Ein Offizier flüchtet vor den Taliban nach Süddeutschland. Sämtliche Versuche, seine Familie aus Afghanistan zu retten, sind bis jetzt gescheitert. Über Probleme, die es nicht geben dürfte. Und die Angst, vergessen zu werden.
Ludwigsburg - Der Mann, der da an dem Tisch sitzt und weint, ist eine starke Führungspersönlichkeit und ein sehr guter Lehrer. Er kann hervorragend Situationen analysieren, Pläne entwickeln und umsetzen. Ohne seinen Mut und sein Pflichtbewusstsein wäre vieles nicht möglich gewesen. So steht es in den Zeugnissen und Urkunden seiner Vorgesetzten. Doch nun sitzt dieser Mann an diesem Tisch und weint so bitterlich, dass er nicht mehr sprechen kann.
In dieser Geschichte soll der Mann Mahmoud heißen. Seinen wahren Namen zu nennen könnte lebensgefährlich für ihn sein. Aus demselben Grund spielt die Geschichte nicht an dem Ort, in dem er wohnt und arbeitet, sondern ganz grob im Landkreis Ludwigsburg. Mahmoud wollte nicht an die Öffentlichkeit. Er wollte seinen Plan anders umsetzen. Aber nun, nach vielen vergeblichen Versuchen, weiß er sich nicht anders zu helfen. Und die Leute, die ihn unterstützen, so gut sie können, auch nicht. Dass unter ihnen ein CDU-Politiker aus Berlin ist, sagt entsetzlich viel.
Das Leben von Mahmoud könnte schön sein. Er hat eine kleine Wohnung, einen sicheren Arbeitsplatz und ist nicht nur bei seinen Kollegen beliebt. Sein Chef, der sicherheitshalber auch anonym bleiben möchte, gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von Mahmoud spricht. Ein Vorzeigemitarbeiter sei er, einer, der von morgens bis abends schafft, und das außerordentlich gründlich. „So einen brauchen wir“, sagt der Chef, der ihn vor mehr als fünf Jahren eingestellt hat.
Offizier und Lehrer
In seinem früheren Leben war Mahmoud Offizier. In seinem Heimatland Afghanistan arbeitete er für die Internationale Schutztruppe (Isaf) der Nato. Er brachte Soldaten das Lesen von Landkarten und Navigieren bei. Fotos aus jener Zeit zeigen Mahmoud im Tarnanzug in einem kargen Klassenzimmer vor Schülern. Mit einem Zeigestock zeigt er auf eine Tafel.
Was in der Theorie simpel klingt, war in der Praxis höchst wertvoll. Weil Mahmoud auch lehrte, in welchem Ort welche politische Lage herrscht, welche relevanten Ziele es dort gibt und wie man am sichersten dorthin gelangt. Mahmouds Chef in Deutschland formuliert es so: „Aus Sicht der Taliban gibt es keinen größeren Verräter als ihn.“
Mahmoud ist Ende 2015 aus Afghanistan geflüchtet. Damals ist er Mitte 40. Die Taliban wollen, dass er sich in ihre Dienste stellt. Zwei Drohbriefe bekommt er deshalb und auch einige Anrufe. Doch Mahmouds Antwort lautet: „Ich werde meine Arbeit nicht aufgeben.“ Als es aber einen Tötungsaufruf gegen ihn gibt, ändert sich alles. Mahmoud macht sich auf einen langen Weg, der in Deutschland endet. Wenige Monate später wird sein Asylantrag genehmigt. Ein paar Wochen später findet er seinen Arbeitsplatz.
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Dass Mahmoud, dieser gut integrierte Mitarbeiter, verzweifelt ist, liegt daran, dass seine Familie noch in Afghanistan ist. Seit er Asyl bekommen hat, versucht er, sie nachzuholen. Es war schon mühsam, lange bevor im vorigen August verstörende Bilder vom Flughafen in Kabul um die Welt gingen. Seither erscheint es noch aussichtsloser. „Was soll ich noch tun?“, schluchzt Mahmoud.
