In etlichen Berufen arbeiten heute deutlich weniger junge Menschen als noch vor zehn Jahren.  Foto: Montage: Pichlmaier

Daten zeigen, wie sich der Anteil junger Beschäftigter in Stuttgart entwickelt hat. Einige Felder scheinen besonders stark vom Altern der Gesellschaft betroffen zu sein.

Der demografische Wandel in Deutschland schreitet voran, die Bevölkerung wird zunehmend älter. Auf dem Arbeitsmarkt bedeutet das: Der Pool an potenziellen Arbeitskräften schrumpft tendenziell.

So verwundert es nicht, dass in Stuttgart der Anteil junger Beschäftigter in einigen Bereichen zwischen 2014 und 2024 bereits deutlich zurückgegangen ist. Das zeigen Berechnungen unserer Redaktion auf Basis von Daten der Agentur für Arbeit. Als junge Beschäftigte gelten dabei Beschäftigte unter 35 Jahren. Die Daten beziehen sich auf Berufsgruppen, in denen jeweils mehrere Berufe zusammengefasst sind.

Einige Berufe besonders betroffen

Die Infografik zeigt, in welchen Feldern der Anteil junger Beschäftigter am stärksten gesunken ist. Herausgefiltert wurden dabei alle Berufsgruppen, in denen 2024 in Stuttgart insgesamt weniger als 400 Personen arbeiteten.

Am deutlichsten ist der Rückgang im Feld Körperpflege. Hier arbeiteten 2024 in absoluten Zahlen 353 junge Beschäftigte weniger als 2014. In diese Gruppe fallen überwiegend Berufe aus dem Friseur- und Kosmetikgewerbe.

Junger Beruf, dem die Jungen fehlen

Traditionell handle es sich dabei zwar um eine relativ junge Berufssparte, sagt Matthias Moser vom Fachverband Friseur und Kosmetik Baden-Württemberg. Denn: „Neue Trends spielen hier immer eine große Rolle.“ Allerdings sei es in den vergangenen Jahren deutlich schwieriger geworden, Nachwuchs zu finden.

Nach Einschätzung von Moser hat das auch mit dem Verdienst zu tun. Der Agentur für Arbeit zufolge beträgt das Medianentgelt für den Beruf „Friseur/in“ in Baden-Württemberg derzeit 2094 Euro. Zum Vergleich: Insgesamt liegt das Medianentgelt im Land laut dem Jobportal Stepstone bei 47 000 Euro im Jahr oder 3916 Euro im Monat – fast doppelt so viel wie das, was man als Friseur oder Friseurin verdient. Auch die Ausbildungsvergütungen im Friseurhandwerk sind unterdurchschnittlich.

Betriebe reagieren

In anderen Berufsgruppen ist der sinkende Anteil junger Beschäftigter vor allem dadurch zu erklären, dass zahlreiche ältere Beschäftigte hinzugekommen sind. Beispiele sind die Gruppen nichtärztliche Therapie, Justizberufe sowie Öffentlichkeitsarbeit. Auch in der Hotellerie ist die Gesamtzahl aller Beschäftigter zwischen 2014 und 2024 gestiegen, aber eben nicht gleichmäßig über alle Altersgruppen verteilt. Der Bereich ist stark von Fachkräftemangel betroffen und die Zahl der Auszubildenden in Stuttgart deutlich zurückgegangen.

Nach Angaben von Natalie Butz, Leiterin der Kommunikation des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Baden-Württemberg, reagieren einige Betriebe bereits auf diese Entwicklung. Sie sagt: „In Zeiten des Fachkräftemangels machen sich viele Arbeitgebende in der Hotel- und Gastrobranche Gedanken, wie sie das Arbeitsumfeld für alle Beschäftigte attraktiver gestalten können. Dazu gehören veränderte Öffnungs- und Schließzeiten, beispielsweise in Ferienzeiten oder über Feiertage.“

Recruiting mit Metaverse

Am anderen Ende der Skala stehen Berufsfelder, in denen der Anteil junger Beschäftigter stark gestiegen ist. Erneut sind die Gruppen, in denen weniger als 400 Menschen arbeiten, herausgefiltert.

