Götz Graf Bülow von Dennewitz im Dätzinger Schloss Foto: Schlichtenmaier

Grafenau - Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Maltesersaal bildete den Rahmen für einen ebenso informativen wie lebendig vorgetragenen Vortrag von Götz Graf Bülow von Dennewitz, Leiter des Forstbezirks Schönbuch bei ForstBW.

Im Mittelpunkt stand die Entwicklung der königlichen Hofjagden im Herzogtum und späteren Königreich Württemberg – ein Thema, das nicht nur jagdgeschichtlich, sondern auch kulturpolitisch von großer Bedeutung ist.

Bülow: "Neben Pirsch-, Parforce- und Treibjagden hatte die sogenannte Festin-Jagd eine besondere Ausprägung. Diese Form der Jagd stellte ein regelrechtes Großereignis dar, das in seiner Inszenierung an ein höfisches Theater erinnerte."

Die Festinjagden bezogen den gesamten Hofstaat ein. Festliche Kleidung, eine aufwendige Organisation und ein streng choreografierter Ablauf gehörten ebenso dazu wie opulente Bankette, musikalische Darbietungen und teilweise sogar theatralische Inszenierungen. Die Jagd selbst – vor allem auf Hochwild und Schwarzwild – bildete den Mittelpunkt eines gesellschaftlichen Gesamtereignisses, das eher einem höfischen Schauspiel als einer heutigen Jagd entsprach.

Als ein Höhepunkt dieser Festin-Jagden gilt die Jagd in Schloss Bebenhausen anlässlich des 58. Geburtstags von König Friedrich I. von Württemberg. Nach heutigen Maßstäben werden die Kosten auf rund 40 Millionen Euro geschätzt. Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel stellte die Jagd am 25. Juni 1810 auf dem Baumberg mit anschließender Feier im Schloss Dätzingen dar. Über dieses Ereignis berichtet der Calwer Augenzeuge Gottfried Ferdinand Staelin. Seinen Aufzeichnungen zufolge waren zwischen 4.000 und 5.000 Menschen drei Wochen damit beschäftigt, das Wild in weitem Umkreis zusammenzutreiben, einzuhegen und am eigentlichen Jagdtag auf der Baumwiese des Baumbergs durch eine eigens errichtete Arena zu treiben.

Staelin berichtet, dass „die ganze hiesige Noblesse (und) .. beinahe alles aus der umliegenden Gegend … sowie die Stuttgarter Hofgesellschaft“ anwesend gewesen sei. Für die zuschauenden Honoratioren wurden Gerüste errichtet, die die Menschenmengen kaum zu fassen vermochten. Das Jagdergebnis war entsprechend umfangreich: Über 60 Hirsche sowie Wildschweine und Rehböcke wurden in großer Zahl erlegt. Die Jagd war damit nicht nur gesellschaftliches Großereignis, sondern auch eine Demonstration fürstlicher Jagdgewalt.

Graf Bülow lenkte den Blick auch auf einen weniger glanzvollen Aspekt dieser Großereignisse. In den Berichten ist von Landreitern die Rede, die eingesetzt wurden, „um den herandringenden zahlreichen Pöbel zurückzuhalten“. Darin könnten sich bereits erste Anzeichen gesellschaftlicher Spannungen und möglicher Proteste widerspiegeln. Denn die Jagden belasteten die Bevölkerung erheblich.

Die hier beschriebenen große Festin-Jagden in Dätzingen und Bebenhausen sollten eine der letzten ihrer Art in Württemberg bleiben. 1815 wurde der Wildschaden ebenso wie die als drückend empfundenen Jagddienste zu einem zentralen Punkt in der Beschwerdeschrift der Landtagsabgeordneten. König Friedrich I. reagierte schließlich auf den wachsenden Druck und erließ am 19. April 1815 ein Dekret, das die belastenden Jagdfronen einschränkte und die stärksten Auswüchse der Riesenjagden unterband. Damit war die Durchführung solcher aufwendigen Hofjagden faktisch nicht mehr möglich.

Unter seinem Nachfolger König Wilhelm I. und im Revolutionsjahr 1848 kam es schließlich zu einer grundlegenden Wende hin zur bürgerlichen Jagd. Die Jagd verlor ihren ausschließlich höfischen Charakter und entwickelte sich zu einer stärker privat getragenen Praxis.

Das große Interesse des Publikums im Maltesersaal machte deutlich, dass diese historische Epoche bis heute fasziniert – nicht zuletzt, weil sie ein Spiegelbild der damaligen Machtverhältnisse und gesellschaftlichen Entwicklungen darstellt.

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