Gute Vorsätze

THEMA: Zur Ehrenrettung einer oft verlachten Tugend

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VON OTTO KÜHNLE

Artikel vom 30. Dezember 2017 - 04:33

Sie sind wieder da, die Tage der guten Vorsätze. Mit Gedankenspielen des Veränderns gehen die Befürchtungen des Scheiterns einher. Die Begründungen und Ursachen für das vergebliche Mühen haben - gelegentlich mit gehörigem Spaßfaktor - längst das aufrechte Ringen abgelöst. Gute Vorsätze: Das ist was für Gestrige, für Pseudo-Selbstoptimierer und lustverachtende Lebensmuffel. Lieber in die Vollen gehen und sich selbst die Absolution erteilen. Schließlich fordert uns der Alltag genug. In der Auflösung der Grenzen von Arbeit und Freizeit wissen wir schließlich kaum noch, wo uns der Kopf steht. Da sich noch selbst an die Kandare nehmen? Nein danke, bleibt uns gestohlen mit dem permanenten schlechten Gewissen.

 

Schade eigentlich. Denn alleine einmal Bilanz zu ziehen, sich neben sich zu stellen und innezuhalten, kann ja ganz hilfreich und heilsam sein. Ob man all die konjunktivischen Lasten dann auf die Schultern lädt, steht auf einem anderen Blatt. Aber sich den einen oder anderen Schwachpunkt zu vergegenwärtigen, kann der Ausgangspunkt für kleine Schritte mit großer Wirkung sein. Zum Beispiel dem Nachbarn nicht einfach nur Hallo oder Guten Tag zu sagen, ein paar Worte wechseln. Womöglich empfindet er das als gar nicht so unangenehm, wie wir das vermuten oder befürchten. Vielleicht wissen wir dann auch, warum auf dem einen Balkon nebenan nur noch eine Person zum Rauchen rauskommt, der Mann aber nur noch ganz selten gesichtet wird. Scheidung? Krankheit? Das Interesse, das wir anderen Menschen entgegenbringen, ist dann im Gegenzug auch etwas, das wir womöglich irgendwann zu schätzen wissen. Weniger Anonymität und egoistischer Tunnelblick, ein bisschen mehr Empathie, das wäre schon so ein kleiner Anfang, der nicht mehr als ein paar Minuten Zeit, aber doch etwas Überwindung braucht.

 

Denn den Blick zu schärfen für die scheinbaren Nichtigkeiten, das nicht immer pragmatisch-ökonomisch Naheliegende, dies macht unseren Alltag reicher und das Leben lebenswerter. Von alleine aber passiert dies nicht. Dazu gehört der Wille, ohne den gute Vorsätze selten Realität werden. Dass dies gerade mit anderen Menschen viel besser geht als alleine, zeigt uns, dass wir uns viel zu oft auf uns selbst kaprizieren, statt uns auch einmal helfen zu lassen.

 

Wir erleben dies Jahr um Jahr in unserem Laufteam, für das wir heuer zum 15. Mal die Plätze ausloben. Gute Vorsätze, von mehr Bewegung bis Gewichtsabnahme, sind in aller Regel die Motivation, sich einem, halbjährigen Training zu unterziehen. Oft ist es auch die schmerzhafte Erkenntnis, alleine schon öfters gescheitert zu sein. Oder der dringende medizinische Rat, den Schalter gefälligst umzulegen. Das immer wieder Beeindruckende sind die Erfolge, die wir dabei alljährlich erleben dürfen. Da packt es der Gewichts-Jojo-Spieler auf einmal, nahezu 20 Kilogramm abzunehmen. Weil er in der Gruppe Ansporn, Unterstützung, Lob und den Tadel bekommt, wenn er schlampert. Wenn dann Leute auf Medikamente verzichten können oder sie deutlich reduzieren, weil zwei zwingende Termine pro Woche im Lauftreff sichtbare Erfolge zeigen, ist dies der schönste Beleg für den heilsamen Zwang in der Gruppe. Dass dabei ganz nebenbei Achtsamkeit seinen Mitläufern geübt wird, Freundschaften entstehen, ist ein wunderbarer Nebeneffekt, der weit über das Ich-zentrierte Ziel des einfachen guten Vorsatzes hinausreicht.

 

Lassen wir uns also die Tradition des sich Neuausrichtens zur Jahreswende nicht nehmen. Denn es ist ja genau dies, was den Menschen auszeichnet: Dass er sich selbst steuern und kontrollieren kann, sich Rechenschaft ablegt, sich selbst in die Verantwortung und Pflicht nehmen kann. Diese Selbstbestimmung und Fähigkeit der Selbstreflexion macht unser Menschsein auch aus. Rückschläge und Versagen gehören allerdings auch dazu. Trotzdem: Nur Mut für 2018.