontmann der Mundart-Folkrockband Wendrsonn, ist schon seit seiner Kindheit an historischen Dingen interessiert. „Um die Gegenwart zu verstehen, muss man auch seine Geschichte kennen. Meine Frau Manuela sagt immer, ich lebe in der Vergangenheit“, sagt Stricker, der damit absolut kein Problem hat. Das Kriegsgerät ist allerdings auf Bitten der Gattin in ein gesondertes Zimmer ausgelagert.
Ein Musikvideo zu „Über die Lande“ von Wendrsonn als Friedensbotschaft
Die Faszination für das Vergangene hat bei ihm ein Mann geweckt, den der hauptberufliche Softwareentwickler heute seinen „Seelenopa“ nennt. „Er hieß Max Kucharz und war ein Flüchtling aus Oberschlesien.“ Der Kriegsveteran erzählte damals dem kleinen Markus von seinen Erlebnissen, beeindruckte ihn durch seine Art.
Und noch etwas hat seine Leidenschaft für Historie entfacht: Eine Kiste mit alten Briefen aus der Familie seiner Frau, darunter die Feldpost ihres Urgroßvaters Wilhelm Grübele. Die vor mehr als hundert Jahren in Sütterlin-Schrift verfassten Schreiben zeugen von den Träumen und Ängsten der jungen Menschen von damals.
Rund 20 Menschen wirken in Wendrsonn-Video mit
Auch Postkarten der Kinder sind dabei: „Lieber Papa, ich will jeden Tag beten, dass du wieder gesund nach Hause kommst“, schrieb eines an die Front. Die Epoche des Ersten Weltkriegs übt auf Stricker besondere Anziehungskraft aus. „Diese Zeit ist fast in Vergessenheit geraten, in der Schule wird sie nur noch ganz kurz behandelt“, sagt er. „Dabei war dieser Krieg die Ursünde des 20. Jahrhunderts.“
Um das Vermächtnis Grübeles zu erhalten, hat Stricker jetzt ein Video veröffentlicht. Mitgewirkt haben daran rund 20 Menschen – unter anderem Schauspieler aus der Reenactment-Szene mit hundertprozentig historisch akkuraten Uniformen und Waffen aus der Epoche. Gedreht wurde unter anderem im Heimatmuseum Weissach – einst das Wohnhaus Grübeles – und auf dem Hartmannswillerkopf im Elsass, auf dem damals heftige Kämpfe tobten.
Filmdreh auf dem „Menschenfresser“ Hartmannswillerkopf
Der Berg wurde damals auf beiden Seiten „Menschenfresser“ genannt; heute ist er ein Nationaldenkmal. „Dort eine Drehgenehmigung zu bekommen, war extrem schwer“, sagt Stricker. Es sei vor allem der Kartografin Sigrid Schwamberger zu verdanken. Sie verlor im vergangenen Jahr ihren Kampf gegen den Krebs, Stricker hat ihr das Video gewidmet.
Als Basis des Videos diente das Wendrsonn-Lied „Über die Lande“ – eigentlich schon vor rund zehn Jahren entstanden, als Geschichte zweier Liebender, die viele Meilen voneinander getrennt sind. Doch in dem Kontext bekommen die Zeilen eine neue Bedeutung: „Leb’ wohl, mei Liab, werd’ di nimmer seha. So weit weit fort, weiß’ net wohin“, singt Stricker.
Das Video begleitet zwei junge Paare auf deutscher und französischer Seite, die über die Feldpost miteinander in Kontakt bleiben. Es verzichtet auf aufwendige Kampfszenen oder Spezialeffekte und setzt statt dessen auf den Ausdruck der Schauspieler, die Wirkung der akkuraten Kostüme, auf stille Momente und natürlich auf die Musik. Ein Happyend gibt es nicht: Während die junge Französin den Brief ihres Liebsten ans Herz drückt, legen deutsche Scharfschützen auf den Mann an. Und auf der anderen Seite der Front bekommt die Deutsche ihre eigene Post wieder. Auf dem Brief ein nüchterner Stempel: „Gefallen – Zurück“.
Der Uropa überlebt den Ersten Weltkrieg
Brief und Stempel sind echt. Das Schreiben ging allerdings damals nicht an den Uropa von Strickers Frau: Wilhelm Grübele überlebte das Grauen des Krieges. Er starb viele Jahrzehnte später, als Vater von vier Kindern. Stricker hat ihn nie kennengelernt, doch durch die vielen Briefe bekam er Einblicke in das Innenleben des Vorfahren. Der Friede, erzählt Stricker, sei dem Veteranen immer sehr wichtig gewesen. „Weil er das Schönste und Wichtigste für alle Menschen ist“, schrieb Grübele in einem seiner Briefe.