Von 1925 an wurde Böblingen für 13 Jahre zum fliegerischen Aushängeschild der Region Stuttgart. Heimatforscher halten die Erinnerung lebendig, die Stadt plant ein Geburtstagsfest.
Böblingens großer Tag begann mit Verspätung. Eigentlich sollte die Dornier um 9.30 Uhr landen. Man schrieb den Montag, 20. April, des Jahres 1925 und mit Spannung wurde der erste Linienflug in der Stadt erwartet. Nachdem das Böblinger Flughafengelände zuvor nur militärisch genutzt worden war, entschied sich die 1924 in Stuttgart gegründete Luftverkehr Württemberg AG für Böblingen als neuen Landesflughafen – der Cannstatter Wasen zog den Kürzeren. An besagtem Montag sollte es also soweit sein und die ersten Passagiere auf der Linie Zürich-Böblingen-Mannheim-Frankfurt in die Luft gehen. Doch das Wetter spielte nicht mit.
So schrieb das „Neue Stuttgarter Tagblatt“ damals über den symbolischen Erstflug: „Aber da die Wettermeldungen in der Schweiz nicht günstig waren, wurde erst 8.54 Uhr abgeflogen.“ Um die Wartezeit der Schaulustigen in Böblingen zu überbrücken, zeigte das Leichtflugzeug L20 – konstruiert vom Böblinger Flugzeugpionier Hanns Klemm – sein Können. Um 10.05 Uhr war es dann endlich so weit: Am südlichen Horizont brach der silbergraue Aero-Lloyd D-552 „Komet-III“ durch die Wolken, flog eine kurze Schleife über den Flugplatz – und setzte auf. Das Tor zur Welt stand Böblingen offen.
Kurzerhand eingemeindet
Es sollte das beschauliche Städtchen zum wichtigen Drehkreuz für die aufkommende Fliegerei machen. In der Bezeichnung des Flughafens wurde man zwar kurzerhand von der Landeshauptstadt eingemeindet: Auf den Tickets und Flugplänen hieß es stets „Stuttgart-Böblingen“. Da die Fliegerei damals noch etwas für Besserbetuchte war, brachte der Flughafen eine Klientel in die Kleinstadt, die man Jahrzehnte später als Jet-Set bezeichnen sollte: Hohe Beamte, Industrielle oder Militärs bestiegen auf dem heutigen Flugfeld ihren Maschinen, die Bahn oder Direktbusse verkehrten nach Stuttgart.
Der Flugplan war zwar aus heutiger Sicht sehr überschaubar: Nur acht Verbindungen wurden zunächst bedient. Doch von Böblingen hoben Dornier-, Junkers- oder Heinkel-Maschinen ab gen Zürich, Berlin, Frankfurt oder München und von dort weiter. Immerhin: Unter den damals 64 Flughäfen in Deutschland rangierte Böblingen bald auf Platz fünf bei den Passagierzahlen, die im ersten Jahr schon bei 4170 lagen. Bei der Luftfracht war die Stadt bald sogar der zweitwichtigste Umschlagplatz in Deutschland mit 38,8 Tonnen bewegten Gütern 1925.
Das als nordisches Blockhaus gebaute Empfangsgebäude wurde schnell zu klein, weshalb man 1927 ein neues Terminal im Bauhaus-Stil errichtete. Es verfügte über einen Tower, eine eigene Zollabfertigung und ein exquisites Restaurant sowie eine Aussichtsterrasse. Hotelzimmer waren ebenfalls vorhanden. Die aufkommende Luftpost brachte Böblingen mit klingenden Namen in Verbindung: Am 3. Februar 1934 hob der Post-Jungfernflug Richtung Südamerika ab. Der Ort putzte sich außerdem touristisch heraus, warb mit seinen Kurhäusern Waldburg oder Hubertus.
