Höher, weiter, schneller - die Entwicklung sportlicher Großveranstaltungen

Sowohl in Städten als auch auf dem Land gehören sportliche Großveranstaltungen heutzutage zweifelsfrei zu den populärsten kulturellen Aktivitäten. Ereignisse wir die Olympischen Spiele, die Fußballweltmeisterschaft oder die Champions League ergreifen etliche Menschen zeitgleich und auf der ganzen Welt.

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    Sportveranstaltungen werden immer größer und kosten mehr Geld. Dafür spielen sie auch mehr Geld ein. Dennoch stehen sie regelmäßig stark in der Kritik. fotolia.de ©Csaba Peterdi (#70603462)

Autor: Florian Mirkens

Artikel vom 20. Oktober 2017 - 13:48

Für einzelne Städte und Länder sind die Sportveranstaltungen damit auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Entwicklung zu immer größer werdenden Ereignissen lässt sich in dieser Hinsicht einfach nur positiv, oder aber auch kritisch betrachten.


Zuschauer und das Konzept von Sportveranstaltungen

Sportliche Veranstaltungen können nur stattfinden, wenn es talentierte Athleten gibt, die an ihnen teilnehmen. Ohne Sportler keine Veranstaltungen. Eine zweite, deutlich größere Gruppe von Menschen ist aber fast genauso wichtig: die Zuschauer. Mit ihnen steht und fällt letztlich der dauerhafte Erfolg einer Sportveranstaltung. Durch die Menge an Menschen, die den Sportlern zuschaut, sie anfeuert und ebenfalls aktiv ist, entsteht die Atmosphäre, die sportlichen Events die Besonderheit verleiht, die sie eben haben. Wer das bezweifelt, muss nur einmal in einem großen Fußballstadion, während eines wichtigen Spiels live zwischen den Zuschauern stehen – die Stimmung ist einmalig.

Das war aber nicht immer so. Denn noch beim Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft im Jahr 1903 etwa waren es lediglich wenige hundert Zuschauer, die weder auf groß angelegten Tribünen, noch mit dem heutigen Enthusiasmus das Spiel verfolgten. Selbst internationale Veranstaltungen, wie die Champions League, haben ursprünglich einmal klein angefangen, gehören heute aber zu den wichtigsten sportlichen Großveranstaltungen überhaupt. Diese Entwicklung lässt sich durch zwei Faktoren erklären:

1. Immer mehr Menschen begeisterten sich im Laufe der Zeit selbst für das Sporttreiben. Sie nahmen sich erfolgreiche und begabte Sportler zum Vorbild und orientierten sich an deren Leistungen. Live zuzusehen, wie diese Vorbilder sich bewegten und ihre Fähigkeiten präsentierten wurde zum kollektiven Freizeitvergnügen.

2. Mit wachsendem Interesse am Zuschauersport entdeckte auch die Wirtschaft das Potenzial dieser Großveranstaltungen: der „kleine Mann“ kann bei Sportwetten seinen Einsatz verdoppeln oder gar vervielfachen, Unternehmen, Vereine und Investoren verdienen mit Ticketgeldern in immer größere werdenden Stadien und Veranstaltungsstätten immer mehr Geld. Ebenfalls von Interesse wurden die wachsenden Sportveranstaltungen für die Medien, die seit etwa 1950 dem Sport durch öffentliche Berichterstattung eine noch breitere Plattform verschafften.


Die Bedeutung der Sportveranstaltungen für Städte

Internationale sportliche Großveranstaltungen werden heutzutage nichtmehr zufällig oder gar spontan vergeben – ganz im Gegenteil. Sie sind für Städte derart interessant, dass sie in Form von Wettbewerben ausgeschrieben werden. Gerade Weltmeisterschaften und Olympische Spiele sind hart umkämpft. In der Regel liegen für derartige Ereignisse zahlreiche Bewerbungen unterschiedlicher Städte vor. Die FIFA beispielsweise liefert sogar Anleitungen, die bei der Zusammenstellung der Bewerbung helfen sollen. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, erfolgt ein langjähriges Abwägen, Bewerben und Prüfen und nicht selten auch ein Buhlen und ein echtes Betteln um die Gunst der Veranstalter. Diese Veranstalter, meist die internationalen Spitzenverbände des Sports, verkaufen ihre Events in der Regel unter dem Aspekt, dass eine Stadt damit die Chance auf Bewerbungen für noch größere Ereignisse verbessere.

Damit liegen sie nicht falsch. Wer einmal ein sportliches Ereignis erfolgreich „gehostet“ hat, erhöht seine Chancen, wieder an den Drücker zu kommen. Und noch viel mehr: wer beispielsweise die Olympischen Spiele ausrichten darf, profitiert oft ganz von alleine von zahlreichen anderen Faktoren. In England beispielsweise entwickelte sich im Zuge der Sommerspiele im Jahr 2012 eine intensive und wichtige Diskussion zum Sportunterricht an Schulen.

Allerdings entsteht aus der Beliebtheit der Veranstaltungen auch eine Art Kannibalisierung und große Konkurrenz um große sportliche Events, die dem ursprünglichen Sportgedanken, nämlich der Freude an gemeinsamer Bewegung und dem Messen der Fähigkeiten, auf eine gewisse Art und Weise unbestreitbar schadet.


