Ingrid von Beyme vom Museumsteam präsentiert das Jäckchen von Agnes Richter. Foto: Eberhard Reuß

Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg zeigt Porträts, Objekte und Texte von 67 Menschen, die ihr Leben in psychiatrischen Anstalten verbracht haben.

Ein Jäckchen für eine zierliche Dame, zusammengenäht aus beigebraunen Leinenstoffen und ein paar Wollstücken. Dieses Kleidungsstück hat Agnes Richter (1844 – 1918) für sich gefertigt, als sie 1895 in die Pflegeanstalt Hubertusburg im nordsächsischen Wermsdorf eingeliefert wurde.

Bei der damals 50-jährigen Frau wurde „Dementia praecox“ diagnostiziert, soviel wie „vorzeitige Demenz“ oder „frühreifer Wahnsinn“. Agnes Richter antwortet darauf, indem sie ihr Jäckchen mit gestickten Botschaften versieht: „Es ist keines berechtigt Mich wegen fremder Brudekücken in Anstalten Einzuschliessen.“ Die „fremden Brudekücken“, das sind ihre Nachbarn in Dresden, die Agnes Richter wegen Unruhestiftung und Hausfriedensbruch zur Anzeige gebracht hatten. „Ich bin in kein Krankenzustandt“, stickt Agnes Richter ihren Protest und weitere Botschaften innen und außen auf Ärmel, Brust und Rückenteile.

Agnes Richter beschwerte sich

„Agnes Richter hat dieses Jäckchen in der Anstalt getragen und es mit ihrer Wäschenummer 583 gekennzeichnet, damit es nicht abhanden kommt“, erzählt Kuratorin Ingrid von Beyme über das vielleicht berühmteste Objekt der Heidelberger Sammlung Prinzhorn. Nun wird das fragile Kunstwerk als Leitmotiv am Beginn der Sonderausstellung „Wer bin ich? Bilder der Identitätssuche“ präsentiert: „Unser Mitarbeiter Hans-Hermann Schmidt hat erstmals alle diese in alter Kurrentschrift verfassten Texte von Agnes Richter entziffert. Richter beschwert sich, klagt. Der Kern ihrer Arbeit ist die Frage nach dem eigenen Ich. Wir zeigen Antworten, die sich Psychiatriepatienten von damals bis heute gegeben haben.“

Zu sehen sind 120 Selbstporträts, Bilder, Objekte und Tagebuchskizzen von 67 Frauen und Männern, die zwischen 1895 und 2024 in psychiatrischen Anstalten mit Hilfe von künstlerischen Mitteln ihre eigene Identität zu wahren suchten. All ihren schizophrenen Erkrankungsformen zum Trotz. Neben Agnes Richter sind fast alle anderen bekannten Patienten-Künstlerinnen und -Künstler der Sammlung Prinzhorn mit Schlüsselwerken vertreten. Etwa Josef Forster (1878–1949), der wegen „Halluzinationen“ in der Psychiatrie landet und sich in einem Selbstporträt Gewichte an seine Füße malt, um als „Edelmensch“ nicht himmelwärts abzuheben. In einem Gemälde hält er seine „Marienerscheinung“ fest. Die Mutter Gottes steht 1916 bei ihm am Bett, weil Forster sein Sperma gegessen hat. Fortan entwickelt der Patientenkünstler in seinem eigens für ihn eingerichteten Atelier in der Regensburger Anstalt die Idee, sich durch Ernährung seiner Körperausscheidungen reinigen zu können.

„Das Ich von schizophrenen Patienten ist ins Wanken geraten. Es wird in Wahnvorstellungen wieder stabilisiert“, sagt Thomas Röske, der Leiter der Sammlung Prinzhorn. Das „Ich“, das sind Lebensgewohnheiten, Beruf, Erziehung, Familie, Freunde. Doch wer ist man/frau noch, wenn dies wegbricht?

Die künstlerischen Selbstzeugnisse geben Patientinnen und Patienten auch ein Stück Würde zurück. Else Blankenhorn (1873 Karlsruhe – 1920 Heilanstalt Konstanz-Reichenau) gerät in eine „nervöse Krise“, als sie ihre Singstimme verliert. Sie entwickelt den Wahn als „Kaiserin Else“ im Auftrag ihres „Gatten im Geiste“, Kaiser Wilhelm II., Geldscheine mit Millionenwerten zu malen, um die Ausgrabung und Auferstehung beerdigter Liebespaare zu finanzieren.

Die Schau reicht bis in die Gegenwart

Viele Lebenswege endeten in den Tötungsanstalten des NS-Staates. Auch im Fall von Franz Karl Bühler (Offenburg 1864 – 1940 Grafeneck), dessen Selbstporträts die Ausstellung in zeitlicher Abfolge präsentiert. Eines dieser Bilder verglich Hans Prinzhorn mit einem Selbstbildnis van Goghs.

Bewegend ist die Schau auch, weil sie bis in die Gegenwart reicht. Lebenswege wie der von Sonja Gerstner (1952 Ost-Berlin – 1971 Ost-Berlin) werden nachgezeichnet, einer hochbegabten Frau, die sich nach stationärer Behandlung in der DDR-Psychiatrie das Leben nimmt. Erinnert wird an Marcia Blaessle (1956 – 1983), deren Bilder wohl unter LSD-Einfluss entstanden sind. Matthias Maaß (1958 Heidelberg – 2019 Heidelberg) schreibt in seinem illustrierten Tagebuch über die sozialen Folgen seiner „bipolaren Störung“: „Ja, da bleibt wohl nur noch der stumme Rückzug auf sich selbst, dass man keine Freude mehr hat und sich die Menschen nicht mehr für einen interessieren.“

Vielleicht kann die Schau „Wer bin ich?“dazu beitragen, diese bittere Erfahrung zu widerlegen. Sie ist in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg noch bis 19. April 2026 zu sehen.