Weitere Höhepunkte der Luftfahrtgeschichte waren die zweimalige Landung des Zeppelins in Böblingen: Am 3. November 1929 um 12.15 schwebte das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“ ein. Der Böblinger Bote schrieb: „Von den Tausenden und Abertausenden mit Jubel begrüßt, umkreiste das Luftschiff in langsamem Flug das Flugplatzgelände und stattete sodann der Stadt selbst in einem längeren Schleifenflug einen Besuch ab.“ Ein Ereignis, dass zu einem Massenansturm an Schaulustigen führte: An die 100 000 Menschen sollen den Flughafen gesäumt haben.
Der Zeppelin kam noch ein zweites Mal: Am 28. Juni 1931 schwebte er erneut auf seiner „Schwabenfahrt“ von Friedrichshafen heran. Die Landung hatte ein weiteres Mal Volksfest-Charakter, wie die Schwarz-Weiß-Bilder, Presseberichte und sogar Gedenkmünzen von damals zeigen. Die Zeppelin-Landungen sind nur eines von mehreren geschichtsträchtigen Kapiteln von Böblingen als Fliegerstadt. Es gäbe noch unzählige, wie das des Luftakrobaten Fritz Schindler, der am 18. September 1930 spektakulär verunglückte. Oder das des Leichtbau-Pioniers Hanns Klemm, der den Flugzeugbau nach Böblingen brachte.
Die Erinnerung halten vor allem Heimatforscher hoch. Allen voran haben sich der ehemalige Böblinger Stadtarchivar Hans-Jürgen Sostmann, Reinhard Knoblich und Wilfried Kapp mit ihrer AG Böblinger Flughafengeschichten hervorgetan. Mit großer Leidenschaft und Akribie haben die drei seit 2009 Unmengen an Material, Bildern und Archivalien zusammengetragen, und auf der Internetseite flughafenbb.com öffentlich zugänglich gemacht.
Großes Flugfeld-Fest am 14. September
In diesem Jahr unterstützten Sie die Stadt anlässlich der 100-Jahr-Feier bereits bei der Gestaltung eines Kalenders, der allerdings schnell vergriffen war. Die Heimatforscher bringen sich auch beim Jubiläumsfest ein, das am 14. September auf dem Flugfeld steigen wird. Nachdem der Stuttgarter Flughafen sich bei seinen Feierlichkeiten 2024 auf das Gründungsdatum der Luftfahrt Württemberg AG 1924 bezog, feiert man in Böblingen erst in diesem Jahr, da der Erstflug als Meilenstein gilt.
Am 14. September wird auch das hoch betagte Flugzeug Klemm 25 wieder zu sehen sein, dass Teil der Jubiläumsfeier in Stuttgart war – immerhin Deutschlands drittältestes fliegendes Fluggerät. Es wird seit Jahren von der Luftsportgemeinschaft Hanns Klemm und dem Förderverein historische Flugzeuge in Schuss gehalten. Selbstredend wurde die mittlerweile 91-jährige Dame im vergangenen Jahr von zwei mutigen Steuermännern auf den Stuttgarter Flughafen pilotiert. Dabei drehten sie mehrere Ehrenrunden um die Böblinger Stadtkirche.
Chronik des Böblinger Flughafens
1915
Einweihung des Militärflugplatzes
1925
Eröffnung des Landesflughafens
1926
Gründung der Leichtflugzeugbau Klemm
1929
Landung des Luftschiffs „Graf Zeppelin“
1931
Eröffnung des Deutschen Luftfahrtmuseums
1934
Eröffnung der Ozeanflugstrecke für Luftpost über Böblingen nach Südamerika
1937
Bau der Fliegerhorst-Kaserne
1938
Belegung des Flughafens mit militärischem Bodenpersonal
1945
Auflösung des Fliegerhorsts
1991/92
Die amerikanischen Streitkräfte räumen das ehemalige Flughafengelände, das sie als Reparaturwerk genutzt haben.
2002
Im Dezember kauft der Zweckverband das Areal vom Bund.
2004
Umbenennung des Areals in Flugfeld
2005
Abschluss der Kampfmittelbeseitigung und der Geländesanierung
2007
Das Flugfeld wird öffentlich zugänglich, die Bebauung beginnt.
14. September 2025
Die Stadt feiert im Rahmen des Flugfeld-Fests die 100 Jahre Erstflug mit vielen Aktionen und Führungen.