Im aktuellen Gaza-Konflikt marschieren Linke, Rechte und Islamisten in Deutschland wieder einmal Seite an Seite. Alle eine der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung, sagt der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume.
Stuttgart - Kaum eskaliert der Gaza-Konflikt, kommt es in Deutschland zu antisemitischen Anschlägen. So warfen in Mannheim Unbekannte ein Fenster der Synagoge ein, in Nordrhein-Westfalen wurden Israel-Flaggen vor Synagogen angezündet. Die angebliche jüdische Weltverschwörung tauge Rechten und Linken immer noch als gemeinsames Feindbild, sagt der Antisemitismusbeauftragte des Landes, Michael Blume (CDU). Der 45-jährige Religionswissenschaftler rät dazu, klare Kante dagegen zu zeigen.
Herr Blume, warum findet die Eskalation zwischen Hamas und Israel bei uns immer solchen Widerhall?
Für Antisemiten ist klar, dass an allen Konflikten nur Juden Schuld wären. Dass Israel den Gazastreifen 2005 samt aller Siedlungen geräumt hat, wissen auch viele Deutsche gar nicht. Auch nicht, dass die Hamas seit 15 Jahren in Raketen statt Bildung und Gesundheit investiert und auch die eigene Bevölkerung mit Terror und Folter unterdrückt. Erst vor Kurzem hat ein Gericht in Freiburg eine anti-israelische Demonstration auf dem Platz der von den Nazis zerstörten Synagoge für Samstag genehmigt. Dabei wissen wir doch schon von den Querdenkern: Durch Zurückweichen werden Verschwörungsgläubige noch radikaler.
Zuletzt hatten wir mit dem Antisemitismus von rechts zu tun. Jetzt scheinen die Täter eher aus dem islamistischen Spektrum zu stammen.
Ja, das gemeinsame Feindbild einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung verbindet die verschiedensten Verschwörungsgläubigen. Denken wir nur daran, dass eine rechtsextreme Partei auch hier in Baden-Württemberg plakatierte: „Israel ist unser Unglück“. Und auch hier haben wir noch immer keine juristische Rechtssicherheit erreicht, solchen puren Antisemitismus verbieten zu können. Entsprechend peitschen sich die Radikalen digital weiter auf.
Aus dem linken Spektrum gibt es immer wieder Solidaritätsbekundungen mit den Palästinensern. Wo verwischt berechtigte Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus?
Bei der erwähnten Anti-Israel-Gruppe in Freiburg marschieren antisemitische Muslime Seite an Seite sogar mit vermeintlichen Friedensbewegten aus den Kirchen. Oder denken wir an das terroristische Bündnis der damaligen RAF mit der PLO. Linker Antisemitismus findet sich in Baden-Württemberg noch vor allem unter älteren Autoritären, ist aber nie verschwunden.
Wie kann Deutschland helfen? Muss es nicht Ziel sein, die humanitäre Lage in Gaza zu verbessern?
Die Hamas hat die Palästinenserinnen in Gaza quasi als Geiseln genommen und schöpft auch europäische Steuergelder zur Finanzierung von Terror und Raketen ab. Wir können aber hier in Baden-Württemberg unsere Chancen für Dialog und Begegnungen der Religionen und Kulturen nutzen. Einige arabische Staaten haben doch gerade erst Israel anerkannt! Ich bin sehr froh, dass die neue Landesregierung im Koalitionsvertrag angekündigt hat, den Jugendaustausch „zwischen Israel und seinen arabischen Partnern“ zu fördern. Dafür habe ich dem Landtag ja ein Begegnungswerk vorgeschlagen. Wir können von hier aus die Nahost-Konflikte nicht lösen, aber wir können eine Brücke für den Frieden sein.