Ein Dutzend Mal und öfter

Ob Arbeit oder Arztbesuch, jedes Verlassen ihrer Wohnung stellt Birgit T. vor eine Zerreißprobe, die sie viel Zeit und Nerven kostet: ein Dutzend Mal und öfter kontrolliert sie, ob alle Türen ordentlich versperrt, die Fenster gesichert sind, oft kehrt sie nach ihrem Weggang noch einmal zurück, um sich erneut zu vergewissern.

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    Das Gefühl etwas vergessen zu haben und dutzende Male nachkontrollieren zu müssen

Trotzdem quält sie während ihrer Abwesenheit ständig die Befürchtung, etwas Entscheidendes vergessen zu haben, und schnell wächst die Angst vor den möglichen Konsequenzen ihrer vermeintlichen Nachlässigkeit ins Unerträgliche.

Artikel vom 26. September 2017 - 13:19

Was auf den ersten Blick absurd anmutet, entpuppt sich als gar nicht so selten: rund zwei bis drei Prozent aller Deutschen leiden unter Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken. Was solche Störungen auslöst, wie sie den Alltag beeinträchtigen und ob es Therapiemöglichkeiten gibt, weiß Dr. rer. nat. Sarah Neef, Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin.


Was sind Zwangserkrankungen?

Eigentlich haben fast alle Menschen in moderater Form irgendeine zwanghaft anmutende Ausprägung, „Habe ich das Auto auch wirklich abgeschlossen?“ beispielsweise, aber es beeinträchtigt nicht den Alltag. Bei behandlungsbedürftigen Zwangshandlungen ist das Ausmaß der Störung und der damit verbundenen Ängste und Belastungen derart groß, dass eine Beeinträchtigung im Lebensvollzug gegeben ist.


Wie entstehen sie?

Eine einheitliche Theorie, die die Ätiologie der Zwangserkrankung per se erklärt, gibt es eigentlich nicht. Man geht davon aus, dass ein als sehr aversiv erlebter Moment zum sogenannten Schlüsselerlebnis wird und eine Art klassische Konditionierung stattfindet. Durch die Kopplung mit einem traumatischen Ereignis wird ein zunächst neutraler Reiz so zu einem Angstreiz.


Welches sind die häufigsten Ausprägungen von Zwangsgedanken und -handlungen?

Am häufigsten sind Wasch- und Putzzwänge, Kontroll-, Wiederholungs- und Ordnungszwänge. Auch Zählzwänge und das zwanghafte Grübeln kommen oft vor.


Wie lassen sie sich von normalen Verhaltensweisen abgrenzen?

Wenn wir im Alltag die Türschlösser kontrollieren, so tun wir dies ein- bis zweimal, um uns zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Bei Zwangserkrankungen findet indes eine Überbewertung statt: der Gedanke, möglicherweise ein Türschloss bei der Kontrolle übersehen zu haben, persistiert, ruft immer neue Szenarien wach und löst immer größere Ängste aus. Für den Betroffenen besteht das Ziel nun darin, die Angst, die durch den Zwangsgedanken ausgelöst wird, zu reduzieren.


Wie erleben Patienten den Zwang?

Zuerst leisten sie Widerstand, die Zwangshandlung auszuführen, doch das wird als so aversiv und angstauslösend erlebt, dass sie irgendwann dem Impuls nachgeben. Kurzfristig tritt eine Erleichterung ein, da man es mit der Ausführung der Zwangshandlung geschafft hat, den als bedrohlich empfundenen Gedanken zu „neutralisieren“. Langfristig jedoch findet eine negative Verstärkung statt, was zu einer deutlichen Beeinträchtigung des Lebens führt: Dinge werden vernachlässigt, es kommt zum sozialen Rückzug, entstehende Konflikte, zum Beispiel durch permanentes Zuspätkommen aufgrund von langwierigen Kontrollen vor Verlassen der Wohnung, beeinträchtigen den Alltag. Der Teufelskreis wird immer größer.


Ist den Patienten ihr irrationales Verhalten bewusst?

Ja, den Betroffenen wird sogar in den verzweifelten Momenten der Zwangshandlung bewusst, dass diese sinnlos ist. Es gelingt ihnen auch immer wieder kurz, sich temporär davon zu distanzieren, dennoch ist die subjektiv empfundene Angst und die Vorstel-lung, mit Ritualen den Inhalten der Zwangsgedanken entgegenwirken zu können, übermächtig.


Was sagen Betroffene über die Akzeptanz der Umwelt?

Da viel Scham damit verbunden ist, werden Zwangserkrankungen oft verheimlicht. Meist ziehen sich Betroffene aus ihrem sozialen Umfeld zurück, nicht zuletzt, da sie immer mehr Zeit für die Zwänge aufwenden. Ansonsten sind die Reaktionen sehr vielfältig; aber nur wenige Menschen zeigen Verständnis für diese Erkrankung.


Warum entscheiden sich Betroffene für eine Therapie?

Oft ist der Leidensdruck derart hoch, dass die Patienten sich zu einer Therapie bewegen lassen. Manchmal ist es auch die Angst vor Konsequenzen wie Kündigung des Jobs oder Trennung vom Partner, die zur Behandlungseinsicht führt.


Welche Therapieansätze gibt es?

Neben der Pharmakotherapie gibt es die Verhaltenstherapie sowie kognitive Ansätze.


Welche Voraussetzungen sollten für eine Therapie erfüllt sein?

Zunächst überprüfe ich die Motivation, ob der Patient bereit ist, sich auf die Therapie einzulassen und auch außerhalb der Therapiesitzungen konsequent zu üben. Sonst sind keine wirklichen Fortschritte zu erwarten. Um die Motivation anzutreiben, legen wir gemeinsam positive Ziele fest, die auf der Verhaltensebene präzisiert werden, beispielsweise im Bereich der Berufstätigkeit: „Ich möchte wieder pünktlich zur Arbeit kommen“. Dieses Vorgehen ist vor allem im Hinblick auf das Zeitloch wichtig, das die Reduktion der Zwänge aufreißt, und das mit alternativem Verhalten gefüllt werden muss.


Was versprechen sich die Patienten von einer Therapie?

Sie versprechen sich sehr viel davon. Deswegen muss ich ihnen immer wieder klar machen, dass die eigentliche Therapie nicht nur in meinem Behandlungszimmer stattfindet, sondern vor allem außerhalb der Therapiestunden, wenn die Patienten im Alltag die besprochenen Ansätze umsetzen.


Wie sind die Erfolgsaussichten?

Das kommt sehr stark auf Motivation, Disziplin und Mitarbeit des jeweiligen Patienten an. Zuerst muss er lernen, durch Verhaltensbeobachtungen im Alltag Vermeidungsreaktionen als solche wahrzunehmen. Anschließend werden dysfunktionale Gedankenmuster identifiziert und auf Realität überprüft, da diese Gedanken automatisierte Formen der Bewertung von eigentlich harmlosen Situationen und vorausgeahnten Konsequenzen darstellen: „Schmutz ist schlimm, da kann ich mich anstecken und eine tödliche Krankheit bekommen…“. Bei der Exposition geht es dann darum, sich den Ängsten zu stellen, ohne die neutralisierende Handlung, die Zwangshandlung, auszuführen. Mit der Zeit lernt der Patient, dass die befürchtete schlimme Konsequenz nicht wirklich eintritt und die Ängste relativieren sich. Aber das ist ein mühsamer Lernprozess, für den manche sehr lange brauchen. Andere dagegen schaffen es innerhalb eines halben Jahres.