Vernetzt. Baden-Württemberg wird digital

Initiativen auf Landes-, Regional- und Kommunalebene für die Digitalisierung

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    Durch die Digitalisierung ist eine globale Vernetzung überhaupt erst möglich – um die Digitalisierung aber voranzutreiben, braucht es die Vernetzung auch auf Landes-, Regional- und Kommunalebene. Bild: fotolia.com © Julien Eichinger)

Autor: Marvin Unger

Artikel vom 09. August 2017 - 15:50

Die Zeichen stehen auf Digitalisierung und in Baden-Württemberg will man mit der neuen digitalen Welt nicht bloß Schritt halten, sondern sie aktiv mitgestalten. Das Hauptthema für Teile der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit wird dabei auch gleich zum Vorbild genommen: Wenn alles miteinander vernetzt ist, sollten es schließlich auch diejenigen sein, die Innovationspotenziale im Bereich der Digitalisierung finden und umsetzen wollen.


Vom Großen ins Kleine: Ganzheitlich in die Digitalisierung

Wie kaum ein anderes Phänomen hat es die Digitalisierung bereits jetzt geschafft, jeden Lebensbereich zu erfassen und zu durchdringen. Sie stellt daher in gewisser Weise die Schnittmenge dar, den gemeinsamen Nenner für ganz unterschiedliche Themenfelder. Dahinter verbirgt sich ein enormes Potenzial, etwa wenn es um den Daten- und Wissenstransfer zwischen verschiedensten Bereichen geht, die bislang ansonsten nur wenige Berührungspunkte hatten, sehr wohl aber voneinander profitieren können.

Um diese Potenziale aber voll ausschöpfen zu können, muss die Digitalisierung ganzheitlich gedacht werden. Neuerungen sind nicht nur in technologischer Hinsicht möglich, sie sind in den Denkweisen schlichtweg erforderlich. Das wiederum bedeutet, dass die Vernetzung der Beteiligten ebenso ganzheitlich sein muss, will man der Digitalisierung wirklich gerecht werden.

Die Weichen für die dazu notwendigen Verbindungen und Kanäle wurden in Baden-Württemberg bereits vor einigen Jahren geschaffen. Der „Cluster-Dialog“ wurde vor 10 Jahren vom damaligen Ministerium für Finanzen und Wirtschaft ins Leben gerufen, um dem Land bzw. den im Land ansässigen Akteuren eine gemeinsame Plattform für den Informations- und Erfahrungsaustausch zu bieten. Gleichzeitig fungiert der Cluster-Dialog seither als Bindeglied zwischen der Landespolitik und regionalen und kommunalen Institutionen. Daneben fängt das Cluster-Konzept verschiedenste Wirtschaftsfördereinrichtungen, Wirtschaftsorganisationen, Technologie- und Innovationsplattformen und Landesministerien ein.


Netzwerke und Institutionen für digitale Innovationen

Wie das beispielsweise auf Landesebene aussehen kann, zeigte im letzten Jahr etwa die von Ministerpräsident Kretschmann initiierte Digitalisierungsstrategie „digital@bw“. Vernetzung ist im Rahmen dieser Strategie im Sinne einer Bündelung zu verstehen: Unter der Anleitung des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration sollen alle Ressorts der Landesregierung an einer übergreifenden gemeinsamen Agenda arbeiten, in der es jedoch ganz spezifische Aktionsfelder für die einzelnen Ministerien geben wird. Sie alle sollen von den Möglichkeiten einer gezielteren Vernetzung mit Wirtschaft, Wissenschaft und vor allem der Gesellschaft profitieren. Priorität hat bei allen Digitalisierungsplänen des Landes immer der einzelne Bürger.

Deswegen geht es etwa um die sinnvolle Einbindung der Digitalisierung in die berufliche Bildung. Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport wird sich in dieser Hinsicht nicht allein um neue Methoden und Anwendungsmöglichkeiten in der Unterrichtsgestaltung kümmern, sondern zugleich die dazu notwendigen technischen Voraussetzungen wie auch die fachlichen Qualifikationen für das Lehrpersonal schaffen.

Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau knüpft in gewisser Weise daran an, in dem es unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ zum einen die Qualifizierung von Nachwuchskräften, zum anderen die berufliche Weiterbildung im Bereich Digitalisierung vorantreiben soll. Thema werden daneben aber die bessere Vernetzung von Gründern, Investoren, Forschungseinrichtungen und Unternehmen, eine explizit wirtschaftsbezogene Initiative sowie ähnliche Initiativen für die Industrie und den Mittelstand sein. Dazu unterstützt das Ministerium unter anderem die 13 außeruniversitären Forschungsinstitute, die in der Innovationsallianz Baden-Württemberg innBW ihrerseits schon einen eigenen Zusammenschluss unterhalten.

Im Ministerium für Soziales und Integration hingegen wird es verstärkt um die Themen Telemedizin und andere Möglichkeiten für die digitale Unterstützung in der landesweiten medizinischen und pflegerischen Versorgung gehen, erwartungsgemäß steht neben verschiedenen Mobilitätsfragen die Förderung des automatisierten Fahrens auf der Agenda.