Von Geldern und Skandalen

Außenstehende waren sich im Grunde einig: für die Wintersportler, egal ob Deutsche oder internationale, wäre Olympia 2022 in München absolut wichtig und verdient gewesen – denn die Winterspiele am Badestrand von Sotschi in Hallen und Tribünen, die auf dem Blut und Schweiß geknechteter Wanderarbeiter erbaut wurden, waren wohl, wenn man ehrlich ist, ein erster Rückschlag für den Wintersport. Und 2018 soll der ganze Spaß dann also in der südkoreanischen Retorte Pyeongchang, vor allem zur Förderung des Umsatzes der Wintersportunternehmen am asiatischen Markt, stattfinden. München wäre 2022 eine gelungene Alternative gewesen. Das zumindest sagten die Gefühle.

Der Verstand dagegen sagte: die 18-tägige Mammutveranstaltung bringt Kosten mit sich, die eine extreme Belastung für jeden Steuerzahler in Deutschland bedeutet. Das IOC hätte auch vom Münchner Organisationskomitee eine Defizitgrenze in unbegrenzter Höhe verlangt, damit sei ja kein Risiko tragen müssten. Für die Funktionäre eine tolle Sache, für den Steuerzahler eine unerträgliche.

Nun sind die Winterspiele 2022 nach Peking gegangen – und das auch ganz ohne Bewerbung der bayrischen Metropole. Olympiagegner jubeln. Denn mit den knapp 60 Millionen Euro, die für die Bewerbung um die Austragung hätten investiert werden müssen, könnten nun andere Dinge gemacht werden. Zum Beispiel?

Viele deutsche Sportler und Trainer beispielsweise sähen das Geld lieber im Lokalsport, in Turnhallen oder als Investition für den Vereins- und den Schulsport. Es stellt sich die Frage, ob es wichtiger ist, hochspezialisierte Wintersportler, wie Bobfahrer oder Biathleten in Zukunft für wenige Tage nach Deutschland zu locken oder Schülern eine Grundlage sportlicher Betätigung auf angemessene Weise bieten zu können.

Immerhin spricht es für sich, dass die Jugend des Deutschen Alpenvereins noch vor dem Entscheid der Münchner Bürger gegen Olympia eine abermalige Olympia-Bewerbung abgelehnt hatte. „Im Sinne der Generationengerechtigkeit lehnt die Jugend des Deutschen Alpenvereins die massive Verschuldung durch die notwendigen Investitionen bei einer erfolgreichen Bewerbung ab“, hieß es im Beschluss der Delegierten. 250.000 junge Mitglieder im Deutschen Alpenverein vertraten diese Meinung.


Wieviel Veranstaltung ist noch Sport?

Sportliche Großveranstaltungen werden also einerseits immer größer, bombastischer und teurer und werden genau für diese Entwicklung kritisiert. Auf der anderen Seite haben sie das Potenzial, Städte auf verschiedene Art und Weise aufzuwerten und im besten Fall auch wieder einiges an Geld in die Kasse zu spülen. Was diese Punkte angeht, werden sich Vereine und Veranstalter, Zuschauer und Bürger nie wirklich einig werden.

Ein weiterer Punkt aber, der oftmals außer Acht gelassen wird, ist der des ganzen Drumherums bei sportlichen Großveranstaltungen, des Drumherums, was inzwischen viele Menschen einfach hinnehmen ohne Kritik zu üben. Konkret ist all das gemeint, was vom eigentlichen Sport ablenkt, was mit dem ursprünglichen Anreiz ein derartiges Event zu besuchen nichts mehr gemein hat und was am Ende doch wieder nur dazu dient, an interessierten Zuschauern noch mehr Geld zu verdienen.

Diese Ablenkung und Erweiterung der Großveranstaltungen um Werbung und zusätzliches Entertainment findet medial sowie live im Stadion statt. Im Internet und im Fernsehen ist es vor allem Produkt- und Dienstleistungswerbung, die den Großteil der Sendezeit in den Pausen der diversen Sportübertragungen einnimmt. Hinzu kommen – gerade beim Weltsport Nummer 1, dem Fußball – zahlreiche Analyseserien, Talkshows und Sportschauen, die für Fans inzwischen fast schon zum Pflichtprogramm geworden sind und die doch eigentlich in Richtung leerem Gefasel gehen, um Fans wiederum länger vor den Bildschirmen zu halten.

Auch live nimmt das eigentliche Spiel, wegen dem Zuschauer eine Großveranstaltung besuchen, heute oftmals nur den kleineren Teil der Zeit im Stadion ein. Denn vorher treten, gerade bei Weltmeisterschaften & Co. DJs und Bands auf, Künstler tanzen im Stadion herum und wer ein wenig Distanz gewinnt, fragt sich, was das eigentlich noch mit dem Sport zu tun hat. Fans bleiben auf diese Weise natürlich länger im Stadion, konsumieren mehr Lebensmittel, kaufen vielleicht auch irgendwann diverse Fanartikel. Begeisterung für den Sport darf zelebriert werden – wenn sie aber ausgenutzt wird, um Zuschauer regelrecht auszubeuten, sollten vorherrschende Konzepte und Gepflogenheiten überdacht werden. Dem Fußball würde es beispielsweise sicher nicht schaden, wenn ein Gang zurückgeschalten wird.