Katharina Sieverdings riesige Fotoarbeit „The great white Way goes black“ (1977) Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Katharina Sieverding

Sie gilt als eine der wichtigsten Fotokünstlerinnen. Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden kann man sich am Werk Katharina Sieverdings, die am 16. November 80 Jahre alt wird, allerdings die Zähne ausbeißen.

Baden-Baden - Manchmal spielt einem die Fantasie Streiche. Sie setzt sich kühn in Bewegung und assoziiert. Da sieht man eine Frau in durchsichtigem Top, rote Nägel, rote Lippen und Sonnenkappe – und schon denkt man unweigerlich an reiche Gattinnen, die erst zur Kosmetikerin und dann zum Lunch in den Golfklub gehen. Ganz falsch. ­Katharina Sieverding hatte etwas anderes im Sinn: Mit dem riesigen Foto, das übrigens sie selbst zeigt, spielt sie an auf den Stromausfall 1977 in New York City. Und der Schriftzug auf dem Foto „The great white Way goes black“ bezieht sich offenbar nicht auf die Diskriminierung von Schwarzen, sondern meint schlicht: Es wurde dunkel.

Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet

Welche Version stimmt nun? Katharina Sieverding wird vermutlich alle Lesarten zulassen, ihr Thema war immer schon das Uneindeutige. Die Düsseldorfer Künstlerin ist bekannt geworden mit konzeptueller Fotografie, die reichlich Assoziationen weckt, sich am Ende aber doch meist einer prägnanten Interpretation entzieht. Das ist an sich interessant – schließlich ist Wahrheit ein fragiles Etwas.

Umso mehr staunt man nun beim Besuch des Museums Frieder Burdain Baden-Baden, das der 76-jährigen Künstlerin eine große Einzelausstellung widmet. Denn greift man zum Begleitheft, scheinen all die tiefschürfenden, die politischen und gesellschaftskritischen Deutungen wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Denn dort erfährt man, dass Sieverding einfach nur Szenen aus Filmen herauskopiert oder irgendeinen Schnappschuss vergrößert hat. So profan können künstlerische Prozesse sein.

Sieverding macht es einem nicht leicht

Katharina Sieverding macht es ihrem Publikum nicht leicht. Ihr Werk lässt sich kaum auf einen Nenner bringen. Eines zumindest ist bei Burda unübersehbar: Die Formate sind gigantisch. Wie riesige Plakatwände hängen die Fotografien nun nebeneinander. Sieverding will sie eher als Kinoweinlände verstanden wissen – auf denen jeder Zuschauer sozusagen seinen eigenen Film sehen kann. Sieverding war in Deutschland eine der Ersten, die die Fotografie konzeptuell nutzte, also nicht Motive um ihrer selbst willen oder aus rein ästhetischen Gründen einsetzte, sondern um komplexe Hintergründe aufzuzeigen.

Schon früh hat sie die Grenzen der Geschlechter verwischt

Bekannt wurde sie mit Porträts. Anfang der siebziger Jahre fotografiert sie sich und ihren Partner für eine Serie, bei der sie die Porträts überblendete – und männlich und weiblich ineinander verschmolzen und sich nicht mehr bestimmen ließen. Damit habe sie schon sehr viel früher als andere Themen wie Transgender verhandelt, erzählt ­Katharina Sieverding in Baden-Baden nicht ohne Stolz. So, wie sie auch noch einmal zurückkehrt zu ihren Studienzeiten an der Düsseldorfer Akademie, wo sie eine Weile in der Klasse von Joseph Beuys war, der sie stark geprägt habe.

Deshalb hat sie Beuys auch immer wieder Arbeiten gewidmet, die deutlich machen, dass auch sie Teil des hochgejubelten Mythos Beuyswar. Sieverding und der Kurator Udo Kittelmann betonen auch vielfach, dass Sieverding es war, die als Erste Fotografie so riesenhaft vergrößerte. Ein trauriger Triumph, heute wird das XXL-Format inflationär eingesetzt.

Die Künstlerin scheint sich noch stark an ihre frühen Erfolge zu klammern

Den Look ihrer frühen Jahre hat sie beibehalten, Katharina Sieverding ist noch immer gern ganz schwarz gekleidet, trägt Cowboystiefel, Sonnenbrille und hat scharfrotes Haar. Eine schillernde Persönlichkeit mit bewegter Biografie. Eigentlich wollte sie zunächst Ärztin werden, dann kam ihr die Kunst in die Quere. Sie war mal beim Zirkus, hat aber auch lang am Theater gearbeitet – mit namhaften Größen wie Gustaf Gründgens und Fritz Kortner, wie sie betont. Die Bühne, behauptet der Kurator Udo Kittelmann, sei der Grund, weshalb sie schließlich zum großen Format gegriffen habe.

Es gab bessere Ausstellungen bei Burda

Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt durch Sieverdings künstlerisches Werk. ­Kittelmann hat die Fotos einfach an die Wände gehängt, ohne Titel, ohne Erläuterungen. Auch wenn man im Begleitheft manches zu Herstellung und Herkunft der Motive erfährt, besitzt die Schau nicht annähernd die Qualität, die die Ausstellungen im Burda-Museum in den vergangenen Jahren meist hatten.

Dabei hätte gerade dieses mitunter so beliebig wirkende Werk eine leitende kuratorische Hand benötigt, die durch Hängung und Kommentierung Bezüge, Themen, Intentionen herausarbeitet – und nicht nur Bedeutung behauptet. Am griffigsten sind die „Spiegel“-Cover, die Sieverding zu Vierergruppen sortiert hat, so dass sich prägnante Typen und Stereotype ablesen lassen: hier die Akteure des Weltterrors wie Putin und Ahmadinedschad, dort die Künstlergenies Beuys und „Picasso – malender Macho?“. Dazwischen die „zerbrechliche Diva“ Romy Schneider und die „Märchenprinzessin“ Diana. Die Serie macht allzu bewusst, wie die Cover etikettieren, eindimensional verkürzen und durch solcherlei plakative Zuspitzung letztlich auch Gräben schlagen.

Die Sonne um Mitternacht schauen

Installation
Ein Hingucker ist die Sonne, die derzeit auf der Fassade des Museums Frieder Burda leuchtet – allerdings in Blau. Sieverding hat hierfür Satellitenaufnahmen der Nasa verwendet. Die Arbeit gab der Ausstellung den Namen: „Die Sonne um Mitternacht schauen“.

Info
Die Ausstellung läuft bis 9. Januar 2022 und ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.