Bevor Mahmoud seine Heimat verlassen hat, brachte er seine Frau und seine fünf Kinder an einen Ort, von dem er hoffte, er sei so sicher, dass die Taliban ihn nicht finden würden. Dass sich die Familie zusammen auf den Weg in eine bessere Zukunft macht, war ausgeschlossen. „Weil ich weiß, dass die Schlepper unmenschlich mit den Leuten umgehen“, sagt Mahmoud. Während seiner Flucht war er mit zwei anderen Männern in den Kofferraum eines Autos gepfercht, das ihn durch Pakistan fuhrt. Und er klemmte sich unter einem Bus, der ihn aus dem Iran brachte. Im Winter, im T-Shirt. „Ich hätte nie zugelassen, dass meine Kinder auf so eine Reise gehen.“
Im vergangenen März wurde seine Tochter entführt. Taliban zerrten die 16-Jährige auf dem Weg zur Schule mit sich. Mahmouds Familie hat schon so lange kein Lebenszeichen mehr bekommen, dass sie inzwischen annimmt, das Mädchen sei tot. Auch einer der Söhne ist mehrfach von Taliban abgeführt worden, zum Verhör. Wo ist der Vater?, wollten sie wissen. Oder: Kommt er wieder? Dass der Junge immer wieder nach Hause durfte, lag daran, dass er beteuerte, nichts vom Vater zu wissen. Er sei abgehauen, log der Sohn. Man habe keinen Kontakt.
Die entführte Tochter
„Das kann sich ja kein Mensch vorstellen, was das bedeutet“, sagt Mahmouds Chef, der ihn mehr als einmal zum Arzt gebracht hat. Weil er so aufgelöst ist, wenn er erfährt, dass sein Sohn wieder verhört wurde. Oder seine Frau wieder einen Nervenzusammenbruch hatte. Oder weil er voller Verzweiflung mit dem Kopf auf den Boden hämmerte, nachdem seine Tochter entführt wurde.
Der Nachzug von Familien ist in Deutschland genau geregelt. Im Fall von Mahmoud sieht die Bürokratie folgendes Prozedere vor: Die Familie stellt bei der deutschen Botschaft in Afghanistan einen Antrag auf Familiennachzug und bucht einen Termin zum persönlichen Vorsprechen. Bei diesem Termin legt die Mutter dann sämtliche Pässe, Geburtsurkunden, Ehedokumente vor sowie die Aufenthaltsgenehmigung ihres Mannes in Deutschland.
Liegen alle Unterlagen vollständig und gültig vor, leitet die Botschaft den Antrag an die Ausländerbehörde in Mahmouds Wohnort weiter. Die prüft, ob alles seine Richtigkeit hat, meldet das zurück an die Botschaft, die dann schließlich der Familie Bescheid gibt. Nach der Bewertung des Flüchtlingsrats gibt es im Falle von Mahmoud rechtlich keinen Grund, den Nachzug seiner Frau und der Kinder zu verweigern.
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In der afghanischen Praxis jedoch ist das schon lange nicht mehr so einfach. Zum einen, weil die Antragsstelle der deutschen Botschaft in Kabul seit einem Bombenanschlag im Mai 2017 geschlossen ist. Seither mussten die Anträge in den Botschaften in den Nachbarländern gestellt werden, also in Neu-Delhi oder Islamabad. Und die waren, dies zum anderen, schon vor dem chaotischen Abzug des Westens aus Afghanistan so überlastet, dass es üblicherweise mehr als zwölf Monate dauerte, bis ein Antrag bearbeitet wurde. Und seither ist es noch schlimmer. Es ist riskanter geworden, überhaupt über die Grenze zu gelangen, um eine Botschaft im Nachbarland aufzusuchen. Und deren Termine, man ahnt es, sind noch rarer geworden. „Das ist eine unerträgliche Situation“, sagt Mahmouds Chef.
