Sind komplett ins Spielen vertieft: Kinder in der Kita Stieglitzer Weg. Foto: Thomas Bischof/Archiv

Personalmangel an allen Ecken und Enden und viele unzufriedene Eltern: Andrea Ragnit, Leiterin der Abteilung Kinderbetreuung im Amt für Bildung und Betreuung in Sindelfingen, erklärt im Interview die Gründe für den Ausfall.

Sindelfingen - Die Corona-Pandemie setzt auch den Erzieherinnen und Erziehern in den Sindelfinger Kindertagesstätten zu - von Beginn an. An den Rändern der Betreuungszeiten muss seit einem Jahr wegen Personalengpässen gekürzt werden. Warum das so ist, darüber gibt Andrea Ragnit (57), Leiterin der Abteilung Kinderbetreuung in Sindelfingen, Auskunft.

Frau Ragnit, Sie müssen in einzelnen Einrichtungen Früh- und Spätbetreuungszeiten reduzieren. Das schmeckt vielen Eltern gar nicht. Können Sie das verstehen?

Ja, das kann ich. Manche reagieren auf diese Einschränkungen zunehmend ungehalten, das ist so - verständlicherweise. Ein Großteil der Eltern bringt jedoch nach wie vor auch Verständnis für unsere Situation auf. Dafür ganz herzlichen Dank!

Aber es ist, wie es ist? Und schwer zu ändern?

Wir mussten Reduzierungen in den Öffnungszeiten vornehmen, weil sich die Personallage verschärft hat. Das war uns allemal lieber, als ganze Gruppen zu schließen. Aber auch das müssen wir nun zeitweise, tageweise tun, leider. Von den Reduzierungen sind 13 Kitas von 35 betroffen.

Deutlich erhöhter Krankenstand durch Corona

Was ist die Ursache für den Personalnotstand?

Wir müssen die Coronaverordnungen des Landes einhalten. Mitarbeitende aus den Risikogruppen, also etwa mit chronischen, mit Langzeiterkrankungen, fallen damit aus - im Zweifel sind sie von jetzt auf gleich weg. Der Krankenstand ist deutlich erhöht. Personal mit einschlägigen Erkältungssymptomen darf sicherheitshalber nicht beschäftigt werden. Und die eine oder andere junge Erzieherin wird schwanger. Sobald es einen positiven Schwangerschaftstest gibt, gibt es ein sofortiges Beschäftigungsverbot.

Sind das Einzelfälle, oder kommt das gehäuft vor?

Das sind schon deutlich mehr als nur Einzelfälle.

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Und wie sieht diese Problem-Ballung dann in Summe aus?

Wir haben 72 Stellen, in Vollzeit gerechnet, auf dem Papier zwar besetzt, aber de facto sind diese Beschäftigten nicht vor Ort. Das ist, wie Sie sich vorstellen können, eine riesige Lücke, die sich da aufgetan hat. 16 Aushilfen, die wir einsetzen, sind zwar eine deutliche Entlastung, lösen das Problem aber nicht.

Dabei liegt doch Sindelfingen über dem Mindeststandard bei der Stellenbesetzung, wie er vom Kommunalverband für Jugend und Soziales, Ihrer Aufsichtsbehörde, vorgegeben wird.

Ja, wir liegen momentan fürs Stadtgebiet um 32 Stellen über den Mindestvorgaben. Wäre das nicht so, hätten wir Zeit-Reduzierungen und/oder Schließungen schon früher machen müssen. Wir unternehmen große Anstrengungen, um offene Stellen nachzubesetzen. Wichtig ist mir natürlich auch zu sagen, dass definierte Betreuungsblöcke, die wir nicht mehr anbieten, von den Eltern selbstverständlich auch nicht bezahlt werden müssen.

Es fehlen 21 Vollzeitkräfte

Wie sieht es mit den Impfungen aus bei Ihren Beschäftigten?

Wir hoffen, dass bis September jeder, der/die dazu bereit ist, eine Doppelimpfung hat.

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Von Eltern- und Elternbeiratsseite wird auch kritisiert, dass an manchen Einrichtungen Personal fehle - wenn man so will beinahe unabhängig von Corona beziehungsweise dadurch verstärkt.

Ja, der Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt setzt uns auch zu. Es sind aktuell 21 Vollzeitstellen unbesetzt.

Dabei heißt es unter Gemeinderäten, Sindelfingen sei im Erziehungsbereich ein attraktiver Arbeitgeber. Ist das denn nicht so?

Der Gemeinderat hat bereits 2011 einen höheren Personalschlüssel an den Kitas in Sindelfingen beschlossen, wofür wir bis heute dankbar sind. Mehr Verfügungszeiten zur Vor- und Nachbereitung und für Elterngespräche und die Leitungsfreistellung sind wichtige Errungenschaften. Auch drei pädagogische Tage pro Jahr und unser Fortbildungsplan sind ein Pfund. Aber das Alleinstellungsmerkmal, das wir dadurch noch vor zehn Jahren hatten, ist so nicht mehr ganz vorhanden; der Wettbewerb um pädagogische Fachkräfte hat sich deutlich verschärft.

„Sindelfinger Geist“

Was tun Sie, um Ihre eigenen Azubis bei Laune zu halten – immerhin rund 50 an der Zahl?

Wir sind sehr bemüht, ihnen eine bestmögliche Ausbildung zu garantieren. Und weil wir ja eine hohe Zahl an Reggio-zertifizierten Kitas haben, nehmen diesen kindzentrierten pädagogischen Ansatz viele begeistert mit und als Chance für ihren Beruf, der sie ja ausfüllen, ihnen wie den Kindern Freude machen soll.

Sie versuchen sozusagen, in die nachwachsende Erzieherinnen-Generation einen Sindelfinger Geist zu implantieren? (Lacht) Wenn Sie so wollen – ja. Und das aus vollster Überzeugung.

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