An der Spitze thront die Berufsgruppe Überwachung und Steuerung des Verkehrsbetriebs. Hierzu gehören zahlreiche Berufe im Infrastrukturbereich der Bahn, etwa in den Stellwerken. Wie lassen sich junge Menschen für diese Arbeit begeistern? Laut Carla Beige ist es wichtig, an den Orten, an denen sich junge Menschen aufhalten, präsent zu sein – ob digital auf Tiktok oder analog an den Schulen. So könne man die Zielgruppe mit den häufig zunächst unbekannten Berufen vertraut machen, sagt die Leiterin des Recruiting-Teams der Deutschen Bahn im Südwesten. „Wir haben beispielsweise ein Metaverse [Anm. d. Red.: eine virtuelle Welt] entwickelt, in dem man sich als Zugverkehrssteuerer ausprobieren kann.“

In den Gruppen Energietechnik, Tiefbau sowie Mechatronik und Automatisierungstechnik ist die Zahl der jungen Beschäftigten ebenfalls gestiegen. Dennoch herrscht in diesen Feldern nach Angaben der Agentur für Arbeit in Baden-Württemberg ein Engpass an Fachkräften. „Im Tiefbau gibt es viel zu tun“, sagt Gregor Gierden vom Verband für Bauwirtschaft in Baden-Württemberg und verweist auf die infrastrukturellen Investitionspläne der Bundesregierung. Deshalb sei auch der Fachkräftebedarf hoch.

Migration als wichtiger Faktor

Unter den jungen Menschen, die in den vergangenen Jahren eine Tätigkeit im Tiefbau aufgenommen haben, befinden sich Gierden zufolge neben vielen Nachwuchskräften aus dem Inland zahlreiche zugewanderte Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland und dem Westbalkan. Auch für den Arbeitsmarkt im Allgemeinen spielt Migration eine bedeutende Rolle.

„Es sind vor allem jüngere Menschen, die migrieren“, sagt Timon Hellwagner vom Institut für Arbeits- und Berufsforschung. In einer alternden Gesellschaft erhöht Zuwanderung somit den Pool an potenziellen Arbeitskräften. „Migration wird in dieser Hinsicht auch in Zukunft eine maßgebliche Säule sein“, sagt Hellwagner.

Wohl auch aufgrund von Zuwanderung hat sich der Anteil an jungen Beschäftigten in Stuttgart insgesamt zwischen 2014 und 2024 kaum verändert. Absolut stieg die Zahl der Beschäftigten unter 35 Jahren in diesem Zeitraum sogar um fast 19 000 Personen. Hellwagner warnt jedoch: „In den kommenden Jahren werden die geburtenstärksten Jahrgänge der Baby-Boomer-Generation in Rente gehen. Das wird nochmal eine stärkere Belastung für den deutschen Arbeitsmarkt darstellen.“

Daten zu jungen Beschäftigten in Stuttgart

Quelle
Die Berechnungen zum Anteil der jungen Beschäftigten in Stuttgart basieren auf Daten der Agentur für Arbeit. Diese zeigen für alle Berufsgruppen, wie viele Beschäftigte unter 25 Jahren, 25 bis unter 35 Jahre, 35 bis unter 55 Jahre sowie 55 Jahre und älter jeweils 2014 und 2024 in Stuttgart arbeiteten. Die Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Beschäftigte mit dem Arbeitsort Stuttgart. Das heißt: Es ist nicht der komplette Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit Stuttgart eingeschlossen. Dieser umfasst auch den Landkreis Böblingen.

Beschäftigung
In die Daten sind alle Formen von Beschäftigung eingeflossen. Während sozialversicherunsgpflichtig Beschäftigte in den meisten Berufsfeldern den überwiegenden Anteil ausmachen, zählen auch geringfügig Beschäftigte in die Statistik.

Berufe
Die Zahlen zu Beschäftigten in Stuttgart beziehen sich nicht auf einzelne Berufe, sondern auf sogenannte Berufsgruppen. Darin sind jeweils mehrere Berufe zusammengefasst. Eine Auflistung, welcher Beruf zu welcher Gruppe gehört, findet sich auf der Webseite der Agentur.