Der Weggang von mobilen Jugendarbeitern aus Böblingen ist ein schmerzlicher Verlust. Foto: Archiv/Bischof

Die Weggänge von mobilen Jugendarbeitern und Diakon Martin Rebmann schmerzen.

Böblingen - Die Nachrichten von den Abschieden kamen sehr überraschend: In der vergangenen Woche verkündete der langjährige Böblinger Jugendarbeiter Reiner Pravda seine Kündigung; schon zuvor hatte sein Kollege Matthias Rau, der für das Flugfeld zuständig war, Adieu gesagt und auch die Dritte in diesem Bunde, Lina Höppner, gibt aus familiären Gründen ihre Stelle auf. Damit liegt die Mobile Jugendarbeit in Böblingen bis auf Weiteres brach. Und das auf einen Schlag, nachdem dieses Team jahrelang gut zusammengearbeitet und viel getan hat für die Jugendlichen in Böblingen.

Eine Truppe, die zwar immer wieder von sich reden machte, deren Arbeitsergebnis aber ein Unsichtbares ist. Zugleich umso wichtiger für das Funktionieren der Gesellschaft, für das Miteinander und Nebeneinander von Jung und Alt. Welche Früchte die Arbeit trägt, lässt sich nicht in Zahlen oder Statistiken wiedergeben. Es sind vielmehr die weichen Faktoren, die den Ausschlag geben: Gespräche, Zuhören, nicht Wegschauen, eine Anlaufstelle geben, die Hand reichen.

Streetworker wie sie im Fachjargon heißen, suchen Kontakt zu Gruppen in der Gesellschaft, die von herkömmlichen Hilfeeinrichtungen nicht mehr erreicht werden. Im Fokus stehen Jugendliche, die durchs soziale Raster zu fallen drohen, denen Halt fehlt. Wie wichtig diese Arbeit ist, haben die vergangenen 15 Monate noch einmal überdeutlich gemacht. Bald jährt sich die Stuttgarter Krawallnacht vom 20. auf den 21. Juni 2020, in der Jugendliche und junge Erwachsene in wilden Horden durch die Stuttgarter Innenstadt marodierten und nicht nur Schaufenster einwarfen und Läden plünderten, sondern auch Polizisten mit Schlägen und Tritten traktierten. Ein nie dagewesener Gewaltexzess, der bis heute sprachlos macht.

Die Randale schwappte in der Folge auch nach Böblingen und ans Flugfeld, wo Unbekannte einem Streifenwagen die Reifen aufschlitzten und Flaschen nach einer Polizistin warfen. Sozialarbeiter Matthias Rau sagte zu den Vorfällen damals: „Wenn die Situation vielleicht zu eskalieren droht und die Jugendlichen sehen, dass wir Sozialarbeiter hinzukommen, hat das auf jeden Fall eine präventive Wirkung.“ Die wird jetzt solange fehlen, bis seine und die anderen beiden Stellen neu besetzt sind. Mehr noch: Mit Pravda, Rau und Höppner gehen auch unzählige Beziehungen und viel aufgebautes Vertrauen zur Klientel verloren. Es wird Jahre brauchen, bis dies wieder aufgebaut sein wird, wenn überhaupt je. Ein herber Verlust.

Sollte es stimmen, dass der Weggang im Führungsstil der zuständigen Fachvorständin im Verein für Jugendhilfe begründet liegt, muss sich der Verein unangenehmen Fragen stellen. Wie kann es sein, dass eine gut eingespielte Truppe nahezu zeitgleich das Weite sucht? Zumal die nun öffentlichen Vorgänge kein gutes Licht auf den Verein als Arbeitgeber werfen – was künftige Bewerber abschreckt und die Suche nach neuen Kräften erheblich erschwert.

Eine Rückschlag muss auch die katholische Gesamtkirchengemeinde Böblingen verschmerzen, nachdem Diakon Martin Rebmann seinen Abschied verkündet hat. Er tritt mit 60 Jahren noch einmal eine neue Stelle am Bodensee an, deren Herausforderung ihn gereizt hat. In Böblingen hinterlässt er eine große Lücke in der Seelsorge, die ebenfalls nur kommissarisch ausgefüllt werden kann, bis ein geeigneter Nachfolger gefunden wird.

Martin Rebmann hat mit seiner warmherzigen und verbindlichen Art nicht nur seine Rolle als Diakon sehr ernst genommen. Er war es auch, der die Flüchtlingshilfe in Böblingen ganz maßgeblich geprägt hat. Der Freundeskreis Flüchtlingshilfe hat auch dank ihm über 70 Wohnungen und Patenschaften an Geflüchtete vermittelt, eine Fahrradwerkstatt aufgebaut und viel für die Integration der Asylbewerber in die Gesellschaft getan. Seine Stimme und sein Wirken werden Stadt und Gemeinde fehlen.

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