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Fahndungserfolg: Trickbetrüger wandert hinter Gitter

Amtsgericht verurteilt einen 30-jährigen Geldbetrüger, der einen Rentner beinahe um seine gesamten Ersparnisse gebracht hätte

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    Im Visier von Trickbetrügern sind zumeist ältere Menschen Foto: red

Gerade nochmal gutgegangen. Weil die Polizei aufgepasst und einen der Täter festgenommen hat, ist ein Rentner aus Magstadt nicht um 47 000 Euro erleichtert worden. "Ich dachte, mir passiert so was nie, sondern immer nur den anderen", sagt der 80-Jährige. Sein Betrüger muss nun hinter Schloss und Riegel - länger.

Artikel vom 05. September 2018 - 17:42

Von Siegfried Dannecker

MAGSTADT/BÖBLINGEN. "Zwei Jahre und drei Monate?", fragt der Angeklagte mit einem Schulterblick nach hinten. "Zwei Jahre und drei Monate", bestätigt ihm sein Verteidiger. Für Milde hatte Amtsrichter Werner Kömpf bei dem 30-Jährigen keinen Grund gesehen. Beim unseligen Treiben von Geldbetrügern gebe es wenig Möglichkeiten, die Opfer, meistens ältere Seniorinnen und Senioren, zu schützen. Harte Strafen seien von daher nötig, begründete Kömpf bei der Urteilsverkündung. Und führte aus, dass die Geldtrickmaschen zurzeit "epidemiehaft über uns hereinbrechen".

Zumindest gefühlt mag das stimmen. Nach den Wohnungseinbrüchen sind Polizeimeldungen über (erfolgreiche) Trickbetrügereien und versuchte Maschen derzeit an der Tagesordnung. Manchmal werden beide Dinge sogar miteinander verquickt. Wenn Anwohner von Wohngebieten durch Einbrüche verunsichert werden, lauern Kriminelle auf Chancen bei potenziellen Opfern im fortgeschrittenen Lebensalter.

In Magstadt ist genau so etwas im Februar dieses Jahres passiert. An einem Mittwochabend, 21. Februar, klingelt bei dem 80-jährigen Johannes M. (Name geändert) das Telefon. Bei Einbrüchen in der Nachbarschaft, erklärt der Anrufende, der sich als Kripobeamter ausgibt, sei ein Zettel gefunden worden. "Ich sei der Nächste, der dran sei", sagt Johannes M. im Zeugenstand aus. Der gewiefte Anrufer erschleicht sich offensichtlich wortgewandt das Vertrauen des Seniors, der angesichts zweier bevorstehender Operationen schon ein wenig gebrechlich ist. Auch M.'s Geld auf der Bank sei unsicher, sagt die fremde Stimme am Hörer. "Mir hat der Mann mein Bankguthaben fast auf den Euro genau genannt", sagt M. im Zeugenstand.

Bei der Bank fragte man nach, wurde aber nicht misstrauisch

Könnte es sein, dass M. 10 000 Euro auf dem Giro- und 37 000 Euro auf dem Festgeldkonto seinerseits preisgegeben hat? "Möglich", sagt M. Jedenfalls nimmt der Rentner seinem Gegenüber leichtfertig ab, dass er seine Ersparnisse anderntags von der Bank abheben soll, weil es dort einen Mitarbeiter gebe, "der schlechte Sachen macht". Von einem Kapitalverbrecher und von Falschgeld ist die Rede.

M. glaubt die Räuberpistole. Am folgenden Donnerstag hebt er die 47 000 Euro und damit seine gesamten Ersparnisse bei seiner Hausbank ab. Dort fragt man zwar nach, was er mit so einer großen Summe denn anfangen wolle. Doch richtig skeptisch wird man in dem Geldinstitut nicht. Denn M. war zuvor instruiert worden, sagen zu sollen, es sei für einen Autokauf. Klingt ja plausibel. Also bekommt er die Summe in großen Scheinen ausbezahlt und nimmt sie mit nach Hause. Blüten, also Falschgeld, sind die Scheine freilich nicht, auch wenn Johannes M. das glaubt. Er gibt die Scheinnummern dem mittlerweile zum x-ten Mal anrufenden vermeintlichen Kriminalbeamten ohne irgendeine Form des Argwohns durch.

