Wer den Behörden mangelnde Transparenz in Sachen Energiewende vorwirft, irrt gewaltig: Mehr Information geht kaum, schreibt Jan-Philipp Schlecht.
Die Energiewende wird zwar gern auf höchster politischer Ebene kontrovers diskutiert. Doch ihre Umsetzung findet vor Ort statt. Im Kreis Böblingen ballen sich derzeit die Großvorhaben vor allem im Süden des Kreises. In Herrenberg etwa lud die Stadt am Donnerstag zum Infoabend in Sachen Windpark. Aber nicht allein, wohlgemerkt: Gefragt war dort vor allem das Unternehmen Prokon, das vorhat, im Spitalwald sieben Windräder zu errichten. Bei dieser und vielen vorangegangenen Veranstaltungen ähnlicher Art werden immer wieder kritische Stimmen laut, nach denen Bürger sich nicht oder nur unzureichend informiert fühlen. Nur, diese Kritik ist in den meisten Fällen nicht berechtigt.
Es gibt wohl kaum ein Großvorhaben im Kreis Böblingen, das von öffentlicher Seite so transparent begleitet wurde, wie die Energiewende. Bleiben wir beim Beispiel Herrenberg. Im Rahmen des Forum Energiedialog Baden-Württemberg war sowohl die Bürgerschaft auf mehreren Kanälen eingeladen, als auch die Presse zum Vorgespräch. Dort wurde ausführlich dargelegt, warum dieser Zeitpunkt der Bürgerinformation der richtige sei. Die Fragen aus der Bevölkerung gingen stark ins Detail – beantworten könne diese nur der Projektentwickler. Tatsächlich stellen kritische Bürger teilweise schon technische Detailfragen zu den Anlagen, bevor überhaupt klar ist, ob diese überhaupt gebaut werden.
In Herrenberg stand Prokon nun Rede und Antwort. Dabei wurde deutlich, dass sich nur so viele Fragen klären lassen – eben wenn ein Projektentwickler gefunden ist und die Planungen konkret werden. Dem von Gegnern des Windkraftausbaus immer wieder vorgebrachte Vorwurf, dass Bürger hier nicht rechtzeitig informiert würden, fehlt damit jegliche Grundlage. Der Energiedialog machte bereits Station in Haslach und Kuppingen. Und ist bei weitem nicht das einzige Format. Auch der Verband Region Stuttgart informierte über den geplanten Ausbau vor Ort, etwa im November in Sindelfingen.
Ganze Reihe von Beteiligungsformaten
Beim interkommunalen Windpark zwischen Böblingen, Ehningen und Holzgerlingen ist man noch nicht so weit. Doch auch hier gab und gibt es eine ganze Reihe von Beteiligungsformaten: Infoabende in den drei beteiligten Gemeinden für die Allgemeinheit. Gesondert fand für die gewählten Bürgervertreter eine Exkursion zu einem bestehenden Windpark statt. Zudem eine eigene Internetseite mit allen Neuigkeiten zum Projekt. Vor Kurzem informierten die Gemeinden noch einmal zum jüngsten Stand: Ein Projektpartner ist noch nicht gefunden. Ergo sei die Entscheidung, ob der Windpark komme, noch völlig offen. Nicht zuletzt begleitet die Presse die Themen mit Sorgfalt.
Das Auftreten der Projektgegner allerdings ist weniger von Sachkunde geprägt, als vom Spiel mit den latenten Ängsten der Bevölkerung. Vor der Stadthalle Herrenberg baute die Initiative „Offene Horizonte“ ein Transparent auf mit der plakativen Überschrift: Hände weg vom Spitalwald. Dazu eine Grafik, die suggeriert, die Windräder führten zu einer Verödung oder gar Zerstörung des Waldes. Geht’s noch? Weiter kann man die zugrunde liegenden Fakten nicht verdrehen. Die Windräder zerstören den Wald nicht, sie helfen dabei, ihn zu schützen.
Eine Rotordrehung für 70 Kilometer Reichweite
Kommt der angedachte Windpark auf Herrenberger Markung, könnte er bis zu 40 000 Menschen mit Strom versorgen, je nach Windausbeute. Die Produktivität der Rotoren verdeutlicht eine einfache Beispielrechnung: Eine einzige Windrad-Umdrehung erzeugt elf Kilowattstunden Strom. Damit könnte ein Elektroauto im Schnitt 70 Kilometer weit fahren. Die viele Windenergie ist ein Beitrag zum Klimaschutz – und damit ein Pluspunkt für diesen und alle anderen Wälder.