Das Wirtschaftsministerium in Baden-Württemberg und die ukrainische Region Lwiw wollen die Zusammenarbeit intensivieren. Ein Abkommen soll eine vielfältige Kooperation voranbringen.
Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffs wird im bitterkalten ukrainischen Winter weiter gebibbert, gelitten und getrauert. Angesichts der harten Realität will das Land Baden-Württemberg ein Signal der Hoffnung für die Zeit nach dem Krieg setzen. An diesem Donnerstag soll im Stuttgarter Neuen Schloss ein Kooperationsabkommen mit der Oblast Lwiw, also mit dem westukrainischen Verwaltungsbezirk Lemberg, unterzeichnet werden.
Die „wirtschaftliche und innovationsorientierte Zusammenarbeit“ erstreckt sich auf ausgewählte Felder wie Informationstechnologien, Künstliche Intelligenz, Gesundheit und Medizintechnik. Auch Projekte im Bereich Sicherheit und Verteidigung sollen auf den Weg gebracht werden. Die Absichtserklärung soll gemeinsamen Aktivitäten von Kammern, Verbänden, Landesorganisationen und Verbünden das Feld bereiten – letztlich dem Geschäft von Unternehmen.
Der Gouverneur musste absagen
Sieben Verantwortliche aus Lwiw bilden im Kern die ukrainische Delegation. An ihrer Spitze sollte eigentlich der Gouverneur Maksym Kozytskyy stehen, doch musste er kurzfristig absagen. Grund ist die wegen der russischen Attacken extrem angespannte Energieversorgung, denn da hat sich die Lage am Wochenende nochmals zugespitzt. Nun führt seine Stellvertreterin, Vize-Gouverneurin Khrystyna Zamula, die Gruppe an.
„Der Letter of Intent ist mehr als eine formale Absichtserklärung“, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Es sei „klarer Wille beider Seiten, die Zusammenarbeit konkret, partnerschaftlich und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln“. Angesichts der herausfordernden Umstände für die Ukraine sei es „umso wichtiger, jetzt wirtschaftliche Perspektiven zu öffnen, tragfähige Partnerschaften auszubauen sowie einen Beitrag zu Stabilität, Wiederaufbau und europäischer Integration zu leisten.“
Die Landesregierung sehe gute Chancen für die Südwest-Unternehmen, sich beim Wiederaufbau und der Modernisierung der Infrastruktur einzubringen. Konkret angedacht sind gegenseitige Reisen von Unternehmensdelegationen, der Austausch von Experten und die Vernetzung von Clusterorganisationen. Auch „B2B-Börsen“ (Business-to-Business) etwa im Rahmen eines Ukraine-Wirtschaftstags in Baden-Württemberg seien ein geeignetes Instrument, um die Unternehmen zu vernetzen.
Eine regionale Fokussierung sei auch mit Blick auf die Nutzung gezielter Förderprogramme sinnvoll, so die Ministerin. Dass ein Schwerpunkt auf Innovation und Digitalisierung gelegt wird, hat mit der Region Lwiw zu tun, die als führender High-Tech-Standort der Ukraine gilt. Fast die Hälfte der 50 wichtigsten IT-Firmen des Landes sind dort angesiedelt. Auch die Automobil- und Zuliefererindustrie ist gut vertreten. Ebenso gibt es Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Zwei Wirtschaftsvertreter als Motoren der Bewegung
Schon 2025 wurde in Heidelberg zur Anbahnung von Wirtschaftskontakten das Deutsch-Ukrainische Privatwirtschaftliche Institut gegründet. Als Motoren der Bewegung können sich zwei Wirtschaftsvertreter betrachten, die zuletzt Ende Juli 2025 mit einer rund 20-köpfigen Gruppe in der Region Lwiw waren und sich nun zufrieden äußern. „Das Partnerschaftsabkommen ist gerade in der jetzigen Situation des Kriegs ein sehr wichtiges Zeichen“, lobt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), Tim Wenniges. „Es freut uns, dass die Reise im vorigen Jahr den Impuls für dieses Abkommen gegeben hat.“
Im Anschluss an die Unterzeichnung sei ein Treffen mit hochrangigen UBW-Vertretern und Unternehmern geplant. Der große Zuspruch aus der heimischen Wirtschaft „bestärkt uns in unseren Bemühungen um den weiteren Ausbau der Partnerschaft“.
„Richtiger Zeitpunkt, um Investitionsmöglichkeiten zu sondieren“
Rainer Lindner, Aufsichtsratsmitglied der SMS Group und Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Forums, sagt voraus: „Die Wirtschaftspartnerschaft mit dem Gebiet Lwiw wird es dem Mittelstand aus Baden-Württemberg erleichtern, sich am Wiederaufbau zu beteiligen.“ Vor allem Branchen wie Automotive, Bau, Energie, Maschinenbau, Logistik, Landwirtschaft und Verteidigung hätten große Chancen. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Investitionsmöglichkeiten zu sondieren.“ Lwiw sei eine wichtige Investitionsregion deutscher Unternehmen, darunter der Automobilzulieferer Leoni, der Baustoffhersteller Kreisel (Fixit Gruppe) oder der deutsch-tschechische Industriezulieferer Time & Space.
Rund 40 deutsche Unternehmen am Standort Lwiw deuten freilich auf eine noch überschaubare Präsenz hin. Unter den 100 umsatzstärksten Firmen der Region ist Bader Ukraine – ein Hersteller von Innenraumkomponenten für Autos mit Hauptsitz in Göppingen – das einzige deutsche Unternehmen.
Es gibt noch einige Hindernisse
Bisherige Hindernisse sind die schlechte Verkehrsanbindung, zudem logistische Engpässe durch den schnellen Zuzug von Unternehmen und Binnenflüchtlingen sowie den Mangel an Lagerflächen. Der Arbeitsmarkt ist angespannt, obwohl viele gut ausgebildete junge Menschen in der Stadt leben.
Rechtlich ist die Absichtserklärung allerdings völlig unverbindlich; auch finanzielle Verpflichtungen lassen sich daraus nicht ableiten. Somit setzt das Land mit dem symbolhaften Akt ganz auf Engagement und Weitsicht der Wirtschaft hierzulande.
Es wächst immer mehr zusammen
Partnerschaften
Wirtschafts- oder Regionalkooperationen zwischen deutschen Bundesländern und ukrainischen Regionen sind entscheidend zur Unterstützung des Wiederaufbaus. Derzeit gibt es zehn regionale Partnerschaften. Daneben wurden seit Beginn des russischen Angriffskriegs 180 neue kommunale Partnerschaften gezählt – ein Anstieg von 70 auf 250 binnen vier Jahren.
Handelsvolumen
Der Außenhandelskammer in Kiew zufolge hat kein deutsches Unternehmen seit Februar 2022 die Ukraine verlassen. Das Handelsvolumen steige sogar jährlich wieder, heißt es.