5 Seconds of Summer sind die Teenie-Idole der neuen Zeit: Die ausverkaufte Porsche-Arena jubelt ihnen zu.
Der Vorhang ist rot, die Schrift auf ihm verspricht, in großen Lettern, die große Show von 5 Seconds of Summer – und die Porsche-Arena ist ausverkauft, am Mittwochabend. Ehe es los geht, flimmert plötzlich das Bild eines alten Röhrenfernsehers auf der Bühne. Darauf zu sehen sind die Mitglieder der Band, schräg gekleidet, mit Perücken, beim Hot Dog-Dinner, irgendwo. Da sitzen sie, albern, und geben Sicherheitstipps für das Konzert: „Keinen in den Graben schubsen!“
Enorme Energie
Der Boden ihrer Bühne ist schwarz-weiß kariert, der Retro-Style wird sich durch den ganzen Abend ziehen. 5 Seconds of Summer drehen mit enormer Energie, betäubender Lautstärke und noch größerem Erfolg ein Mosaik an Pop-Zitaten durch den Autotune-Wolf. Sie sind die glorreichsten Poser einer neuen Generation und werden geliebt: Von den 5500 Besuchern, die die Stuttgarter Halle füllen, sind gefühlt 5400 weiblich und zwischen zwölf und 22 Jahre alt – die Kollision von tausendfach kreischendem Hallenklang und massivem Bandsound ist ein Erlebnis, Fontänen aus goldfarbenem Konfetti explodieren in der Luft.
Alles schimmert im Glanz der Nostalgie
Minuten nach der Szene aus dem Fastfood-Restaurant sind 5 Seconds of Summer da, ein kurzer kunterbunter Film wiederum stellt die Bandmitglieder vor: Luke Hemmings, Michael Clifford, Calum Hood und Ashton Irwing inszenieren sich, als wären sie die Stars einer Soap Opera, irgendwann zwischen den 1950 und 1980, lange, ehe sie alle geboren wurden. 2014 veröffentlichten sie ihr erstes Album; in den USA und in ihrer Heimat machte es augenblicklich den ersten Hitparadenplatz, in Europa lag es sehr weit vorne. Damals waren sie 18, 20 Jahre alt.
Die Vergangenheit ist der kunterbunte Topf, aus dem sie sich bedienen. Wie’s zusammenpasst, ist sekundär, Hauptsache es schimmert im Glanz der Nostalgie: Teenager-Balladen und Rock’n’Roll-Ohrwürmer im Bonbonsound der neuen Zeit. Einmal, spät am Abend, wagen 5 Seconds of Summer gar Unerhörtes: Sie beginnen den Deep-Purple-Klassiker „Smoke on the Water“ zu spielen. Wenige Takte freilich nur, das bekannte Riff. Begeisterung!
Sie bemühen sich um einen echten Band-Habitus
Sie treten auf mit Gitarre, Schlagzeug, Bass. Getragen wird ihre Musik von zugespieltem Material, von Keyboardwänden und sehr viel Hall. Jeder der Vier singt und alle Stimmen sind gefiltert, korrigiert und eingefügt in die große Klangwelle, die von der Bühne her aufs Publikum schwappt. Was 5 Seconds of Summer einen besonderen Platz sichert unter den Autotune-Gruppen der neuen Zeit, ist, dass sie sich, wiederum ganz nostalgisch, jederzeit um einen echten Band-Habitus bemühen: Sie schleudern Gitarrensoli im Wahwah-Sound und wummernde Bässe eigenhändig hinaus in die Halle.
27 Songs gibt es an dem Abend
Gut 100 Minuten stehen sie in Stuttgart auf der Bühne, 27 Songs spielen sie, einmal lassen sie den Würfel rollen: Groß und rot, mit Luft gefüllt, hüpft er über die Köpfe der Fans hinweg und bestimmt den nächsten Titel. Ganz in der Mitte der Show meldet sich dann Ashton Irwin zu Wort, mit kehliger Stimme. Er sitzt schwitzend an einem echten, großen Schlagzeug, auf einem Podest, das wirkt wie die Dekoration eines sehr alten Science-Fiction-Films. Er ist der heimliche Mittelpunkt des Geschehens, er veröffentlichte 2020 ein Solo-Album. „This is one of my Favorites“, kündigt er den nächsten Titel an: „It’s called ‘Me, Myself and I’”.
Schließlich nehmen die Stars aus Australien Abschied. Was danach geschieht erlebt das Publikum auf der Leinwand: Die Jungs stehen in der Lobby ihres Hotels, gekleidet in weiße Bademäntel, und jammern – versehentlich haben sie sich aus ihren Zimmern ausgeschlossen! Eine Dame hält ihnen den knallrot antiken Hörer eines Schnurtelefons (!) entgegen. Aus ihm wummern die Rufe der Tausende, die in Stuttgart eine Zugabe hören möchten. Nur wie so schnell wieder zum Ort des Geschehens? Gar kein Problem – ein magisch leuchtender Schalenkoffer öffnet sich, drinnen liegt eine schwarz-weiß karierte Karte. Einmal kurz übers Lesegerät ziehen und die Band wird zurückgebeamt – 5 Seconds of Summer sind noch einmal da, in den wehenden Bademänteln, noch einmal rast die Halle, noch einmal glühen die Ohren.