Aktuell nutzen Täter im Rems-Murr-Kreis die Schwachstelle moderner Keyless-Systeme aus: Sie kommen ohne Brecheisen – und stehlen selbst verriegelte Autos.
Ein Auto öffnen und starten, ohne den Schlüssel aus der Tasche zu nehmen – das ermöglichen sogenannte Keyless-Go-Systeme. Der Schlüssel kommuniziert dabei per Funk mit dem Fahrzeug. Nähert sich der Fahrer, erkennt das Auto den Schlüssel automatisch, entriegelt sich und lässt sich per Knopfdruck starten. Genau dieser Komfort birgt aber auch ein Sicherheitsrisiko: Autodiebe können das Funksignal abfangen und technisch verlängern bis zum Auto – selbst wenn sich der Schlüssel gut versteckt im Haus befindet.
Im Rems-Murr-Kreis wurden in jüngster Zeit wieder Fahrzeuge mutmaßlich mit dieser Methode gestohlen. Laut dem Polizeipräsidium Aalen, das für die Landkreise Rems-Murr, Ostalb und Schwäbisch Hall zuständig ist, wurden im vergangenen Jahr im gesamten Zuständigkeitsbereich 115 Autos gestohlen – in 13 Fällen war ein Keyless-Go-System im Spiel.
Wie funktionieren Keyless-Systeme?
Solche Systeme senden ein Funksignal, das vom Fahrzeug erkannt wird. Erkennt das Auto den Schlüssel in der Nähe, entriegelt es automatisch. Bei Keyless-Go lässt sich zusätzlich der Motor starten – meist per Knopfdruck, ohne den Schlüssel zu berühren.
Was passiert bei einer Relay-Attacke?
Laut Allgemeiner Deutscher Automobilclub (ADAC) verlängern Täter mit zwei Geräten das Funksignal des Schlüssels in Echtzeit. Einer hält sich nahe am Schlüssel auf, etwa an der Wohnung, der andere steht am Auto. Das Signal wird live weitergeleitet – über mehrere hundert Meter hinweg. Das Auto denkt, der Schlüssel sei in Reichweite. Es öffnet sich und lässt sich starten. Ein Hacken der Fahrzeugdaten ist dafür nicht nötig, erklärt der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC).
Wie unterscheidet sich das vom Abfangen des Funksignals?
Beim sogenannten Code Grabbing wird ein einmaliger Schließcode gespeichert und später erneut verwendet. Diese Methode betrifft vor allem ältere Funkschlüssel ohne moderne Verschlüsselung, bei denen sich der Code nicht regelmäßig ändert. Im Unterschied dazu wird bei einer Relay-Attacke kein Code gespeichert oder entschlüsselt – das Funksignal wird lediglich in Echtzeit weitergeleitet.
Wie groß ist das Problem laut ADAC?
Seit 2016 testet der ADAC regelmäßig Fahrzeuge mit verschiedenen Keyless-Systemen. Bis Mai 2025 wurden rund 750 Modelle geprüft. Über 90 Prozent ließen sich durch eine einfache Funkverlängerung öffnen und starten. Nur etwa zehn Prozent verfügten über besseren Schutz, etwa durch UWB-Technik oder Bewegungssensoren im Schlüssel. Die Industrie habe es versäumt, das Problem grundsätzlich zu lösen, kritisiert der ADAC.
Gab es auch im Rems-Murr-Kreis aktuelle Fälle?
Ja, mehrere. Zuletzt wurde in Backnang ein Hyundai mit schlüssellosem Zugangssystem gestohlen – laut Polizei war ein Keyless-Go-System verbaut. Das Fahrzeug galt als verschlossen, es gab keine Aufbruchsspuren. Die Ermittler gehen von einer digitalen Angriffsmethode aus, vermutlich einer Relay-Attacke. Der Wagen war am Abend abgestellt worden, wurde am nächsten Morgen als gestohlen gemeldet und später wieder aufgefunden – vermutlich, weil er in der Ferne ohne Schlüssel nicht mehr ansprang.
Wie können sich Fahrzeughalter schützen?
Zur Diebstahlprävention empfiehlt der ADAC, den Funkschlüssel nicht in der Nähe von Außenwänden, Fenstern oder Türen aufzubewahren. Abschirmung bieten spezielle Schutztaschen, Metallboxen oder notfalls auch Alufolie – wichtig ist, dass man die Wirkung in der Praxis testet: Dazu den verpackten Schlüssel an die Fahrertür halten und prüfen, ob sich das Auto noch öffnen oder verriegeln lässt. Wer die Möglichkeit hat, sollte das Auto nachts in einer verschlossenen Garage abstellen.
Welche Technik schützt besser?
Am wirksamsten ist laut ADAC die Ultra-Wide-Band-Technik (UWB). Sie misst die Entfernung zwischen Schlüssel und Fahrzeug präzise. Bei einer Funkverlängerung bleibt das Auto dann verriegelt. Einige Hersteller setzen auch auf Bewegungssensoren oder Lagesensoren im Schlüssel. Ist der Schlüssel längere Zeit unbewegt, wird das Signal deaktiviert – das erschwert Angriffe. Der ADAC warnt jedoch: In der Zeit bis zum Abschalten bleibt das Signal aktiv – ein Diebstahl ist also weiterhin möglich, etwa wenn Täter dem Fahrzeughalter folgen oder sofort nach dem Abstellen zuschlagen.
Lässt sich Keyless im Auto deaktivieren?
Laut ADAC lässt sich das System bei vielen Modellen abschalten – etwa über das Bordmenü, die Bedienungsanleitung oder durch die Werkstatt. Man sollte beim Hersteller oder der Werkstatt nachfragen. Wer deaktiviert, verzichtet allerdings auf den Komfort, für den häufig ein Aufpreis gezahlt wurde.
Sind auch Motorräder betroffen?
Ja. Der ADAC hat auch Keyless-Systeme an Motorrädern getestet – mit gleichem Ergebnis: Mehrere Modelle ließen sich per Funkverlängerung starten und entwenden. In jedem Fall sollte das Motorrad durch zusätzlichen Diebstahlschutz (etwa ein Bremsscheibenschloss) abgesichert werden.
Wie groß ist das Risiko wirklich?
Der ADAC stellt fest: An der Sicherheit vieler Keyless-Systeme hat sich seit Jahren wenig verbessert. Die Schwachstelle betrifft laut dem Club die überwiegende Mehrheit der Fahrzeuge mit Komfortzugang – unabhängig von Hersteller oder Modell. Fazit: Für Täter ist der Aufwand gering, der Schaden für Halter potenziell hoch.