Pkw auf Abwegen: Ein Kran muss ein Auto am Pragsattel von den Gleisen holen. Foto: Feuerwehr Stuttgart

Entgleiste Stadtbahnen, Sturmschäden, verbeulte Autos: Die Kräne der Stuttgarter Feuerwehr bringen Höchstleistung. Doch für manche Straßen und Brücken sind sie zu schwer.

Der Feuerwehrmann in der Fahrerkabine muss sich konzentrieren. Mit zwei Joysticks steuert er den riesigen Arm des Kranfahrzeugs. Es gilt, einen Parcours zu absolvieren, bei dem drei Bewegungen gleichzeitig auszuführen sind. Höchst anspruchsvoll ist das – zumal im Ernstfall bis zu 36 Tonnen Gewicht am Haken hängen könnten. Da darf nichts schief gehen, jeder Griff muss sitzen.

An diesem Tag geht es aber nicht um einen echten Einsatz. Stattdessen wird im Hof der neuen Feuer- und Rettungswache 5 in Möhringen trainiert. Es läuft die Vorausbildung an einem der beiden gewaltigen Kranfahrzeuge der Stuttgarter Berufsfeuerwehr. Wer die Maschinen steuern will, braucht einen dreiwöchigen Maschinistenlehrgang samt Prüfung in Theorie und Praxis. „Es handelt sich um ein sehr spannendes und komplexes Einsatzgerät“, sagt Feuerwehrsprecher Daniel Anand.

Einsatzhöhe bis zu 45 Meter

„Wir haben pro Wachabteilung zehn Leute, die dafür ausgebildet sind. Künftig erhöhen wir auf zwölf. Mindestens einer davon muss immer im Dienst sein“, sagt Steffen Schwarz, der die Ausbildung an den beiden Kranfahrzeugen koordiniert. Die 2021 in Dienst gestellten Maschinen beeindrucken mit gewaltigen Zahlen: Der Mast lässt sich 50 Meter weit ausfahren und kann damit Höhen von bis zu 45 Meter erreichen. „Ein Kran allein ist fähig, ein Drehgestell einer Stadtbahn einzugleisen“, so Schwarz. Für eine komplette Bahn braucht es beide Fahrzeuge – das wird auch immer wieder gemeinsam mit den Stuttgarter Straßenbahnen geübt.

Und doch stoßen die hochmodernen Fahrzeuge manchmal an ihre Grenzen. Sie bringen nämlich jeweils 48 Tonnen Gewicht und zwölf Tonnen Achslast mit. Dafür ist gerade innerorts eigentlich keine Straße ausgelegt. „Jedes Auto, das eine größere Achslast hat, braucht eine Sondergenehmigung“, sagt Florian Gödde. Ohne ihn ginge bei den Kränen in der Praxis nichts, denn er ist für die Einsatzplanung zuständig. Und die ist schwierig.

Einsatz mitten in der Stadt Foto: Feuerwehr Stuttgart

Wo auch immer die Kranfahrzeuge hinfahren müssen – sie haben dafür nicht ewig Zeit. Sie sind zwar im Normalfall nicht die ersten Fahrzeuge am Einsatzort, aber anders als etwa Speditionen mit schweren Lkw können sie die Routen vorab nicht detailliert planen. Ob Unfall, umgestürzter Baum, Sturmschäden auf einem Hausdach, eine entgleiste Stadtbahn, eine vollgelaufene Unterführung, zu der Pumpen gebracht werden müssen, oder gar ein Auto, das sich auf die Gleise in einer Tunnelzufahrt verirrt hat: Die beste Zufahrt muss genau bekannt sein, sonst geht nichts mehr.

„Die Cannstatter Straße stadteinwärts zum Beispiel können wir überhaupt nicht befahren“, sagt Gödde. Das überrascht zunächst angesichts der mehrspurigen Straße. Doch das Problem versteckt sich manchmal im Untergrund. In diesem Fall befindet sich da der Nesenbach. Im Wagenburgtunnel sind nicht etwa Höhe oder Breite der Fahrzeuge ein Problem, sondern der Lüftungskanal darunter. Den Tunnel immerhin kann die Feuerwehr mit ihren Kränen befahren – wie an manch anderer Stelle in der Stadt allerdings nur, wenn sich dort keine weiteren Fahrzeuge befinden.

Selbst erstellte Karten helfen

Gödde und Schwarz nehmen für ihre Besprechung eine Kartensammlung zur Hand. Die hat die Feuerwehr selbst entwickelt. Überall im Stadtgebiet sind Stellen gelb oder rot markiert. „Gelb bedeutet, dass wir dort unter Bedingungen fahren dürfen – entweder besonders langsam oder mit einer Sperrung für den restlichen Verkehr“, sagt Gödde. Rot bedeutet dagegen: Hier geht nichts. „Jeder Fahrer und jeder Maschinist hat Straßenkunde. Sie müssen wissen, wo die Stellen sind, wo sie auf keinen Fall hin dürfen“, so Gödde. Im Einsatz sei der Beifahrer fürs Lotsen zu den richtigen Straßen zuständig.

Ein solches Kartenwerk gibt es für Baden-Württemberg allerdings nicht. Die Kranwagen sind aber auch regelmäßig außerhalb der Stadt unterwegs, etwa wenn sie zum Hersteller müssen. „Für Überlandfahrten haben wir noch keine Standardlösung“, sagt Schwarz. Die Feuerwehr verfügt aber immerhin über einen dicken Ordner, in dem landesweit nach Kommunen und Straßennummern sortiert die verbotenen Strecken eingetragen sind. Manche Gemeinden verbieten das Befahren gleich auf ihrem gesamten Gebiet. Dann braucht es im Ernstfall Einzelgenehmigungen.

Die beiden Stuttgarter Kranfahrzeuge sind jede Woche mehrmals im Einsatz. Und was würde wohl passieren, wenn eines davon doch einmal auf einer nicht geeigneten Straße landen würde? „Zusammenstürzen würde in den meisten Fällen wohl nichts, aber es könnte Schäden geben“, sagt Gödde. Viele kleinere Brücken kämen deshalb erst gar nicht in Betracht, dort sind meist weniger als 30 Tonnen zugelassen. Und selbst für die größeren, die befahren werden können, gilt: „Auf Brücken wird niemals gekrant. Das wäre zu instabil“, so Gödde. Ohne einen Statiker und den Bauherrn sei dort nichts zu machen – sonst könnte das gesamte Bauwerk wegkippen.