Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer, re.) in „Gelbe Briefe“ Foto:  

Mit dem Gesellschafts- und Ehedrama „Gelbe Briefe“ von Regisseur Ilker Çatak erleben die 76. Internationalen Filmfestspiele in Berlin ihr erstes Highlight.

Die der deutschen Hauptstadt nachgesagte Miesepetrigkeit macht auch vor der Berlinale selten halt. In diesem Jahr war das schon im Vorfeld der feierlichen Eröffnung, die am Donnerstagabend am Potsdamer Platz über die Bühne ging, nicht zu überhören. Nach einem vielversprechenden Jahrgang, den die Festivalleiterin Tricia Tuttle 2025 zu ihrem Einstieg präsentierte, wurde in diesem Jahr mit Bekanntgabe des Programmes schon reflexartig Kritik laut: zu wenig Glamour, zu wenig Filmschaffende von Weltrang, zu wenig Werke, die bereits auf dem Papier nach cineastischen Höhepunkten klingen.

Trotz allem war dann Starpower angesagt zum Auftakt der 76. Internationalen Filmfestspiele: Gleich am Eröffnungsabend stand Oscar-Gewinnerin Michelle Yeoh auf der Bühne des Berlinale-Palasts, um sich ihren Goldenen Ehrenbären abzuholen. Der ebenfalls Oscar-prämierte Regisseur Sean Baker bezeichnete die aus Malaysia stammende Schauspielerin, mit der er gerade bei einem neuen, in Berlin gezeigten Kurzfilm kollaborierte, als jemanden, der „Anmut in die Gefahr, Intelligenz in die Action und Menschlichkeit ins Spektakel“ gebracht habe. Als Yeoh in ihrer Rede dem stillen Vertrauen gedachte, das ihre Eltern stets in sie hatten, kamen der 63-Jährigen die Tränen, vom Publikum gab es stehende Ovationen.

„No Good Men“ eröffnet das Filmfestival

Der anschließend gezeigte Eröffnungsfilm hatte es fast schwer, mit Yeohs Charisma mitzuhalten. Die aus Afghanistan stammende und inzwischen in Hamburg lebende Regisseurin Sharbanoo Sadat erzählt in „No Good Men“ aus den letzten Wochen vor der Machtübernahme der Taliban in Kabul. Die Hauptrolle spielt Sadat gleich selbst: Naru arbeitet als Kamerafrau für einen Fernsehsender, wo sie zusehends mehr Verantwortung übernehmen darf, während sie parallel versucht, die Trennung von ihrem Ehemann trotz gemeinsamen Sohnes reibungslos voranzutreiben. Doch alle Emanzipation in Beruf wie Privatleben steht wieder auf dem Spiel, als deutlich wird, dass politisch bald ein ganz anderer, reaktionär-fundamentalistischer Wind wehen wird.

Schauspielerin Michelle Yeoh am Eröffnungsabend der Berlinale auf dem roten Teppich Foto: dpa/Britta Pedersen

Die feministische Frische und humorvolle Leichtigkeit, die „No Good Men“ anfangs durchziehen, werden in der zweiten Filmhälfte zwangsläufig durch mehr Schwere und Dramatik abgelöst. Es zeigt sich auch, dass Sadats anfängliches Spiel mit Elementen der romantischen Komödie nicht wirklich aufgeht – und zum Teil unter schauspielerischen Schwächen leidet. Die gewisse Didaktik, die sich dabei einschleicht, nimmt der Geschichte obendrein ein wenig von ihrer Kraft, auch wenn man sich dem emotionalen Ende kaum entziehen kann.

Wim Wenders betont die unpolitische Seite des Filmemachens

Während sich also die Berlinale auf der Leinwand, ihrem Ruf entsprechend, von Beginn an politischen Themen widmete und im Regen auf dem roten Teppich deutsche Stars wie Jasmin Tabatabai Solidarität mit der Bevölkerung im Iran bekundeten, betonte ausgerechnet Wim Wenders die unpolitische Seite des Filmemachens. Bei der ersten Pressekonferenz am Donnerstag sagte der Jury-Präsident, gefragt nach einer Positionierung im Nahost-Konflikt, dass das Kino nicht zu dezidiert politisch werden dürfe. Die Kunst müsse als Gegengewicht und Gegenteil zur Politik wirken statt deren Arbeit zu leisten.

Regisseur Ilker Çatak Foto: dpa/Monika Skolimowska

Dennoch war das aktuelle Weltgeschehen und das sich verschärfende politische Klima dann auch Thema im ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag „Gelbe Briefe“, dem neuen Film des Berliner Regisseurs Ilker Çatak, dem auf der Berlinale vor drei Jahren mit „Das Lehrerzimmer“ der internationale Durchbruch gelang. Hier erzählt er von Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer): Sie ist gefeierte Schauspielerin am Staatstheater in Ankara, er schreibt dort viel beachtete Stücke und unterrichtet an der Universität. Das Ehepaar ist fester Bestandteil der kulturellen Bildungsbürgertum-Elite, links und regierungskritisch, und hat es sich doch samt Teenagertochter in der schicken Altbauwohnung ein wenig zu bequem eingerichtet, während das Land zusehends von Terroranschlägen und immer heftigeren Protesten umgetrieben wird.

Geldsorgen und Zukunftsängste

Bald macht sich die Lage auch in ihrem Alltag handfest bemerkbar. Erst wird Aziz an der Hochschule ohne Angaben von Gründen beurlaubt, dann sein neues Stück, in dem Derya die Hauptrolle spielt, von einem Tag auf den nächsten abgesetzt und sie gefeuert. Die Familie zieht zu Aziz’ Mutter in Istanbul, doch Geldsorgen, Platznot und Zukunftsängste gehen nicht spurlos an der Ehe vorbei. Auch weil immer offensichtlicher wird, dass beide zwischen ideologischen Überzeugungen und handfestem Pragmatismus oft unterschiedliche Vorstellungen von einem Ausweg aus ihrer Situation haben.

Berlin dient als Kulisse für Ankara, Hamburg für Istanbul

Ohne konkrete Namen und Ereignisse zu nennen oder die innenpolitische Lage näher zu umreißen, erzählt Çatak mit „Gelbe Briefe“ viel über die heutige Türkei – und lässt doch keinen Zweifel daran, dass seine Geschichte eine universelle ist, die über kurz oder lang Kunstschaffende und Intellektuelle überall auf der Welt erwarten könnte. Dass Berlin hier als Kulisse für Ankara dient und Hamburg Istanbul „spielt“, ist nicht nur ein reizvoller Verfremdungseffekt, sondern hilft auch beim Erzeugen einer Universalität.

Sehenswerte Bilder von Kamerafrau Judith Kaufmann und glaubwürdige Dialoge sind zwei Pfunde, mit denen „Gelbe Briefe“ wuchern kann, noch entscheidender ist die Inszenierung. Çatak beweist einmal mehr, wie gut er sich darauf versteht, anspruchsvolles Autorenkino publikumswirksam zu gestalten; sein Film ist gleichzeitig eine nuancierte Auseinandersetzung mit drängenden, oft komplexen gesellschaftlichen Debatten und Problemen sowie ein emotional packendes Familiendrama, ohne dabei je aus dem Gleichgewicht zu geraten. Gegen Ende gibt es im Drehbuch vielleicht den einen oder anderen Konflikt zu viel. Doch das überzeugende Ensemble, allen voran die umwerfende Özgü Namal, fängt das spielend wieder auf. Auf das erste Highlight musste diese Berlinale also nicht lange warten.