Besucher in der Wilhelma schauen, ob sie den Amurtiger in der neuen Anlage sehen. Foto:  

Noch immer ist es Glückssache, wer Amurkater Amazar in der Wilhelma sehen will, weiß Direktor Thomas Kölpin. Doch den Besuchern gefällt die neue Tigeranlage.

An diesem sonnigen Nachmittag lockt in der Wilhelma im Asien-Bereich das grüne Gras, unter den schattigen Zerreichenbäumen plätschert am Badeteich Wasser. Alles ist ruhig an der Aussichtsplattform mit bodentiefen Glasscheiben. Besucher stehen gespannt, auch ein paar Meter weiter unten, an den eckigen Scheiben im Tunnel der Amurtigeranlage. Sie schauen, halten Kameras mit großen Objektiven in der Hand und warten. Doch noch ist nichts zu sehen, von der größte Katze der Welt – dem Amurtiger.

Kater Amazar ist ab und an draußen

„Ihn zu sehen, ist Glücksache“, weiß Direktor Thomas Kölpin. Seit vier Wochen sind zwei Amurtiger in Stuttgart eingezogen und leben sich jetzt erst einmal ein. Kater Amazar aus einem niederländischen Zoo und Tigerdame Noia aus Frankreich. „Sie ist schüchtern und noch im Stall“, sagt Kölpin. Nächste Woche soll sie auch ins Freie dürfen. Kater Amazar ist ab und an draußen. An diesem sonnigen Tag ist seine Stalltür offen und die Besucher hoffen, dass er herauskommt.

Im Besuchertunnel wartete Hans J. Christmann auf den Tiger. Die Stalltür ist offen. Foto: Iris Frey

Auch Hans J. Christmann, 67, aus Bad Cannstatt. Er findet die neue Anlage toll. „Ich bin das dritte Mal hier, habe ihn aber noch nicht gesehen“, sagt er. Die Anlage sei schön angelegt und artgerecht, „soweit ich es beurteilen kann“. Es sei alles schön groß, die Tiere seien nicht so eingesperrt. Dass sie noch nicht gleich zu sehen sind, dafür hat er Verständnis. „Die brauchen Zeit, sie sind ja noch nicht so lange da.“ Christmann ist Fördervereinsmitglied. Der Förderverein der Wilhelma hat eine Million Euro für den Bau der Anlage gespendet. Der Vereinsvorsitzende Georg Fundel, hatte bei der Eröffnung die Bezüge der Wilhelma zu Russland hervorgehoben, in der die bedrohte Tigerart beheimatet sei.

Georg Fundel: „Amurtiger baut Brücken zum Zarenreich“

Als König Wilhelm im Jahr 1842 die Wilhelma als Sommerresidenz eingeweiht habe, habe sein Sohn Prinz Karl die Zarentochter Olga geheiratet, so Fundel. „Der Amurtiger baut nun Brücken zum ehemaligen Zarenreich.“ Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht den Artenschutz für die Amurtiger besonders schwierig, das weiß auch Kölpin.

Thomas Kölpin will Ersatzpopulation in Wilhelma schaffen

Die Amurtiger sind in ihrer Art sehr bedroht. Darauf verweisen auch die Informationen auf den Tafeln an den Aussichtspunkten der Anlage, die von Frank Kirsten mit seinem Team Anastasia Smashneva und Danii Moshchanskii geplant wurde. Daher soll nun in der Wilhelma eine Ersatzpopulation geschaffen werden. So gibt es weltweit im Fernen Osten Russlands und Nordosten Chinas nur noch 750 Tiere in freier Wildbahn. Nach Angaben von Kölpin leben rund 200 Amurtiger in europäischen Zoos.

Die Amurtiger werden bewusst flexibel gefüttert

Die beiden Neulinge in Stuttgart sind jetzt erstmals in ihrem Leben ohne ihre Mutter unterwegs, lernen selbstständig zu sein und müssen ihr Revier erkunden. „Sie wissen ja nicht, dass da kein anderer Tiger lebt“, so Kölpin. Sie schlafen 20 Stunden am Tag, sind mal nachts, mal tagsüber wach. Es werde bewusst flexibel gefüttert. Während sie in der Natur Hirsche und Wildschweine fressen, erhalten Sie in der Wilhelma Fleisch aus eigener Produktion; Rinder- und Pferdefleisch oder auch mal Kaninchen.

Auch weitere Raubkatzenanlagen sollen erneuert werden

„Sie gewöhnen sich jetzt an den Stall und erhalten dort ihr Futter, sodass sie auch auf Zuruf in den Stall kommen, etwa wenn ein Gewitter aufzieht“, sagt Kölpin. Die Tiere werden im Alter von eineinhalb bis drei Jahren geschlechtsreif. Doch im Moment herrscht noch die Eingewöhnungsphase. Derzeit habe die Katze noch Angst vor dem Kater. Um die Raubkatzen zu sehen, sollten Besucher geduldig sein, öfter mal vorbeischauen, rät der Zoochef, der sich über die Anlage freut. Sie sei ein kleiner Meilenstein. Auch andere Raubkatzenanlagen werde man noch weiterentwickeln. „Wir kennen unsere Schwachstellen, haben sie im Masterplan“, so Kölpin. So soll in den nächsten Jahren das alte Raubtierhaus neu gebaut werden.

Besucherin Jutta Siegel gefällt die neue Amurtigeranlage. Foto: Iris Frey

Indes sind die Besucher angetan von der Anlage: Jutta Siegel, 61, findet sie „gut“. Sie kommt aus Friedrichshafen und schaut sich gerade um. Auch Maike Dornemann, Mutter eines dreijährigen Kindes, aus Issum bei Düsburg findet die Anlage sehr gut. Sie sei geräumig und artgerecht. Sie ist mit ihrer Familie aus dem Ruhrgebiet angereist und findet, dass die Anlage für Kinder gut sei. „Sie können alles schön sehen, ohne dass sie hochklettern müssen.“ Auch die Möglichkeiten, die Gerüche und Geräusche mit allen Sinnen wahrzunehmen, seien interessant. Die Mutter lobt auch die Spielplätze in der Nähe der Anlage.

Die größte Katze der Welt – auf verschiedene Weise erlebbar

Sarah Schwaderer aus Winterbach ist mit zwei Kindern da, die vier und zwei Jahre alt sind. Sie findet die Anlage „sehr informativ, auch die Tafeln“, hat aber noch kein Tier gesehen. An der Aussichtstelle erklärt sie ihrem Kind: „Hast Du den Futterbaum in fünf Meter Höhe gesehen?“ An anderer Stelle gibt es Nachbildungen eines Tigerschädels, -zahns und einer -kralle zu erfühlen. Und, wer die Tiere nicht sieht, kann sie in Lebensgröße im Profil ausgeschnitten sehen und anfassen – also in jeder Form Auge in Auge mit der größten Katze der Welt.