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Wir waren es ja nicht

Kommentar

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    Dunkle Schatten der Vergangenheit: Wo heute Mais angebaut wird, befand sich 1945 ein Massengrab Fotos: Simone Ruchay-Chiodi

Artikel vom 06. September 2018 - 07:00

Von Sandra Schumacher

Braucht es wirklich nur knapp 75 Jahre, um all das zu vergessen, was wir nie wieder zulassen wollten?

Nein, wir waren es nicht, die damals einigen Irren geglaubt haben, die behaupteten, dass die gewählten Volksvertreter die Nöte und den wahren Willen der Deutschen aus dem Blick verloren hätten. Wir waren es nicht, die dankbar die Schuld für eigene Entbehrungen Sündenböcken in die Schuhe geschoben haben, die andere für uns ausgesucht hatten. Wir waren nicht diejenigen, die ihre Mitmenschen zuerst misstrauisch beäugt, dann öffentlich beschimpft und sie anschließend durch die Straßen gehetzt haben. Wir haben auch nicht unsere Nachbarn aus ihren Häusern gezerrt, sie gefoltert und ermordet.

Aber wir haben die Verantwortung dafür, dass wir es niemals sein werden, die dabei zugeschaut haben, wie sich die Geschichte mit anderen Protagonisten wiederholt. Wer das Leid und das Elend, das die Nazis über die Welt brachten, nicht mehr vor Augen hat, sollte sich von den Zeitgenossen des ehemaligen KZ-Außenlagers Hailfingen/Tailfingen ihr Schicksal erzählen lassen - und sich ganz genau fragen, wo er auf dem nächsten Stimmzettel sein Kreuzchen setzt.