Dass Turnhallen wir hier die Murkenbachhalle in Böblingen zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert werden, soll möglichst vermieden werden. Foto: Eibner-Pressefoto/Wolfgang Frank

Noch können Geflüchtete im Kreis Böblingen gut untergebracht werden. Doch die Kapazitäten sind knapp, der Landrat schlägt Alarm.

Vor einiger Zeit dachten manche bereits, man sei aus dem Gröbsten raus und hätte den Flüchtlingsstrom gut im Griff. Zum Beispiel hatte die Stadt Böblingen die Murkenbachhalle II als Notunterkunft für Flüchtlinge vorbereitet, dann aber nicht gebraucht. Doch längst steigen die Flüchtlingszahlen wieder – nicht nur aus der Ukraine, zudem suchen sich erneut mehr Menschen über die sogenannte Balkan-Route ihren Weg nach Europa. „Eine Ende hoher Flüchtlingszahlen ist nicht in Sicht“, betonte Landrat Roland Bernhard bei einem Pressegespräch im Landratsamt.

Die Situation im Landkreis Böblingen sei zwar noch kontrolliert, doch die Lage verschärfe sich. Das liegt auch daran, dass sich mittlerweile 12 der 16 Bundesländer gegen eine weitere Aufnahme sperren. Insofern sieht Bernhard einen „dringenden Handlungsbedarf aufseiten des Bundes“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann habe sich klar gegen einen Aufnahmestopp in Baden-Württemberg ausgesprochen. Heißt, dass hierzulande entsprechende Kapazitäten aufgebaut werden müssen.

Landkreis gibt an Kommunen ab

Im Landkreis Böblingen sind bislang etwa 4000 Menschen aus der Ukraine angekommen, ein Großteil davon – und das ist eine gute Nachricht – kam privat unter. Und dennoch befinden sich aktuell rund 1500 Kriegsflüchtlinge in der „Vorläufigen Unterbringung“ beim Landkreis Böblingen. Aktuell verfügt man hier über 2000 Plätze, will aber bis zum Frühjahr auf 3000 erhöht haben.

Das gelingt zum einen, indem tatsächlich mehr Kapazitäten organisiert werden. Zum Beispiel mietet der Landkreis für den Winter zusätzliche 260 Plätze im Hotel Bristol im Sindelfinger Osten an. Zudem werden Sporthallen an der Gottlieb-Daimler-Schule in Sindelfingen und am Berufsschulzentrum in Leonberg erneut als Notunterkünfte vorgesehen. Gleichzeitig kommt die Verwaltung nicht drum herum, die Unterbringung enger zu gestalten. „Wir verdichten sukzessive von 7 Quadratmeter auf 4,5 Quadratmeter pro Person, um zusätzliche Plätze zu gewinnen“, erläuterte der Landrat.

Doch da der Krieg in der Ukraine bereits ein halbes Jahr andauert und die Landkreise Geflüchtete nur genau diese sechs Monate vorläufig unterbringen müssen, rollt der Ball derzeit in die Hälfte der Kommunen. Die Städte und Gemeinden sind für die sogenannte „Anschlussunterbringung“ zuständig. Und dort fehlen aktuell Kapazitäten auf eklatante Weise.

„Dieser Wechsel ist eine ganz akute Herausforderung“, berichtete Bernd Dürr, Bürgermeister von Bondorf und zudem Landkreis-Vorsitzender im Gemeindetag. „Die Kommunen können anders als Bund, Land und Kreis die Geflüchteten ja nicht weiterverteilen und müssen dauerhafte Lösungen für die Unterbringung finden.“ Derzeit sei das zwar noch stemmbar, doch „die Lage ist in etlichen Kommunen bereits prekär“, beklagte Dürr. Wenn der Flüchtlingszustrom weiter in dem aktuellen Maße anhalte, sei es nicht mehr überall leistbar, genügend Wohnraum anzubieten.

Privater Wohnraum wird benötigt

Immerhin befinde man sich in enger Abstimmung zwischen Landkreis und Kommunen. Zugangsspitzen würden notfalls interkommunal abgefedert, sofern das möglich ist. Doch gleichzeitig richtete Bernd Dürr einen Appell an die Öffentlichkeit: „Wir bitten darum, privaten Wohnraum zur Verfügung zu stellen“, betonte der Bondorfer Bürgermeister. So könne vermieden werden, dass kommunale Einrichtungen wie zum Beispiel Turnhallen zur Unterbringung herangezogen werden müssten.

Doch klar ist auch: Neben dem Dach über dem Kopf braucht es auch eine soziale Versorgung: Schule, Kinderbetreuung, Sprachkurse, Zugang zu Gesundheitsangeboten – „eine weitere große Herausforderung für die Kommunen“, stellte Bernd Dürr klar, „da brauchen wir von Bund und Land dringend Unterstützung.“