Kai Gotthardt vom Zweitligisten Club Dart Force One aus Beilstein an der Grenze zum Kreis Ludwigsburg legte bei der Dart-Weltmeisterschaft in London eine starke Premiere hin und weiß, warum man auf einen deutschen Weltmeister noch warten muss.
Die Pfeile sirren durch die Luft, der Alexandra Palace in London tobt, eine Mischung aus gemeinschaftlichem Glück und Ekstase erfasst die Menschen, doch einer bleibt in der aufgeladenen Atmosphäre ganz bei sich: Kai Gotthardt kann das Spektakel im legendären Dartstempel Ally Pally auf der riesigen Bühne komplett ausblenden. Nur beim Einlaufen zum Titel „Unstoppable“ von Sia war er sichtlich ergriffen bei seinem ersten Start bei einer Darts-Weltmeisterschaft.
„Das war sehr besonders, vor allem, weil man die vielen deutschen Fans rausgehört hat“, sagt Gotthardt. Unter den 3500 Gästen waren rund ein Viertel Deutsche, die sich lautstark bemerkbar machten. The Tunnel, wie Gotthardts Nickname lautet, wirft in der zweiten Bundesliga für den Beilsteiner Club Dart Force One auf die Scheibe, die für ihn die Welt bedeutet. „Dort haben sie bei der WM extra das Vereinsheim aufgemacht und die Spiele dort verfolgt“, sagt der 28-Jährige. Mit der besten Serie seiner Karriere beim Endturnier der Super League in Hildesheim Anfang November hatte er das WM-Ticket gelöst.
Zehnmal hörte The Tunnel die 180 im Ally Pally
Doch wie ist es ihm ergangenen bei seiner Premiere? Gotthardt überraschte in seinem Erstrunden-Spiel und besiegte den Schotten Alan Soutar nach Leg-Rückstand mit 3:1. In der zweiten Runde verlor er gegen den Weltranglisten-Achten Stephen Bunting, der später erst im Halbfinale an Wunderwerfer Luke Littler scheiterte. „Ich habe die Chance, in den Sätzen auf 2:0 zu stellen, leider nicht genutzt, sonst wäre vielleicht mehr möglich gewesen“, sagt der Pfeilwerfer mit Wohnsitz in Aichwald. Dennoch war er zufrieden: Zehnmal hörte er das laute „Onehundredandeighty“ des Ergebnis-Ansagers, dem Wesenskern des wilden Treibens, und am Ende stand ein Durchschnitt von 90 bei seinen Würfen. „Aber wenn man mit den ganz Großen mithalten will, muss man über 100 im Schnitt werfen“, sagt Kai Gotthardt.
Deutsche Pfeilwerfer scheitern früh
Das ist auch den anderen fünf Deutschen in den Tagen von London nicht gelungen, die in der entscheidenden Phase des Turniers wieder nur Zuschauer waren. Es wird deshalb noch dauern, bis der erste Deutsche den prestigeträchtigen Wettbewerb gewinnen wird. Die Kollgen und er kämpfen laut Gotthardt mit der immer größeren Leistungsdichte ihres Sports.
Grundsätzlich hat die Zahl an deutschen Darts-Profis in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Aber im Vergleich zu den Briten, wo Darts immerzu ein praktizierter Kneipensport gewesen ist, ist die Sportart hierzulande erst dabei, einem größeren, jungen Publikum bekannt zu werden. „Dadurch fehlt den Deutschen noch der Unterbau an Darts-Spielern – was sich auch auf die Konkurrenzfähigkeit an der Spitze auswirkt“, sagt der 29-Jährige.
Gotthardt wird jetzt auf der Straße erkannt
Er genießt die neue Popularität: In Esslingen wird er inzwischen auf der Straße erkannt, womit er nicht gerechnet hat. Und nach seinem WM-Ausscheiden kommentierte er für den übertragenden Sender Sport1 als Experte ein Match. „Das hat Spaß gemacht und vielleicht sitze ich bald wieder am Mikrofon“, sagt Gotthardt. Aber noch viel lieber würde er eine der begehrten Tourkarten erwerben, die man benötigt, um an der Pro Tour der Professional Darts Corporation (PDC) teilnehmen zu können. Gotthardt war schon oft nah dran.
In der kommenden Woche gibt es eine weitere Chance für ihn – ab dem Dreikönigstag startet im niederrheinischen Kalkar die Q- School, bei der bis zum 12. Januar rund 16 Tickets vergeben werden.
„Ich fahre am Sonntag selbstbewusst dahin und bin guter Dinge“, sagt Kai Gotthardt. Um Weihnachten herum hat er gut regeneriert, die letzten Tage rund um den Jahreswechsel aber wieder intensiv trainiert. Und wenn es nicht klappen sollte mit der ersehnten Tourcard? „Dann gehe ich weiter meinen Weg und spiele Turniere, die für mich möglich sind“, sagt Gotthardt. Das Ziel ist klar: ein weiterer Start im Ally Pally.