Spenden und schenken

THEMA: Zwischen Ablass und Weltverbesserung

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VON OTTO KÜHNLE

Artikel vom 23. Dezember 2017 - 04:33

Auch wenn das christliche Abendland in diesem Jahr der Bundestagswahl zu einem instrumentalisierten Kampfbegriff zu werden drohte, bekommt die uns prägende Geschichte, unser kulturell-religiöser Hintergrund, in diesen Tagen um Weihnachten seine höchste Bedeutung. Denn auch Agnostiker, Atheisten und aus der Kirche Ausgetretene, Fernstehende oder Kritiker lassen sich von der Kernbotschaft gerne erreichen: Dem Egoismus des um sich selbst kreisenden Ichs wird ein Wir, ein Du gegenübergestellt. Selbst wer sich dem kommerziellen Zwang des Geschenke-Terrors entzieht, setzt gerne einen Kontrapunkt von Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Was ebenfalls dem Geist des christlichen Weihnachtsfestes entspricht. Dass die Menschen in diesen Tagen besonders spendenfreudig sind, ist ebenso Ausdruck einer besonderen Stimmungs- und Gemütslage. Auch die Aktion Weihnachtsstern von Pro Vita bewegte wieder viele Menschen, das kleine Glück zu wagen, vor allem aber gezielt Hilfe vor Ort zu leisten. Dafür auch an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

 

Was wir von den treuen Sternekäufern wissen: Sie haben nicht immer den größten Geldbeutel. Viele sind Rentner und müssen auf den Euro schauen. Sind sich aber, oft aus eigener schmerzhafter Erfahrung, bewusst, dass es anderen noch schlechter geht. Wenn wir einen Blick auf die Bahnhofstraße oder in die Bahnunterführung richten und sehen, wer da den Bettlern und Musikern einen Groschen in die Mütze oder den Becher wirft, dann sind es ganz offensichtlich die, die eben nicht den obersten zehn Prozent in der Einkommensskala angehören. Dass dazu ab und an auch Schüler gehören, macht uns richtig froh.

 

Es "wagt" sich offensichtlich auch nicht jeder, stehenzubleiben und den Geldbeutel herauszukramen. Die Frau, die sich in schneidender Kälte vor dem Mercaden-Portal dazu die Zeit nahm, um dem knienden Bettler, der offensichtlich ein Roma war, einen Obolus zu übergeben, verdient Beifall. Denn sie führt uns ein Dilemma vor Augen, das uns oft geradezu hilflos zurücklässt. Wir wissen, dass diese Menschen in Bussen zum Betteln gekarrt werden. Dass ihnen das Geld abgenommen wird. Dass dies organisiert ist, wir eher kriminelles Handeln fördern als Menschen zu helfen. Wenn sich dann aber der Mann mit den windschiefen Zähnen und seinem Dauergrinsen im City Center beim Rewe vor uns in der Kassenschlange seinen Schnaps abholte, damit er die nächste Runde mit seiner Quetschkommode die Passanten drangsalieren konnte, rückte uns dieser Zwiespalt ganz nahe. Aufgeklärt wie wir sind, zumal in einem Lutherjahr, können wir uns in die Rationalität flüchten und uns beruhigen: Wir brauchen keinen modernen Ablasshandel. Hier gilt es doch politisch gegenzusteuern.

 

Diese Logik könnten wir aber auf alle Bereiche anwenden, in denen wir karitativ tätig werden, und sei es eben nur mit dem Spendenüberweisungsformular. Kaufen wir uns da nicht auch wieder für ein Jahr frei? Sichern unser Seelenheil mit der Unterschrift und sind damit so weit nicht weg von jener Zeit und Haltung, die Martin Luther vor 500 Jahren anprangerte? Und betreibt die Politik nicht ein ebensolches Ablasshandelsgeschäft? Sei es mit Erdogans Türkei oder mit Libyen? Hauptsache, die Flüchtlinge bleiben uns von der Pelle?

 

Vielleicht bieten diese Tage nun Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie wir das weihnachtliche Schenken und Spenden in einen kontinuierlichen Prozess überführen können. Wie wir uns den Realitäten von Armut, Flucht und Vertreibung anders nähern können, um selbst einen Beitrag zu leisten, der sich nicht alleine auf die jährliche Überweisung beschränkt. Diese Gesellschaft wartet auf Beschenker, die sich einbringen. Auf Menschen, die sich der Realität stellen und einen Anlauf nehmen, an einer kleinen Stellschraube zu drehen, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Möglichkeiten dazu gibt es zuhauf. Bis zum Jahreswechsel bleibt noch genügend Zeit für gute Vorsätze.