Ausgearbeitet und zusammengefasst zu einer digitalen Leitlinie, die für ganz Baden-Württemberg Gültigkeit hat, werden die einzelnen Aufgaben aber in einem gemeinsamen Kabinettsausschuss. Hier arbeiten und beraten sämtliche Ministerien dann zusammen, über die zukünftigen Maßnahmen. Dass es für einen Erfahrungs- und Wissenstransfer nicht immer die Landesbühne sein muss, beweist übrigens die Gewerbevereins-Akademie, die der Herrenberger Gewerbeverein in diesem Jahr zum sechsten Mal ausgerichtet hat. Auch hier ging es um das wichtige Thema Digitalisierung und der regionale Rahmen konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie groß die Tragweite dieses Phänomens tatsächlich ist.


Netzwerken für ein intelligenteres Zuhause

Ebenfalls aus dem Umfeld baden-württembergischer Clusterpolitik entstanden ist die Initiative Smart Home & Living BW, aus der wiederum der gleichnamige Verein hervorgegangen ist. Seit Juli 2016 bemühen sich die Mitglieder des Vereins – das sind Cluster-Initiativen, Innovationsnetzwerke, Technologie- und Kompetenztransferzentren, Unternehmen, Forschungsinstitute, Universitäten, Hochschulen, Wirtschaftsorganisationen, Sozialverbände und Akut- sowie Pflegeeinrichtungen -  um den Aufbau eines Netzwerks, das sich schwerpunktmäßig um die Förderung der Smart Home-Thematik landesweit voranzubringen.

Der Verein kümmert sich dabei um eine Vielzahl von Aufgabenfeldern, etwa

- die Identifikation und Vernetzung der Schlüsselakteure in Baden-Württemberg,
- die Zusammenarbeit und Kooperation mit regionalen Initiativen und Maßnahmen,
- das Aufzeigen der Möglichkeiten neuer Technologien, die auch Nachfragerseite bestehen,
- die Entwicklung und Erprobung neuer Geschäftsmodelle,
- die Vernetzung mit europäischen und weltweiten Partnern

Von wesentlicher Bedeutung hinsichtlich der Absatzmöglichkeiten von Smart Home-Produkten dürfte darüber hinaus die Informations- und Aufklärungsarbeit sein, die der Verein für potenzielle Nachfrager betreibt. Denn wenngleich es von technischer Seite inzwischen selbst mit Einsteigerwissen möglich ist, funktionierende Systeme zu Hause selbst zu installieren, scheitert die Durchsetzung der Technologie auf breiter Basis nach wie vor. Allerdings gehört es genauso zu den Zielen des Smart Home & Living BW e.V., den immer noch bestehenden Markthemmnissen – dazu zählen etwa Bedenken hinsichtlich der Sicherheit, Bedienbarkeit oder auch der Preis – und Eintrittsbarrieren entgegenzuwirken.

Zu den jüngsten Maßnahmen in dieser Hinsicht gehört das Online-Suchportal smarteorte-bw.de, das ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau entstanden ist. Davon sollen Anbieter wie Interessierte gleichermaßen profitieren. Kern des Portals ist eine Karte mit Musterwohnungen, Informationszentren, Beratungs- und Verkaufsstellen sowie Living Labs, die sich im gesamten Bundesland finden lassen.

Erhofft wird von der Website ein Beitrag dazu, die verzeichneten „smarten Orte“ überregional bekannt zu machen. Anbieter von Lösungen rund um das Smart Home bekommen auf diese Weise die Möglichkeit, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren. Dieses wiederum findet über die Suchfunktion des Portals schneller die richtigen Ansprechpartner – vorzugsweise direkt in der Umgebung –, die Antworten auf alle möglichen Fragen rund um die üblichen Themen (Automation, Sicherheit, Energieeffizienz, Komfort etc.) geben können.

Dabei sollte man eigentlich meinen, die Vorzeichen seien – selbst vor dem Hintergrund, dass die Prognosen schon seit Jahren so lauten – günstiger als jemals zuvor. Nicht zuletzt deshalb, weil immer mehr Global Player, wie Apple, Google und Amazon, in den Wettbewerb um das vernetzte Zuhause einsteigen. Was wiederum einer der Gründe für einen deutschlandweiten Zusammenschluss verschiedener Verbände aus dem Elektro- und IT-Bereich ist, der im Frühjahr dieses Jahres gegründet wurde.

Mit Bitkom, dem Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik VDE, dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. ZVEI, dem Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke ZVEH, dem Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen und nicht zuletzt den Konzernen Bosch, Telekom und Siemens haben sich einige kompetente wie potente Partner zusammengefunden. Diesen geht zum einen um die (technische) Unabhängigkeit von den Systemen ausländischer Hersteller. Zum anderen spielt selbstverständlich auch das Geld eine nicht unbedeutende Rolle: Der deutsche Smart Home-Markt ist milliardenschwer, die Aussichten auf zukünftige Umsatzsteigerungen in diesem Bereich mehr als positiv.