Im Zweiten Weltkrieg kommt es in Esslingen zu einem dramatischen Ereignis. Eine Reportage darüber inspiriert Jahre später eine Band aus dem Rems-Murr-Kreis.
Dass Medienberichte etwas bewirken können, ist unbestritten. Ein Schmunzeln vielleicht, Aufregung, ein Leserbrief, eine Demonstration oder den Rücktritt eines Politikers. Dass eine Reportage in einem Rocksong mündet, kommt eher selten vor – doch genau das ist jetzt im Rems-Murr-Kreis geschehen. Die Band Ghibellian Creek hat ihre Single Heart Beats Steel neu veröffentlicht, deren Text auf eine Reportage zurückgeht. Die Geschichte, die dahintersteckt, wäre ohne Weiteres auch ein Stoff für eine Serie oder einen Kinofilm.
Alles beginnt an einem Tag im März 1945 in Esslingen. Der damals zwölf Jahre alte Willi Lengerer will mit seinem Großvater und einem Leiterwagen mit Heu die Mettinger Neckarbrücke überqueren, als sie vom Himmel das sonore Brummen zweier Jagdbomber vernehmen. Sie wissen um die Tieffliegerangriffe, bei denen angreifende Piloten keinen großen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten machen. Zwei P-47 Thunderbolt drehen auf die beiden ein, die schon glauben, ihr letztes Stündlein habe geschlagen.
Ein Schicksalsmoment: Der Kampfpilot verschont die beiden
Doch im letzten Moment ziehen die Flugzeuge hoch. Keine Bombe löst sich, keine Bordwaffe rattert. Warum das so war, hat unser Redakteur Ulrich Stolte vor zehn Jahren berichtet. Willi Lengerer hatte herausgefunden, dass am Steuerknüppel einer der Thunderbolts ein gebürtiger Mettinger saß, der nach seiner Migration in die Vereinigten Staaten für die US Army Air Force flog – und nun über seiner Heimatregion. An jenem Tag entschied er sich gegen einen Angriff, und die beiden Lengerers durften weiterleben.
Zehn Jahre später ist aus dem Vorfall ein Rocksong geworden. Dahinter steckt die Band Ghibellian Creek aus dem Remstal. „Eigentlich ist es eher ein Studioprojekt als eine offizielle Band“, sagt Sänger Dennis Metzner aus Schorndorf. Denn Ghibellian Creek, deren Name sich von einem alten Spitznamen der Rems ableitet, sind zur Zeit des Corona-Lockdowns entstanden. „Jeder von uns hat Ideen beigetragen und seine Parts aufgenommen, ohne dass wir je zusammen geprobt hätten“, sagt der Hobbymusiker. Neben dem 47-Jährigen wirken auch der Keyboarder Uwe Vogel und der Waiblinger Markus Latus mit. „Er hat alle Saiteninstrumente eingespielt und die Songs zum Schluss gemixt“, erzählt Metzner.
Beim Stück Heart Beats Steel stand am Anfang die Musik. „Die Melodie der Strophe hatte ich schon seit Jahren im Kopf“, erzählt Metzner, der auch in drei weiteren Bands Mitglied ist. Als die Musik fertig war, wurde klar: „Beim Text muss etwas Dramatisches her – da musste ich an diesen Artikel denken, den ich Jahre zuvor gelesen hatte.“ Die Geschichte über das Erlebnis von Willi Lengerer und seinem Großvater begeistert ihn noch immer: „Das ist einfach eine geile Story. Selbst in übelsten Zeiten gibt es manchmal Hoffnung“, sagt Metzner.
Metzner und Latus verfassten die Zeilen, die sich ein paar künstlerische Freiheiten nehmen – und fertig war der Rocksong. Der Song, der bereits 2022 erstmals aufgenommen wurde, ist jetzt neu veröffentlicht worden – mit Drumparts des Schwaikheimer Schlagzeugers Andy Laier. Das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen.
Ein Anti-Kriegs-Song zwischen Wishbone Ash und den Scorpions
Nach einem Keyboard- und Gitarrenintro beginnt die Strophe. In teils zweistimmig aufgenommenen Melodien erzählt er die Geschichte. Eingebettet in Uwe Vogels Soundlandschaften, setzt irgendwann Latus’ geschmackvoll reduziertes Gitarrenriff ein, auch ein kleines Solo und die Perspektive des Piloten dürfen nicht fehlen. Das Lied sind fünfeinhalb Minuten klassischer Rock, irgendwo zwischen Wishbone Ash und den Scorpions, und lässt sich auf Youtube und Streamingdiensten wie Spotify oder iTunes anhören.
Möglicherweise wird es die Stücke von Ghibellian Creek künftig auch live zu hören geben. „Unser Uwe hat bald Geburtstag, da wäre es schon toll, wenn wir die Stücke irgendwie auf die Bühne bekommen könnten“, sagt Metzner. Angesichts der mehrstimmig aufgenommenen, komplexen Arrangements sei das nicht einfach – aber das Trio arbeitet daran.
Ob das Lied auch dem Jungen von damals gefallen hätte, werden wir leider nie erfahren. Willi Lengerer starb bereits im Jahr 2016, ein Jahr nach dem Erscheinen der Reportage. Lange Zeit war er in seiner Heimatstadt als Chronist bekannt, der mit seinem Privatarchiv vor allem die Geschichte des Stadtteils Brühl am Leben hielt.