Joachim Rücker (Mitte) ist in Sindelfingen ein gern gesehener Gast. In der Goldberg-Seniorenakademie referierte er zu internationaler Politik. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Bis 2001 war Joachim Rücker Oberbürgermeister Sindelfingens. Danach war er als Diplomat in der ganzen Welt aktiv, unter anderem in leitender Funktion im Kosovo. Vor allem an eine Begegnung mit einem Autokraten erinnert sich Rücker gut.

Acht Jahre lang leitete Joachim Rücker die Geschicke der Stadt Sindelfingen. Auch aus dieser Zeit könnte der ehemalige Oberbürgermeister der Daimlerstadt genug Anekdoten erzählen. Die Gäste in der Goldberg-Seniorenakademie, die am Donnerstagnachmittag den Vortrag Rückers lauschen möchten, interessieren sich aber viel mehr für seine Einschätzung zu einer Welt, die aufgrund vieler Krisen und Konflikte nicht wenigen große Angst bereitet.

Erfahrung in der internationalen Politik hat der heute 73-Jährige reichlich. Alleine in den vergangenen 23 Jahren war die internationale Diplomatie das Parkett, auf dem sich der Wahl-Stuttgarter bewegte. Vor allem auf dem Westbalkan – einer Region, die in den 1990er-Jahren zum Schauplatz von Krieg, Völkermord und Flucht wurde – wirkte Rücker in verschiedenen Funktionen. Als Sondergesandter des UN-Generalsekretärs im Kosovo hatte Joachim Rücker bis 2008 eine hohe politische Stellung inne – exakt zu der Zeit, als sich das kleine, mehrheitlich von Albanern bewohnte Land von Serbien lossagte.

Einst an der Spitze des Kosovo gestanden

Gerade auf diesen diplomatischen Einsatz blickt Joachim Rücker heute mit Zufriedenheit zurück, wie er gegenüber dem Publikum in der Seniorenakademie erklärt: „Ich glaube, ich konnte bei der Statusfrage des Kosovo einen Beitrag leisten. Als Leitung der UN-Interimsverwaltung in der Hauptstadt Prishtina konnten wir eine Lösung erarbeiten, der viele Länder zustimmten. Das bestätigte später auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag.“ Freilich, fügt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler hinzu, sahen nicht alle Staaten dies so. Bis heute verweigern Serbien, Russland, aber auch EU-Länder wie Spanien dem Balkanstaat die Anerkennung.

Russland war auch in anderen Zusammenhängen Thema des Nachmittags. Die Publikumsfragen nach dem Vortrag machten deutlich, wie tief die Sorgenfalten bei einigen Sindelfingern fast drei Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine sind. Ein älterer Herr will daher wissen: „Weshalb gibt es keine diplomatischen Bemühungen, den Krieg zu beenden? Warum heißt es immer nur Waffen, Waffen, Waffen?“ Der erfahrene Diplomat antwortet darauf: „Diplomatie findet statt. Es wird viel auf verschiedenen, oft auch uns verborgenen Kanälen gesprochen. Zuletzt gab es eine internationale Ukraine-Konferenz in der Schweiz. Hier wird es auch eine Fortsetzung geben, zu der auch Russland eingeladen sein wird.“

Erfährt Russland eine Sonderbehandlung?

Auch den Nachtrag des Fragestellers, nur bei Russland, nicht aber bei den USA würden Sanktionen wie der Ausschluss aus dem Europäischen Rat und dem UN-Menschenrechtsrat angewendet, widerspricht der Ex-OB teilweise: „Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist ein Bruch des Völkerrechts und vieler anderer Rechtsgüter. Das hat die überwiegende Mehrheit der UN-Vollversammlung mehr als einmal so ausgedrückt. Das ist nicht selbstverständlich. Dennoch stimmt es, dass wir manchmal Doppelstandards haben, auch im Bezug auf die USA, die ebenfalls schon unrechtmäßige Kriege geführt hat.“

Die Forderungen nach mehr Diplomatie – auch durch ein größeres Engagement Deutschlands – ist nicht nur Teil der Programmatik der neu gegründeten Partei „Bündnis Sahra Wagenknecht“, sie kommen auch bei Rückers Vortrag immer wieder zur Sprache. Zur Rolle Deutschlands bei einer möglichen Beendigung des Krieges in der Ukraine sagt der ehemalige Diplomat: „Ich glaube nicht, dass Deutschland diesen Krieg diplomatisch mit lösen wird. Das wird dann eher durch Länder des Globalen Südens geschehen, zum Beispiel Indien oder Indonesien.“ Warum Rücker diese Vermutung hat? „Länder wie Indien pflegen Kontakte zu beiden Seiten. Premierminister Modi war erst kürzlich in Kyiw und in Moskau, er kann mit beiden. Wir Deutschen werden nicht die Friedensbringer sein“, erläutert der 73-Jährige, der noch immer als Berater für Organisationen und Unternehmen aktiv ist.

Keine Scheu vor der Konfrontation

Neben ernsthaft kann der ehemalige Sindelfinger Oberbürgermeister auch unterhaltsam. Eine Anekdote aus seiner Zeit bei den Vereinten Nationen gibt er noch zum Besten: „Ich war 2015 Präsident des Menschenrechtsrats. Damals war üblich, dass Staatschefs, die gerade in Genf sind, bei uns vorbeischauen. Es kündigte sich damals Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro an. Ich sagte meinem Präsidium, dass ich ihn angesichts der Menschenrechtslage nicht außerplanmäßig empfangen möchte. Das Präsidium war mehrheitlich aber anderer Meinung.“ Und so tat Joachim Rücker, was er am besten kann: Diplomatisch sein, aber auch Rückgrat beweisen: „Maduro kam und hielt eine Rede. Bevor er dran war, sprach aber ich und sagte ihm direkt, was ich von seiner Menschenrechtspolitik halte. Das ärgerte ihn.“

Von Autokraten wie Maduro ist Rücker bei seinen Besuchen in Sindelfingen weit entfernt. In der alten Heimat, bestätigt Rücker, fühle er sich wohl: „Ich bin oft und gerne hier, treffe hier Freunde und Bekannte. Ich schaue mit Zufriedenheit auf die Stadt und ihre Entwicklung.“