Klaus Kienle mit einem Mercedes Flügeltürer aus dem Jahr 1954 Foto: Simon Granville

Klassiker mit dem Stern wie der Flügeltürer werden heutzutage für Millionensummen verkauft. Auch ein Mann aus Ditzingen mischt mit. Zu den Kunden gehören Royals und Mario Gomez.

Gebannt verfolgt Sven Gramm in New York die entscheidenden Minuten der Geheimauktion. Immer wieder bietet einer der Interessenten noch mehr Geld für den aufwendig restaurierten Luxusoldtimer von Mercedes. Jedes Mal, wenn ein höheres Gebot eintrifft, verlängert sich die Auktion um weitere 90 Sekunden. Dann fällt der virtuelle Hammer: Im legendären Auktionshaus Sotheby’s endet die Online-Versteigerung des Mercedes 300 SL mit einem satten Millionenerlös, über dessen genaue Höhe sich Sven Gramm ausschweigt: „Der Kunde will, dass der Preis nicht genannt wird.“

Der Deal ist Teil eines enormen Markts rund um geschichtsträchtige Automobile, in dem viele mitmischen: Restaurierer, Gutachter, Spekulanten, Auto- und Auktionshäuser – und auch Mercedes und Porsche spielen mit. Autogeschichte und Klassiker strahlen auf den heutigen Markenwert der Unternehmen aus. Aber wie funktioniert eigentlich das Geschäft mit den mehr oder weniger betagten Edelkarossen?

Andy Warhols Mercedes

Bottrop. Die kreisfreie Großstadt liegt eingezwängt zwischen Gelsenkirchen, Essen und Oberhausen. Mitten im Ruhrgebiet liegt der Hauptsitz der Brabus-Gruppe, einem Unternehmen, das sich auf das Tuning und die Restaurierung von besonderen Automobilen spezialisiert hat – insbesondere auf Modelle mit dem Stern. „Wir haben als Kunden viele Königshäuser aus dem arabischen Bereich, aber auch aus Asien“, erzählt Sven Gramm von Brabus. „Da geht es um Status.“

Um im Handel oder bei Auktionen Spitzenpreise erzielen zu können, muss das Fahrzeug eine besondere Geschichte haben. Der in New York von Brabus versteigerte Flügeltürer besitzt sie zweifellos: Eine Fotografie von genau diesem Mercedes diente dem schillernden Künstler Andy Warhol als Vorlage für einen Siebdruck. Seine Pop-Art veredelt das Fahrzeug, ein „Warhol-Mercedes“ erhält ein ganz anderes Preisschild als ein gewöhnliches Fahrzeug dieser Baureihe.

Mit dem Flieger nach New York für 30 000 Euro

Vor dem Profit investierten die Experten in Bottrop: 4500 Arbeitsstunden flossen in die Restaurierung des Fahrzeugs. Geld steckte das Unternehmen auch in die Gutachten unabhängiger Fachleute, die die Echtheit des Fahrzeugs beglaubigten. Am Ende musste der Flügeltürer noch über den Atlantik nach New York gebracht werden. „Allein der Flug in der Frachtmaschine kostete uns 30 000 Euro“, erzählt Sven Gramm.

Klaus Kienle kennt die Konditionen, der Stern begleitet ihn schon sein ganzes Berufsleben. Mit 14 ging er „beim Daimler“ in die Lehre, machte den Meister, eignete sich ein umfangreiches Wissen im Motoren- und Karosseriebau an, bevor er sich schließlich selbstständig machte. Heute führt er die Kienle Automobiltechnik GmbH, den größten unabhängigen Restaurierungsfachbetrieb für klassische Mercedes-Benz-Automobile.

Manuel Neuer und Mario Gomez als Kunden

In Heimerdingen, einem Stadtteil von Ditzingen im Landkreis Ludwigsburg, stehen momentan rund 200 Fahrzeuge: Mercedes 107er, Pagode, Flügeltürer – Klaus Kienle hat sie alle, und er verkauft sie seit Jahrzehnten. Eher nicht an Hinz und Kunz, sondern beispielsweise an Mitglieder des Königshauses von Malaysia, an Manuel Neuer, Mario Gomez oder den Schönheitschirurgen Werner Mang. Und an viele weitere nicht prominente Kunden, die über das nötige Kleingeld und ein Herz für automobile Klassiker verfügen.

Kienle hat das Preisbarometer im Kopf: Gerade auf den Mercedes 300 SL „gibt es seit einem halben Jahr einen unheimlichen Run“. Die Preise seien zuletzt binnen zwei Jahren von durchschnittlich 1,2 auf bis zu 1,8 Millionen Euro geklettert, beim Roadster seien auch schon mal zwei Millionen Euro erlöst worden. „Jedes zweite Auto verkaufen wir in die USA“, erzählt Kienle. „Und wenn sie dort weiterverkauft werden, gibt es noch bessere Preise.“ Der im Vergleich zum Dollar derzeit schwache Euro beschert den deutschen Luxuskarossen in Amerika eine Sonderkonjunktur.

Im Mercedes-Benz Classic-Center überprüft

Bei solchen Preisen wollen die Käufer nichts dem Zufall überlassen. So schickt Kienle seine Klassiker vor dem Verkauf ins Mercedes-Benz Classic-Center nach Fellbach – dort wird das jeweilige Fahrzeug auf Herz und Karosserie gecheckt, die Gutachter überprüfen alles von der Fahrgestellnummer über den Lack bis zum Kennzeichen und schlüsseln die gesamte Geschichte des Autos auf. „Das ist das Beste, das es gibt“, sagt Klaus Kienle. „Kostet aber auch 20 000 Euro.“

Das Geschäft läuft, inzwischen auch mit Klaus Kienles Söhnen Alexander und Marc in der Geschäftsleitung. Der Seniorchef kann sich dank seines Netzwerks darauf verlassen, dass ihm immer wieder neue Fahrzeuge angeboten werden. „Viele haben in den 1970er oder 1980er Jahren Klassiker gekauft. In manchen Fällen haben deren Kinder kein Interesse und verkaufen die Autos bestmöglich.“

Ein Auto für 135 Millionen Euro

Welches Potenzial der Markt für Klassiker in Ausnahmefällen besitzt, zeigt ein Fall aus dem Mai dieses Jahres: Mercedes versteigerte seinen Designklassiker Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut Coupé zum Rekordpreis von 135 Millionen Euro für einen guten Zweck. Dreistellige Millionensummen erreichen auf dem Kunstmarkt sonst nur die teuersten Impressionisten. Mercedes konkurriert mit Monet.

So schätzt Mercedes den Klassikermarkt ein

Bewertung Spektakuläre oder seltene Vorkriegsklassiker der Marke mit Stern seien nach wie vor in den Ergebnislisten der Auktionshäuser weit oben zu finden, so Mercedes zum Marktgeschehen. Darüber hinaus seien besonders die sogenannten Postercars gefragt, viel gezeigte Modelle, die zwischen den 1980er Jahren und den frühen 2000ern produziert wurden. Hierzu gehören beispielsweise frühe AMG-Modelle oder der CLK-GTR.

Versteigerung Eigene Auktionen wie der Verkauf des 300 SLR Uhlenhaut Coupés im Mai dieses Jahres bleiben die Ausnahme, so Mercedes. „Wir sind jedoch im regelmäßigen Austausch mit Auktionshäusern, um ein möglichst vollständiges Bild vom aktuellen Marktgeschehen zu bekommen.“