Mit diesen beiden Koffern kam Bernardino Di Croce hier an. Foto: Torsten Schöll

Der Sindelfinger Bernardino Di Croce kommt 1960 als „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Seine beiden Reisekoffer von damals sind Exponate einer sehenswerten Ausstellung in Stuttgart.

Zwei braune Koffer, gefüllt nur mit dem Nötigsten. Vor allem aber mit der Hoffnung auf ein besseres Auskommen als der Süden Italiens in den späten 1950er Jahren versprach. Mit dem größeren reist der damals 16-jährige Bernardino Di Croce 1960 gemeinsam mit dem Vater zum ersten Mal nach Deutschland, um zu arbeiten.

Die beiden Gepäckstücke sind Exponate der Ausstellung „Ankommen und bleiben? 70 Jahre deutsch-italienisches Anwerbeabkommen“, die aktuell im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart zu sehen ist. Vor der Vitrine mit den Koffern kommt Di Croce, der seit 50 Jahren in Sindelfingen lebt, ins Erzählen. Es sind Erinnerungen, die vom langen Weg des Ankommens Zeugnis ablegen.

Eingezäunte Wohnbaracken erinnern den Jugendlichen an ein KZ

Voller Begeisterung sei er gewesen, als er die schöne grüne Landschaft Süddeutschlands zum ersten Mal gesehen habe. In Geislingen an der Steige sollen Vater und Sohn, der in der Heimat eine Maurerlehre unterbrochen hat, für das Bauunternehmen Züblin bei WMF rackern. Was der junge Mann bei der Ankunft zu sehen bekommt, erschreckt ihn dann aber zutiefst: „Da standen eingezäunte Wohnbaracken, die mich an Konzentrationslager erinnerten“, erzählt Di Croce. Sein erster Gedanke: „Wie komme ich hier wieder raus.“

Bernardino Di Croce 1962 als Bauarbeiter bei der Baufirma Lauffer in Villingen. Foto: Bernardino Di Croce

Das deutsch-italienische Anwerbeabkommen, das auch die Di Croces nach Germania lockte, wurde vor 70 Jahren, am 20. Dezember 1955, unterzeichnet. Es war das erste von mehreren bilateralen Abkommen mit südeuropäischen Ländern. Bis 1973 kamen so rund 14 Millionen Menschen, elf Millionen verließen das Land später wieder. „Das Bleiben der ‚Gastarbeiter‘ war von Anfang an nicht vorgesehen“, sagt Di Croce.

So ist auch die Saisonarbeit in Geislingen schnell wieder vorbei. „Ich wollte danach kein zweites Mal nach Deutschland“, erzählt Di Croce. Die Sprache, die Kultur, alles sei fremd gewesen. Dazu kam die Knochenarbeit: „Zehn Stunden jeden Tag, auch am Samstag“, erzählt er. Gearbeitet worden sei so viel, wie es die Firma wollte. „Wir wussten ja nicht, was uns zustand.“

Edler Lederkoffer soll die Seriosität unterstreichen

Trotzdem kommt er schon im Jahr darauf erneut. Aber nicht freiwillig: Weil Züblin die Arbeitsverträge nicht verlängert, soll Di Croce dem Vater auf eigene Faust in Deutschland einen neuen organisieren. Nun reist er als Tourist. In der Hand jenen zweiten, sehr viel schöneren Lederkoffer aus der Ausstellungsvitrine. „Den hatte ich von einem Arzt geschenkt bekommen“, erzählt Di Croce. Das edle Gepäckstück soll seine Glaubwürdigkeit als Urlaubsreisender unterstreichen. Die Täuschung gelingt. Für den Vater findet er Arbeit unter der Bedingung, dass auch er bleibt.

Weil er schneller Deutsch lernt als andere, dolmetscht er bald für die Behörden. Er kommt herum in Baden-Württemberg. Zwischendurch arbeitet er fünf Jahre in Kanada, heiratet dort seine deutsche Freundin und kehrt mit zwei Kindern und Ehefrau zurück nach Deutschland. Eine Ausbildung zum Maschinenschlosser folgt. In Villingen gründet er 1971 mit anderen den Verein „Europäisches Kultur- und Beratungszentrum“.

Bernardino Di Croce engagiert sich bei der Gewerkschaft

Seit 1964 Gewerkschaftsmitglied, führt sein Werdegang den schon immer politisch denkenden Di Croce schließlich 1974 zur IG Metall nach Stuttgart, wo er als Gewerkschaftssekretär für die Beratung der Arbeitsmigranten zuständig ist. Bald genügt ihm das nicht mehr: Nach zwei bis drei Jahren erhält er den vollen Aufgabenbereich eines Gewerkschaftssekretärs.

Dass Deutschland den „Gastarbeitern“ das Gefühl gab, nur vorübergehend im Land zu sein, habe der Integration sehr geschadet, sagt Di Croce. „Viele lebten von vornherein mit dem Gefühl, irgendwann wieder zu gehen.“ Kanada habe ihm gezeigt, dass es auch anders geht: Auch weil Nordamerika zu weit entfernt liege, sei der Aufenthalt dort meist auf Dauer angelegt. „Dadurch entwickelte sich eine ganz andere Mentalität“, sagt Di Croce.

Die Integration seiner Landsleute sieht der frühere „Gastarbeiter“ kritisch

Später schreibt er Bücher über seine Erfahrungen und gründet in Sindelfingen den Italienischen Verein sowie den Verein für Migration und Integration. „Viele meiner italienischen Landsleute könnten besser integriert sein“, sagt er. „Die Deutschen halten die Italiener für gut integriert. Aber tatsächlich haben zum Beispiel türkischstämmige Bürger häufig bessere Positionen erklommen.“ Es gebe einen Unterschied zwischen der gefühlten und einer faktischen Integration, die an beruflichen Qualifikationen und Positionen in der Gesellschaft gemessen werden könne, sagt Di Croce.

Auf seinen eigenen Lebensweg blickt er zufrieden zurück. Dennoch sei ihm wichtig, wie er sagt, dass auch erzählt werde, dass für die „Gastarbeiter“ und ihre Nachkommen bei weitem nicht „tutto bello“ (alles schön) in Deutschland war und ist. „Nur wenige Italiener sagen von sich: ,Ich gehöre zu dieser Gesellschaft‘“, so Di Croce.

Die Ausstellung „Ankommen und bleiben? 70 Jahre deutsch-italienisches Anwerbeabkommen“ im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart (Konrad-Adenauer-Straße 4) ist noch bis zum 21. März zu sehen.