Ringer Frank Stäbler bei der Arbeit: Der Athlet aus Musberg ist voll fokussiert auf die Olympischen Spiele in Tokio. Foto: dpa/Kadir Caliskan

Ein Blick auf die fünf größten Konfliktherde und die Frage: Wie riskant ist es, die Olympischen Sommerspiele in Japan mitten in der Pandemie unbedingt durchziehen zu wollen?

Tokio/Stuttgart - Sieben Wochen vor der Eröffnungsfeier wollen die Olympia-Macher an den Spielen im Sommer 2021 unbedingt festhalten, auch gegen den Willen der japanischen Bevölkerung. Ein Blick auf die aktuelle Lage.

Die Athleten

Frank Stäbler (31) ist nicht nur einer der erfolgreichsten Ringer, der Mann aus Musberg hat auch seine Gefühlswelt voll im Griff. Nach drei WM- und zwei EM-Titeln will er endlich eine Olympia-Medaille gewinnen, und diesem Ziel ordnet er alles unter. „Es ist mir egal, ob ich einen Monat in Quarantäne oder tausend Tests machen muss, ob Zuschauer da sind oder nicht, ich bin voll auf Erfolg programmiert“, sagt Stäbler, „mein Traum lebt, und wenn ich nur ein Prozent Zweifel hätte, könnte ich in der Vorbereitung auf die Spiele nicht jeden Tag an meine Grenzen gehen.“

Klar, nicht allen Sportlern gelingt es, die offenen Fragen und Probleme rund um Tokio 2020 (wie die Veranstaltung weiterhin offiziell heißt) derart auszublenden wie Frank Stäbler. Viele ringen mit sich, stellen sich angesichts der Pandemie die Sinnfrage. Zum Beispiel Christina Schwanitz (35). Die Kugelstoßerin plädierte schon im März für eine Verschiebung der Spiele in Japan auf 2024: „Dann hat die Welt Zeit, mit Corona zu leben. Und dann geht es nicht mehr um Angst, sondern tatsächlich wieder um den Sport.“ Zugleich erklärte Schwanitz, natürlich nach Tokio reisen zu wollen, sollte das Ereignis in diesem Sommer stattfinden. Denn auch für sie geht es – vor allem – um sportliche Erfolge, um Prämien, um Sponsorenverträge, um Fördergelder. Kurz: um eine Perspektive. Das sieht auch auch Fechter Max Hartung so. „Der Druck, sowohl aus dem Umfeld wie auch der selbstauferlegte“, sagt der Sprecher von Athleten Deutschland, „ist einfach gigantisch.“

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Folglich hat bisher noch kein potenzieller Olympia-Starter seinen freiwilligen Verzicht erklärt. Anders als Hans-Peter Durst. Der Radsportler, der 2016 bei den Paralympics in Rio de Janeiro Doppel-Gold holte, wird Tokio auslassen. Dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die Spiele unbedingt durchziehen wollen, hält er für „verantwortungslos. Denn es ist ein respektloser Umgang mit den vielen Menschen in Japan, die für eine Absage oder Verschiebung plädieren.“

Die Atmosphäre

Die Stimmungslage ist eindeutig. Umfragen zufolge lehnen mehr als 80 Prozent der Japaner eine Austragung der Spiele im Juli und August 2021 ab. Die Zeitung „Asahi Shimbun“, ein offizieller Olympia-Partner, bezeichnete die Veranstaltung inmitten der weltweiten Coronakrise als „Bedrohung für die Gesundheit“. Die IOC-Führung verhalte sich „selbstgerecht“ und missachte den Willen der Bevölkerung. In den sozialen Netzwerken wurde Präsident Thomas Bach massiv kritisiert, nachdem er erklärt hatte, dass für die Spiele eben „Opfer nötig“ seien. Das IOC versuchte zwar, die Wogen zu glätten und teilte mit, die Aussage sei nicht auf die Japaner bezogen gewesen („Jeder in der olympischen Gemeinde muss Opfer bringen, damit sich die Athleten ihren olympischen Traum erfüllen können“), doch eines ist offensichtlich: Nie war das Ringe-Spektakel in einem Gastgeberland weniger willkommen.