Würde jemand behaupten, dieser Chef sei hauptamtlicher Mitarbeiter beim Flüchtlingsrat oder bei Pro Asyl, gäbe es keinen Grund, daran zu zweifeln. Den Papieren nach zu urteilen, die sich auf seinem Schreibtisch stapeln, hat er in den vergangenen Monaten fast mehr für seinen Mitarbeiter getan als für seine Firma, ein mittelständisches Unternehmen mit mehr als 250 Angestellten.
Keine Reaktion aus Islamabad
„Ich benötige dringend Unterstützung bei der Familienzusammenführung unseres mehrjährigen Mitarbeiters“, schreibt er mehrfach an das Auswärtige Amt. „Die Familie muss dringend aus Afghanistan raus“, heißt es in seiner Mail an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Das Innenministerium fleht er fast an: „Die Familie benötigt einfach nur ein Visum oder eine Aufnahmezusage.“ Die Botschaft in Islamabad beschwört er nachgerade: „Bitte kontaktieren Sie mich persönlich. Ich kann alle Unterlagen sofort liefern.“ Eine Reaktion, die ihm weiterhilft, bekommt er nicht.
Stunden verbringt der Geschäftsmann in Warteschleifen – ohne je einen Gesprächspartner zu ergattern. Zigmal versucht er, online einen Termin in der Botschaft in Islamabad zu buchen – vergeblich. Nicht einmal Norbert Röttgen konnte ihm helfen. Der CDU-Politiker war im August, als die Lage in Afghanistan eskalierte, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, hatte also einen kurzen Draht ins Auswärtige Amt. Und weil Mahmouds Chef einen kurzen Draht zu Röttgens Kollege Eberhard Gienger aus seinem Wahlkreis hatte, keimte kurz eine Hoffnung auf: Kann Mahmouds Familie womöglich mit einem der letzten Flüge aus Afghanistan herausgebracht werden? Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.
Inzwischen hat sich Fabian Gramling Mahmouds Fall angenommen. Der CDU-Politiker hat bei der jüngsten Bundestagswahl Eberhard Gienger im Wahlkreis beerbt. „Wir müssen den Menschen helfen, die uns geholfen haben“, sagt Fabian Gramling, der bislang aber auch noch nicht helfen konnte.
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Berichte über die Situation in Afghanistan sind Horrorberichte. Sie handeln von extremem Hunger. Herrschern, die verfolgen. Bürgern, die verschwinden. Hoffnungen, die zerbrechen. „Afghanistan hängt an einem seidenen Faden“, sagte der der UN-Generalsekretär António Guterres im Januar. „Das Warten muss ein Ende haben“, fordert die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl – und verlangt, dass Anträge bei den Botschaften digital gestellt werden können und das Personal „massiv“ aufgestockt wird.
Seit der Machtübernahme der Taliban hat Deutschland rund 10 000 Visa für ehemalige Ortskräfte ausgestellt. Das teilte das Auswärtige Amt Anfang Februar mit. Darüber, wie es sich mit Anträgen von Nicht-Ortskräften verhält und wie viele Fälle unbearbeitet sind, gibt es keine Angaben. Auch nicht dazu, wie wahrscheinlich Familiennachzug im Moment erscheint. Die Anfrage für diesen Bericht blieb unbeantwortet. Aber man kann sich denken, dass die Flüchtlinge aus der Ukraine momentan mehr Aufmerksamkeit haben als Flüchtlinge aus Afghanistan.
„Das ist nachvollziehbar, aber nicht richtig“, sagt Mahmouds Chef, der sich wundert, wie viel Solidarität plötzlich möglich und wie wenig Bürokratie nötig ist. Er hat schon darüber nachgedacht, einen Privatjet zu organisieren und Mahmouds Familie auf eigene Faust retten zu lassen, den Plan aber wieder verworfen. Zu riskant. Nun hofft er, dass sich jemand bei Fabian Gramling meldet, der einzigen offiziellen Kontaktperson in dieser Geschichte. Jemand, der eine Idee hat, auf die bisher noch keiner kam.
„Ich werde nie vergessen, was hier für mich gemacht wird“, sagt Mahmoud, der nicht weiß, ob es hilft.