Er gehört seit 129 Jahren zum Programm der Stuttgarter Feierlichkeiten in der Faschingszeit. Beim Umzug ziehen 63 Gruppen durch die Innenstadt.
Früher war beileibe nicht alles einfacher. Einen Umzug veranstalten aber doch. Nach reichlich geistigen Getränken am Stammtisch kam anno 1897 eine Männerrunde am Stammtisch auf die Idee, was die Kölner können, könne der Schwabe auch. Also lieh man vom Spediteur Paul von Maur einen Möbelwagen, stellte Tische und Stühle rein, fuhr vom Postplatz die Königstraße hinunter. Das war der erste Stuttgarter Faschingsumzug. Und die Geburtsstunde der Gesellschaft Möbelwagen.
2000 Aktive sind beim Faschingsumzug dabei
So einfach ist es für Roland Klein (68) und Katja Häfner (58) nicht getan. Nichts mit Wagen mieten und losrumpeln. Der Faschingsumszug ist größer und größer geworden. Und damit auch der Aufwand: Nach den Sommerferien fangen sie an mit organisieren. 63 Gruppen sind dabei, insgesamt 2000 Aktive, 50 Ordner und 700 Laufmeter müssen gefunden, geliehen und gestellt werden, Formulare ausgefüllt und Absprachen getroffen werden.
Seit etlichen Jahren schon ist das Duo für den Umzug verantwortlich. Aus oben angeführten historischen Gründen ist der Möbelwagen der Organisator, alle anderen Stuttgarter Faschings- und Karnevalsverein docken sich an. Um 14 Uhr geht es los. Die Strecke führt über die Tübinger Straße, Eberhardstraße, Marktstraße, den Marktplatz, dann über die Kirchstraße zum Schillerplatz. Planie und der Königsbau sind die nächsten Stationen, über die Bolzstraße geht es wieder zum Schlossplatz vor dem Neuen Schloss bis zum Karlsplatz, wo sich der Umzug auflöst. Dort wird im Anschluss dann gefeiert. Nicht ganz bis zum Aschermittwoch. Aber doch noch etliche Stunden.
Klein und Häfner werden da noch am Aufräumen sein. Voriges Jahr haben sie noch am Karlsplatz und am Schlossplatz Müll aufgesammelt. Und zwar die Hinterlassenschaften der Narren und Närrinnen, die nach dem Zug dachten, an Fasching sei alles erlaubt, auch den Krust einfach wegzuschmeißen. Nun haben sie eine Mulde am Karlsplatz aufstellen lassen, dort sollen nun die Umzugsteilnehmer entsorgen, was sie nicht mehr brauchen. Und ihnen eine Nachtschicht ersparen. Und Ärger mit den Landesbediensteten, die den Umzug ohnehin mit Argusaugen beobachten. Auf dem Schlossplatz ist Konfetti werfen verboten, weil die Reinigung aufwendig und teuer sei.
Das große Ganze haben sie gut im Griff. Auch von Berufs wegen. Katja Häfner ist Polizistin, Roland Klein war Polizist. In Sachen Sicherheit macht ihnen niemand was vor. Sie kennen die Erfordernisse, sie kennen die Leute bei Stadt und Polizei, sie wissen, wie man vorzugehen hat. Wenngleich die Lage im Vorjahr anspruchsvoll war, als nach dem Anschlag in Mannheim der Umzug auf der Kippe stand und die Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden. Und dann sprangen auch noch acht Ordner ab aus Angst.
Den Zug sicher zu machen, das kriegen sie hin. „Wir fahren im Hochsicherheitstrakt“, sagt Klein. Aber das kostet: mehr Ordner, mehr Absperrungen, ein aufwendigeres Sanitäts-Konzept. 25.000 Euro sind es. Es gibt einen Zuschuss der Stadt, Sponsoren, die Party und Schausteller mit ihren Verkaufsständen und Süßwaren tragen zur Finanzierung bei. Doch es bleibt auf Kante genäht. Und so sucht man stets Ehrenamtliche zur Mithilfe.
So sind auch Klein und Häfner dazugekommen. Er hat seine Tochter zum Training bei den Gardetänzerinnen gefahren, „und wie das so läuft, ich wurde angesprochen“. Und die Gene kann man dann doch nicht verleugnen, „mein Uropa war Mitbegründer des Vereins“. Häfner war selbst Gardetänzerin. Und hat dabei gelernt, dass man nie aus dem Takt kommen darf. Egal was passiert. das hilft beim Organisieren eines Umzugs enorm. Immer wieder müssen sie improvisieren. Vor drei Jahren streikte kurzfristig Verdi, damit blieben auch die Toiletten in der Markthalle zu, die sie eigentlich für Umzug und Party mit nutzen dürfen. Den Ärger bekamen sie ab. Denn ausreichend Dixieklos binnen Stunden zu organisieren, ist ein besonderes Kunststück. Heuer stehen drei Dixieboxen am Karlsplatz.
Etwas Improvisation ist immer beim Faschingsunzug
Voriges Jahr gab es Stress weil sie beim Aufstellen des Zuges die Positionen aufgesprüht hatten. Die Farbe mussten sie entfernen. Gut, dass sie jemanden kennen, der eine Fräse mit Stahlbürste hatte. Am Dienstag wird jetzt nicht mehr gesprüht, Lübecker Hütchen markieren die Positionen. Und einen Ort fürs Umzugsbüro haben sie auch. beim Globetrotter. Voriges Jahr durften sie bei einem Laden unters Dach schlüpfen, als Regenschutz. Doch der Hausbesitzer fand das nicht gut, „hat uns fortgejagt“. Also haben sie sich im öffentlichen Raum positioniert. Immerhin blieb es trocken.
Die Vorfahren bekamen übrigens anno 1897 einen Strafbefehl. Die Behörden verstanden keinen Spaß. König Wilhelm II. begnadigte jedoch die Möbler. Und erteilte die Erlaubnis jedes Jahr einen Faschingsumzug in Stuttgart zu veranstalten. Darauf ein dreifaches A-Ha!
Faschingstermine
Guggen-Monster-Konzert
Verschiedene Guggenmusik-Kapellen spielen am Rosenmontag von 18 Uhr an auf der Rathaustreppe am Marktplatz. Organisiert wird das Guggen-Monster-Konzert von der Karnevalsgesellschaft Möbelwagen.
Kinderfasching im Stuttgarter Rathaus
Kleine Narren haben im Stuttgarter Rathaus zwischen 14 und 17 Uhr das Sagen. Auf Piraten, Polizistinnen und Clowns zwischen drei und zehn Jahren wartet am Rosenmontag im Großen Sitzungssaal ein buntes Programm der Karnevalsgesellschaft Möbelwagen.
Diverse Feste
Die Kübler feiern am Samstag in Bad Cannstatt, erst die Kinder, dann die Großen. Der Rössleball findet in Feuerbach statt, der MTV feiert im Perkinspark, der Möbelwagen in Degerloch. Der Scillaball ist in Hofen. Und ins Bürgerzentrum West lädt die Zigeunerinsel zum Kinderfasching.