Die Fundstelle im Stadtteil Birkenäcker in Bad Cannstatt. Foto: Steegmüller

Am Donnerstag müssen 6000 Menschen ihre Wohnungen verlassen, weil in Bad Cannstatt eine Bombe gefunden wurde. Nicht alles an dem Einsatz verläuft problemlos.

Normalerweise hat Ralf Vendel, der Chef des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Baden-Württemberg, nach einer erfolgreichen Bombenentschärfung gute Laune. Verständlich. Denn dann haben seine Fachleute wieder einmal eine im Boden schlummernde tödliche Gefahr für die Bürgerinnen und Bürger beseitigt – und sind vor allem auch gesund und unbeschadet aus dem Einsatz zurückgekehrt. Dieses Mal ist er am Tag danach noch etwas sauer. Denn nicht nur war der Einsatz aufgrund des Zustands der Bombe besonders anstrengend, er sei auch noch unnötig verzögert worden. „Da wollte jemand in unmittelbarer Nähe des Fundortes nicht aus seiner Wohnung. Und vorher können wir nicht anfangen. Dafür habe ich kein Verständnis“, sagt Vendel.

6000 Menschen müssen das Gebiet für die Entschärfung verlassen

Der Einsatz spielte sich am Donnerstag in Bad Cannstatts Stadtteil Birkenäcker – zwischen Hallschlag und Pragsattel – ab. Bei Bauarbeiten stieß ein Baggerführer dort zur Mittagszeit auf einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Arbeiten wurden sofort gestoppt, der Kampfmittelbeseitigungsdienst alarmiert. Das war gegen 12.30 Uhr. Aber erst um 22.20 Uhr war der Einsatz beendet. „Und meine Leute sind seit 7 Uhr im Dienst gewesen zum Teil“, so Vendel. Man müsse härter gegen solche Verweigerer vorgehen, fügt er hinzu. Es dauerte so lange, weil ein Schutzbereich im Radius von 500 Metern um die Fundstelle eingerichtet wurde. Dieser wurde auch evakuiert. Die Entschärfung darf erst beginnen, wenn kein Mensch mehr im Gefahrenbereich ist – außer den Fachleuten.

Die geborgene Bombe Foto: Polizei Stuttgart

Die Polizei kennt den Fall, über den Vendel schimpft: „Ein stark alkoholisierter Mann wollte nicht aus seiner Wohnung, hat auch unsere Einsatzkräfte beschimpft. Sie mussten leider unmittelbaren Zwang anwenden, um ihn wegzubringen“, schildert die Polizeisprecherin Charlotte Weller. Er sei dann auch zur Ausnüchterung in den Polizeigewahrsam gebracht worden.

„Die Dauer der Evakuierung hat aber viele Gründe“, fügt sie hinzu. So habe man im Laufe des Nachmittags mehrfach mit Leuten diskutieren müssen, „das hat natürlich auch gedauert“. Hinzu komme, dass auch bettlägerige Menschen und Kranke in dem Bereich wohnen. „Die muss man einzeln mit Krankentransporten abholen, auch das braucht natürlich Zeit“, fügt Charlotte Weller hinzu. Aber der Fall mit dem Mann, der Widerstand leistete, war spät am Abend, deswegen sei er wohl als letzte Verzögerung im Gedächtnis geblieben.

Die Entschärfung war „sehr brenzlig“

Auf die Entschärfer wartete dann am späten Abend eine besonders herausfordernde Aufgabe. Die Bombe hatte 500 Kilogramm – das ist schon mal eine Besonderheit, denn wesentlich häufiger sind die mit 250 Kilogram. Zudem war der sogenannte Aufschlagzünder schon durchgeschlagen. Ralf Vendel erklärt, was das bedeutet: „Man konnte nicht wie sonst einfach den Zündsatz entfernen. Denn die Zündnadel lag schon auf dem Detonator“, das ist das Teil, dass die Explosion auslöst. Die Zündladung hätte also jederzeit hochgehen können. Beim Aufprall war die Zündnadel in die Position gedrückt worden, das ist das Prinzip der Aufschlagzünder gewesen. Der Einsatz sei daher „Schon sehr brenzlig“ gewesen, erläutert der Chef des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Man habe die Fundstelle deswegen auch mit Sandsäcken gesichert.

Die Feuerwerker, wie die Spezialisten heißen, bauten laut Vendel die gesamte Zündbuchse aus. „Und sie mussten sie dann an Ort und Stelle vernichten – also sprengen.“ Der Knall sei in der Umgebung deutlich zu hören gewesen. Für Vendel der Beweis: „Jede Entschärfung ist ein Meisterstück für sich – keine ist wie die andere.“ Seine Leute müssten hoch konzentriert arbeiten – auch deswegen hat er kein Verständnis für Menschen, die nicht aus dem Gefahrenbereich zu bewegen sind. „Da sind Hunderte im Einsatz, das kostet doch auch Geld und Nerven“, sagt er. Wenn der Einsatz schon begonnen hat und plötzlich wieder eine Person im Schutzradius auftaucht, „dann müssen wir sofort abbrechen.“

Die Entschärfung am Donnerstag war ungeplant, weil die Bombe plötzlich bei Bauarbeiten auftauchte – und dabei auch noch bewegt wurde. Ein Warten kam daher nicht infrage. Anders sieht es aus, wenn die Fachleute vom Kampfmittelbeseitigungsdienst bei der Auswertung von Luftbildern oder Sondierungen eines Gebiets vor dem Beginn von Bauarbeiten etwas im Boden finden. Dann kann man die Entschärfung auf ein Wochenende legen, wenn wenig los ist. Aber im vorliegenden Fall musste umgehend gehandelt werden.

Vor der Entschärfung mussten 6000 Menschen den Gefahrenbereich verlassen. Foto: Steegmüller

Wie oft noch in Stuttgart Alarm geschlagen werden muss wegen Blindgängern, das weiß niemand. „Es liegt noch viel im Boden. Wir haben noch auf Jahrzehnte gesehen viel zu tun“, schätzt Vendel. Aber eine genaue Zahl oder auch nur eine zuverlässige Schätzung habe niemand. Es gebe nämlich kein verlässlichen Aufzeichnungen. „Wir wissen nicht, was im Krieg und danach schon abtransportiert wurde“, sagt Vendel. Erst ab den 1950er Jahren lägen Aufzeichnungen vor, diese seien aber nicht sehr präzise.