An dieser Stelle kommt Ahmed A. (Name geändert) ins Spiel. Der 30-Jährige, ein widerholter Schulabbrecher, der verschiedentlich schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, ist nämlich der Kurier für das Geld, das dem vermeintlichen Kriminalmann überbracht werden soll. A., hoch verschuldet, ohne festen Wohnsitz und drogenabhängig, lässt sich "von einem Dealer" für den Dienst anheuern. Wie der heißt? Wo der wohnt? A. will es "aus Angst" nicht preisgeben. Weil er keinen Führerschein mehr hat, mietet der gebürtige Recklinghausener mit türkischen Wurzeln einen VW Beatle in einer Autovermietung in Hagen - mittels der Fahrlizenz seines Bruders. Vier Stunden ist er von Nordrhein-Westfalen ins Schwabenland unterwegs. Das Navi lotst ihn. Weiteres erfährt er von einem Dritten in der Türkei via Handy. Kein Smartphone. Da wären Spuren rückverfolgbar. Nein, es war ein "voraufgeladenes Wegwerfhandy für 20 Euro, ein Arbeitsmittel", sagt der den Fall verfolgende Kriminalbeamte der Polizeidirektion Böblingen aus.

Dass die Kripo von der Sache Wind bekommt, geht auf die Polizei in Kassel zurück. Sie hatte Telefonate einer Trickbetrügerbande abgehört und ihre Böblinger Kollegen informiert, was da anstand. Folge: Zwei echte Kripomänner klingelten bei Johannes M., zeigten ihre Dienstmarken und konnten M. überzeugen, den Fall "mitzuspielen", bis Ahmed A. zur Übergabe in Magstadt auftauchen sollte. Das tat der gegen 16 Uhr. "Hallo, ich bin Herr Schulz und soll das Paket abholen", sagt er Johannes M., nachdem er klingelt. Als "Herr Schulz", den man an seiner Körperfülle erkenne, war er vom falschen Polizisten, der sich in lupenreinem Deutsch als "Herr Maier" ausgab, ja auch angekündigt worden. Doch die Geldübergabe in einer Stofftasche - die Scheine waren mittlerweile Papierschnipsel - ging schief. Denn im Treppenhaus warteten schon die beiden Böblinger Gesetzeshüter. Sie rangen Ahmed A. zu Boden und legten ihm Handschließen an. Weit wäre er eh nimmer gekommen. Draußen zur Observation wartete Verstärkung.

War der Polizei mit A., der seither in Stammheimer U-Haft saß, nur ein kleiner Fisch ins Netz gegangen? Ein unbedeutendes Licht, das nur ausführendes Organ eines eigentlichen Übeltäters war, wie A.'s Verteidiger meinte? Ihm seien für den Deal doch nur 500 Euro Schuldenerlass und 500 Euro Prämie angeboten worden. Weder der Staatsanwalt noch Richter Kömpf ließen sich vom Plädoyer des Verteidigers blenden. Der habe genau gewusst, was er tat, sei sich des Risikos bewusst gewesen. Ein Risiko, das man nicht mit 1000 Euro abgelten habe können.

Verbale Reue in entspannter Sitzhaltung

"Ich schäme mich. Es tut mir aufrichtig leid", versicherte der 30-Jährige: "Hätte ich gewusst, es geht darum, alte Leute abzuzocken - ich hätte mich nicht darauf eingelassen." Doch echte Reue nahm der Richter dem Angeklagten, der nur gestand, was man ihm auch nachweisen konnte, nicht ab. Ahmed A. sich selbst vielleicht auch nicht. Die Urteilsbegründung hörte sich der beleibte Kerl mit verschränkten Armen und entspannter Sitzhaltung an, als ob das Hafturteil einen anderen beträfe. Gelegentlich nuckelte er an einer Wasserflasche. In Heidelberg wird A. in Bälde in einem gleichgelagerten Fall die Anklagebank hüten.

Und Johannes M.? Der knabbert noch schwer an den Vorkommnissen um seine Ersparnisse. Er hatte bis zur Festnahme von Ahmed A. weder mit seinen Kindern noch mit seiner Ehefrau über die Anrufe gesprochen, niemanden eingeweiht. Ganz so, wie es ihm der Trickanrufer angeraten hatte.

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