Eugen Schuker hat Archive durchgearbeitet und Zeitzeugen interviewt und dabei Erstaunliches über die Herrenberger Zwetschge erfahren. Nun schreibt er ein Buch darüber.
Vor Eugen Schuker stapeln sich Papierberge. 700 Seiten verschriftlichte Interviews mit Zwetschgenbauern und deren Familien liegen auf dem Tisch, außerdem zahlreiche Kopien und Abschriften aus dem Herrenberger Stadtarchiv, dem Kreisarchiv und dem Landesarchiv. Alles ist fein säuberlich sortiert und beschriftet. „Ordnung ist das halbe Leben“, sagt er.
Seit zwei Jahren recherchiert der 73-Jährige über die Zwetschge im Herrenberger Gäu und möchte ein Buch darüber schreiben. Wie entsteht so eine Idee? „Das kam aus einer Laune heraus“, sagt er. Eine Zeit lang habe er viele Ehrenämter inne gehabt, unter anderem war er 18 Jahre lang Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Herrenberg, war Mitglied im örtlichen Arbeitskreis Erwerbsobstbau oder saß für die Freien Wähler im Herrenberger Gemeinderat. „Als ich alle Ehrenämter abgegeben habe und mich die Leute gefragt haben, was ich jetzt mache, habe ich gesagt: ,Jetzt schreibe ich ein Buch über die Zwetschge‘“, erzählt der Herrenberger. Nun müsse er sein Wort halten.
Die Recherche ist so gut wie abgeschlossen, „jetzt geht’s ans Schreiben“. Weitere zwei Jahre werde das sicherlich dauern, schätzt der Rentner, der gelernter Schlosser und studierter Maschinenbauer ist. Dass sein Zwetschgenbuch kein Bestseller wird, ist ihm klar, doch darum geht es ihm auch nicht. „Die Zeit des Zwetschgengäus ist vorbei und wird auch nicht wiederkommen. Wenn man das nicht festhält, weiß das irgendwann keiner mehr. Das ist Heimatgeschichte“, sagt er. Bis in die 1970er Jahre hinein sei der Zwetschgenanbau prägend für die Region rund um Herrenberg gewesen und habe im Volksmund die Landschaftsbezeichnung „Herrenberger Zwetschgengäu“ etabliert. „Das Herrenberger Anbaugebiet war mal das zweitgrößte in Deutschland“, weiß Schuker.
Es gibt immer weniger Zwetschgenbäume in der Region
Der Niedergang der Gäuzwetschge habe verschiedene Gründe. Zum einen habe in den 1980er Jahren ein rapider Preisverfall eingesetzt. Auch in anderen Gegenden wie am Bodensee seien plötzlich Zwetschgen angebaut worden, vor allem aber hätten Importe aus osteuropäischen Ländern die Preise gedrückt. Zum anderen trat Mitte der 1990er-Jahre das Scharka-Virus auf, das massenhaft Bäume der hier vorherrschenden Sorte Hauszwetschge befiel und deren Früchte unnutzbar machte. Damit ging das Alleinstellungsmerkmal der Herrenberger Bauern verloren. Die Universität Hohenheim züchtete die scharka-resistente Nachfolgesorte Jojo, sie habe sich auf dem Markt aber nicht bewährt. Seit Kurzem gebe es zwei neue Hoffnungsträger, die Sorten Gäugold und Herrenberger. „Teils haben sie sich schon bewährt, aber es sind nicht mehr die Mengen wie früher.“
Was Schuker beim Stöbern in Archivdokumenten beeindruckte, war, wie weit zurück der Zwetschgenanbau in der Region gereicht hat. „Das geht bis ins 17. Jahrhundert zurück“, sagt er und nennt einige Beispiele, die deutlich machen, dass die blauen Früchte damals wirtschaftlich eine Rolle gespielt haben. In Inventarien fand er Listen der Besitztümer von Verstorbenen, in denen nicht nur stand, wie viel Bettwäsche und Geschirr jemand besessen hatte, sondern auch, wie viele Zentner Zwetschgen. Im Bericht über ein Gerichtsverfahren aus dem 18. Jahrhundert erfuhr Schuker, dass die Pfarrei Bondorf sich verweigerte, den Zwetschgenzehnt abzugeben. Und im Landesarchiv fand er einen Antrag aus dem Jahr 1879 auf die Ausfuhr getrockneter Zwetschgen nach Amerika.
Wie stößt man auf solche Infos? Nun, zum einen habe er viel Unterstützung der Archivmitarbeiter bekommen, sagt Schuker. Und er habe extra einen Kurs in Kurrentschrift gemacht, um alte Handschriften entschlüsseln zu können. Mit dem Ergebnis seiner Recherche ist er zufrieden. „Ich habe viel zu viel gefunden. Die Kunst wird sein, Infos wegzulassen.“
Zwetschgenernte als Familienevent
Schuker selbst ist inmitten von Zwetschgen aufgewachsen. Seine Großeltern führten in Herrenberg einen landwirtschaftlichen Betrieb, auf dem sie unter anderem Zwetschgen anbauten. Einen Teil der Obstbaumwiesen hat Schuker geerbt und bewirtschaftet sie bis heute in seiner Freizeit. „Bei der Ernte hat die ganze Großfamilie mitgeholfen“, erinnert er sich an früher. Jede helfende Hand sei gebraucht worden, da die Zwetschgen nur kurze Zeit optimal reif seien.
Bei seinen Interviews mit Obstbauern hat er erfahren, dass viele genau wie er die Zwetschgenernte als prägendes Erlebnis ihrer Kindheit in Erinnerung haben. „Das war ein heftiges Schaffen, aber es waren alle beisammen. Jemand hat mir erzählt: ,So viel wie bei der Ernte haben wir sonst nie miteinander gesprochen‘“, sagt Schuker. Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern seien während der Ernte tabu gewesen, „es hat in der Zeit nur ein Thema gegeben“. Denn besonders in der Nachkriegszeit sei das sogenannte „Zwetschgengeld“ für viele Haushaltskassen wichtig gewesen. „Einige haben davon Maschinen angeschafft oder ihre Häuser finanziert. Es war eine sehr gute Einnahmequelle“, sagt Schuker.