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Auch die Spiele selbst werden komplett anders sein als sonst – kein Sportfest der Begegnung, der Freude, der Ausgelassenheit. Stattdessen ein trostloses Treffen der Medaillenjäger, womöglich vor leeren Rängen. Maske auf, Augen zu – und durch? Ja, zumindest wenn es nach Dirk Schimmelpfennig geht. „Es werden Spiele, bei denen wir auf vieles verzichten müssen, was wir bei Olympia gekannt und geschätzt haben“, sagt der Chef de Mission der deutschen Delegation, und dennoch sei es das Wichtigste, „dass die Athleten ihre olympischen Wettbewerbe ermöglicht bekommen“.

Die Finanzen

Es gibt auch wesentlich höhere Schätzungen, doch als gesichert gilt, dass die Spiele Japan zumindest 13,6 Milliarden Euro kosten werden. Der größte Teil dieses Geldes ist für Infrastruktur und Organisation bereits ausgegeben, was Befürwortern wie Kritikern dasselbe Argument liefert: Finanziell hat der Ausrichter nicht mehr viel zu verlieren, egal ob die Spiele (ohne große Ticketerlöse) nun stattfinden oder nicht. Für das IOC sieht diese Rechnung anders aus. In jedem Vier-Jahres-Zyklus nehmen die Herren der Ringe zwischen fünf und sechs Milliarden Euro ein, größter Posten sind die TV-Verträge. Allein der US-Sender NBC soll für die Spiele zwischen 2014 und 2016 rund 3,7 Milliarden Euro überwiesen haben. Allerdings gibt es im Vertrag Klauseln für verschobene oder ausgefallene Veranstaltungen. Sollte Tokio 2020, für das NBC vor der Coronakrise angeblich Werbezeiten im Wert von einer Milliarde Euro verkauft hatte, auch im Sommer 2021 nicht stattfinden, droht dem IOC ein Verlust in zehnstelliger Höhe – was jeden Sportverband treffen würde: 90 Prozent seiner Einnahmen gibt das IOC an seine Unterorganisationen weiter. „Bleibt dieses Geld aus“, erklärt Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), „wäre der Weltsport nicht ansatzweise in der Lage, seine Strukturen zu erhalten – mit einem Dominoeffekt in alle Bereiche, bis hinunter zu Stützpunkten in Hinterzarten oder Schonach.“

Die Sicherheit

Die japanische Regierung hat den Coronanotstand für Tokio und acht weitere Präfekturen bis zum 20. Juni verlängert. Ein Ärzteverband in der Hauptstadt erklärte, das Gesundheitssystem sei bis an die Grenzen belastet, zudem liegt die Impfquote unter fünf Prozent. Und nun sollen etwa 78 000 Olympia-Akkreditierte aus mehr als 200 Ländern einreisen? Aus Sicht des IOC ist das kein Problem. „Die Spiele können wie geplant sicher für alle stattfinden“, sagt Vizepräsident John Coates. Wie er darauf kommt, ist auch für Fritz Sörgel ein Rätsel. „Olympische Spiele sind mehrere Fußball-Europameisterschaften auf engstem Raum, das ist ein Horrorszenario“, sagt der Pharmakologe, „wir wissen nicht, welche Coronamutationen da zusammentreffen, deshalb ist es unverantwortlich, diese Veranstaltung durchzuziehen.“ Auffällig ist, dass sich selbst Japans Regierungschef seit Neuestem etwas zurückhaltender äußert. „Es ist meine Pflicht, das Leben und die Gesundheit der Menschen zu schützen“, meinte Yoshihide Suga am Dienstag, „auf die Olympischen Spiele wird nicht die Priorität gelegt.“

Die Chancengleichheit

In Tokio will die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstmals den Trockenbluttest erproben, der es womöglich erlaubt, künftig häufiger und gezielter zu testen, weil der schwierige Transport von Blutproben erheblich vereinfacht wird. Für die Wettkämpfe in Japan spielt diese neue Variante noch keine Rolle. Dafür aber die Vergangenheit – denn in der Coronapandemie gab es weltweit nicht nur höchst unterschiedliche Trainingsmöglichkeiten für die Athleten. Zugleich war die Arbeit der Dopingfahnder erheblich eingeschränkt. Aus Sicht von Fritz Sörgel ist dies allerdings kein allzu großes Problem. „Wenn wir ehrlich sind“, sagt der Anti-Doping-Experte, „dann lehrt uns die Vergangenheit doch, dass es bei Olympischen Spielen noch nie Chancengleichheit gegeben hat.“