Gestalter verzweifelt gesucht

THEMA: Bürgermeisterwahlen offenbaren Kandidatendilemma

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VON OTTO KÜHNLE

Artikel vom 09. Dezember 2017 - 04:33

Das Jahr der Bürgermeisterwahlen neigt sich dem Ende zu. Für Magstadt dürfte sich kein neuer Gemeindechef auf dem Gabentisch finden. Die Verlängerung ins neue Jahr läutet 2018 dann gut ein, denn am 4. Februar steht in Böblingen die OB-Wahl an. Holzgerlingen hat mit Ioannis Delakos einen neuen Stadtchef gekürt, Schönaich in Daniel Schamburek den Nachfolger von Tobias Heizmann bestimmt. Und Leonberg hat sich reichlich überraschend bereits im ersten Wahlgang für den von außen kommenden Martin Kaufmann entschieden. Nufringen hat am Sonntag in einer Woche zum zweiten Mal die Wahl - auch da wird es einen neuen Chef für die Verwaltung geben. Reichlich viel Bewegung in den Rathäusern, nimmt man den Wechsel des Finanzbürgermeisters in Böblingen noch mit in die Aufzählung hinzu.

 

In der Regel bergen solche Stabübergaben stets auch den Reiz des Neuen, sind die Möglichkeit, eingefahrene Gleise zu verlassen und frischen Wind in Kommunen zu bringen. Doch in Magstadt und Nufringen wollte so recht keine Freude aufkommen, als die Kandidatinnen und Kandidaten für den ersten Wahlgang feststanden. Hatten die Schönaicher noch in Daniel Schamburek einen Mann, der in Darmsheim schon einmal im Geschirr einer Verwaltung stand, so hat das Magstadter Feld keinen einschlägig "vorbelasteten" Kandidaten. Und in Nufringen war mit Stefanie Widmann zwar eine Frau vom Fach am Start, hat die Wählerinnen und Wähler mit ihrem bisherigen Erfahrungsschatz offenbar nicht so recht überzeugt. Was sich am Beinahe-Sieg von Ingolf Welte ablesen lässt. Spannend also, wie sich der Spätstart von Katrin Lippold auf den Stimmzetteln niederschlägt. Sie hat als Kämmerin die größte Erfahrung, doch ob ihr Zögern honoriert oder bestraft wird, zeigt erst der Wahlsonntag.

 

Was aber für eine gewisse Enttäuschung - auch in Schönaich - gesorgt hat, ist die dünne Auswahl an hochkarätigen Kandidaten. Gerade die drei Gemeinden Schönaich, Magstadt und Nufringen zeigen, dass dies kein spezifisches Problem einer einzelnen Ortschaft ist. Denn von der Papierform her hätten sich die Bewerber im reichen Nufringen geradezu drängen müssen. Da ist die finanzielle Situation in Schönaich eher abschreckend, aber eine gut funktionierende Dorfgemeinschaft mit viel Potenzial kann ja auch eine Herausforderung darstellen. Dass in Magstadt trotz erheblicher Fortschritte in der Ortsentwicklung der Wurm drin ist, sich tiefe Gräben in der Bevölkerung geradezu westwallartig verfestigt haben, erklärt am ehesten, dass sich junge Menschen mit einschlägiger Erfahrung den Job nicht antun wollen.

 

Und dieses "Nicht-antun-Wollen" beschreibt vielleicht am ehesten, was den Nachwuchs auf den Rathäusern und im Landratsamt durch den Kopf geht, wenn sie überlegen, sich auf die Kommandobrücke eines Gemeindeschiffs zu begeben. Wer da als Amtsleiter wohlbestallt mit einer schönen A13-Stelle mit Aufstiegschancen seinen Job macht, verspürt wenig Lust, sich für ein vergleichsweise kleines Plus mit Haut und Haar vom Job fressen zu lassen. Gehört der Bürgermeister doch stets allen, am wenigsten aber seiner Familie. Dass - nicht zuletzt aufgrund der angebotenen Flexibilität - der Anteil der Frauen an den Absolventen der Verwaltungs-Kaderschmieden stark ansteigt, erklärt womöglich auch, warum die Zahl der Bewerber zurückgeht. Gemeindehaushalt und das Zuhause samt Kindern, sind eine offenbar schwer verträgliche Mischung.

 

Dabei bieten die Chefsessel in den Rathäusern nach wie vor große Gestaltungsspielräume. Wer sich im Job verwirklichen will und keiner wie auch immer definierten Work-Life-Balance hinterherhechelt, kann hier glücklich werden. Wenn es dafür aber nicht genügend Kandidaten gibt, hilft alleine die Anpassung der Besoldung nicht. Dann muss man mutig sein und neue Wege gehen. Aber warum soll sich solch einen Job nicht auch ein (Ehe)Paar teilen? Bei Pfarrstellen ist dies heute gang und gäbe.