Können Wachstum und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen? Am Montagabend diskutieren die Kandidaten für den Landtag im vollen Böblinger Kino Bären. Die AfD blieb der Diskussion fern.
Arbeitsplätze behalten, in Energien der Zukunft investieren: Zwei Themen von eminenter Bedeutung für die Zukunft, und wie verhalten sie sich zueinander? „Wachstum und Nachhaltigkeit – wie geht das?“ lautet das Motto, am Montagabend. Die Kandidaten des Wahlkreises Böblingen bei der Landtagswahl diskutierten. Die Regionalgruppe Omas for Future hat geladen, der Saal im Kino Bären ist voll besetzt, die Kandidaten sprechen klare Worte.
„Wir haben die Möglichkeiten in der Hand, wir müssen es nur machen.“
Thekla Walker, Grüne Landesministerin, zur Windkraft
Auf dem Podium im Kinosaal: Regina Dvořák-Vučetić, Kandidatin der CDU, Marcel Kläger (Die Linke), Patrick Kulinski (Volt), Benjamin Salameh (Bündnis Sahra Wagenknecht), Florian Wahl (SPD), Christine Watrinet (FDP) und Thekla Walker, Landtagsabgeordnete der Grünen und seit 2021 Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes. Christine Schäfer, Kandidatin der AfD, sagte die Teilnahme an der Diskussion aus zeitlichen Gründen ab. Jan-Philipp Schlecht, Chefredakteur unserer Zeitung, moderiert. Der Abend zerfällt in zwei Teile – die Podiumsdiskussion und eine Fragerunde im Saal. Karl-Heinz Rau von Omas for Future begrüßt das Publikum und übernimmt später übernimmt später die Abwicklung der Fragerunde.
Wachstum und Nachhaltigkeit, die beiden Themen des Abends, werden diskutiert natürlich im Hinblick auf die Energiepolitik, die Windkraft vor allem, und die wirtschaftliche Entwicklung, speziell die Autoindustrie. Schnittstellen ergeben sich. Eine Übereinstimmung der Kandidaten in grundsätzlichen Fragen, aber auch Abgrenzungen werden deutlich. Konzepte zur Nachhaltigkeit müssten finanziert werden, fordert Patrick Kulinski (Volt) beispielsweise, während Christine Watrinet (FDP) darauf hinweist, dass die Wirtschaft gewonnen werden müsse, um die Anpassung an den Klimawandel zu vollziehen.
Marcel Kläger (Linke) und Florian Wahl (SPD) bringen soziale Aspekte ins Spiel. Thekla Walker (Grüne) weist darauf hin, dass im Landkreis bislang noch kein Windrad existiere, wobei Planungen bereits im Gange seien: „Wir haben die Möglichkeiten in der Hand, wir müssen es nur machen.“ Dass Unternehmen aus eigener Initiative im Land Windkraftanlagen errichten könnten, wird von Thekla Walker ausdrücklich befürwortet. Regina Dvořák-Vučetić (CDU) indes plädiert für eine Mischnutzung fossiler und erneuerbarer Energien und hält das Jahr 2035 als Ziel der Klimaneutralität im Kreis für zu kurz gefasst.
In Böblingen gibt es viele Vorurteile gegen Windkraft
Die Geister scheiden sich auch an der Regelung, mit der der Bund den Regionen eine Umsetzung der Windkraft auf einer Fläche von 1,8 Prozent zugewiesen hat, vor allem, da im Großraum Stuttgart weniger Flächen verfügbar sind und größere Interessenkonflikte bestehen. Thekla Walker verteidigt die Regelung: „Viele Regionen machen mehr und wollen das auch, weil sie den Standortvorteil sehen.“ Gerade im Raum Böblingen, mutmaßt die Ministerin, spielten beim Widerstand gegen die Windkraft weniger Sachargumente, als vielmehr Vorurteile eine Rolle: „Not in my Backyard!“ – eine Haltung, die auch von Patrick Kulinski und Christine Watrinet demontiert wird. Dass Windräder nämlich keineswegs eine Minderung der Lebensqualität darstellen müssen, sondern von der Bevölkerung angenommen und in die Natur integriert werden können, das hat Kulinski bei Reisen ins windradreiche Franken beobachtet, und das weiß Watrinet aus ihrer norddeutschen Heimat.
Baden-Württemberg jedoch, stellt Thekla Walker fest, bildete in dieser Entwicklung immer schon das bundesweite Schlusslicht. „Es liegen mehr als 1400 Anlagen zur Genehmigung vor. Viele wollen das jetzt in Baden-Württemberg realisieren.“ 60 Prozent des erzeugten Stroms in Baden-Württemberg, so Walker, stamme bereits aus nachhaltigen Quellen, dennoch würden in Deutschland jährlich 80 Milliarden Euro in fossile Energie investiert. „Dadurch machen wir uns abhängig und erpressbar.“
Benjamin Salameh (BSW) äußert die Sorge, dass mit der Energiewende Mobilität zum Luxus werden könne. Dass es insgesamt zu wenig Ladestationen für E-Autos gebe, wird allgemein beklagt, auch, dass in Deutschland keine E-Autos im erschwinglichen Preissegment produziert werden. Florian Wahl betont, dass die Debatte um Nachhaltigkeit und Wirtschaft auch unter einem Druck von rechts stattfindet, in Konkurrenz zu politischen Akteuren, die den Klimawandel an sich infrage stellen. Er spricht von Beschäftigten, die Angst haben, fordert, dass die Transformation der Strukturen auch in den Zulieferbetrieben stattfinden müsse: „Die Stimmung am Band ist schlecht.“
Darin, dass dem E-Auto die Zukunft gehört, sind alle, die im Kino Bären diskutieren, einig. Während Regina Dvořák-Vučetić einen Wandel befürwortet, der zeitlich offen voranschreitet und auch Wasserstoffe oder E-Fuels als Antriebsstoffe in Betracht zieht, drängen Thekla Walker und Florian Wahl auf die zügige Umstellung. „Nostalgie“, so Walker, „sichert keine Arbeitsplätze in der Zukunft. Derzeit hängt uns China bei allen E-Fahrzeugen meilenweit ab.“ Die grüne Ministerin bekennt sich deutlich zum Auto aus Baden-Württemberg, sagt aber: „Wenn wir weiter erfolgreich wirtschaften wollen, müssen wir uns neu aufstellen, sonst werden wir auf allen Märkten abgehängt. Wenn wir es in zehn Jahren nicht geschafft haben, haben wir keine Chance mehr.“