Mit dem Rad und fast ohne Schlaf quer durch die USA

Rad: Extremsportler Pierre Bischoff hat vor den CVJM-Bikern über seine Gewalttouren durch Amerika und Russland berichtet

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Sie wunderten sich ebenso wie sie mitunter lachten: Mitglieder der CVJM-Radgruppe in Sindelfingen haben jetzt Bauklötze gestaunt, als der Extremradler Pierre Bischoff ihnen seine Aufwartung machte. Der 32-Jährige ist nicht eben in den Schwarzwald geradelt. Sondern durch Amerika und Russland. Praktisch am Stück!

Artikel vom 14. November 2017 - 14:36

Von Siegfried Dannecker

SINDELFINGEN. Was "da für einer kommen" würde - die 30 Neugierigen im proppenvollen Versammlungssaal wussten es nicht. Allemal "koi Gwöhnlicher", wie der Schwabe sagt. Kein gewöhnlich Sterbender, ganz gewiss. Dabei kam mit dem jungen Mann aus Nauders am Reschenpass ein ganzer Kerl, der so viel Ehrgeiz und Ausdauer besitzt wie knitzen Witz und Selbstironie. Wahrscheinlich braucht man all das, um nicht verrückt zu werden, wenn man tage-, ja wochenlang ununterbrochen im Sattel sitzt und kurbelt, was das Zeug hält.

Es war im Juni 2016, als Pierre Bischoff am "Race Across America" teilnahm. Durch das Radrennen "Across the Alps" 2010 - 500 Kilometer in weniger als 24 Stunden - und durch das "Race Across Austria" 2012 - 2200 Kilometer und 30 000 Höhenmeter nonstop - hatte der Mann aus dem Ruhrpott für die USA trainiert. Und sich qualifiziert. Von einem Mountainbike-Wettbewerb am Himalaja ganz zu schweigen. Und so ging Bischoff letztes Jahr auf Tour - einmal von West nach Ost. 4800 Kilometer, die nonstop zu absolvieren sind. Mutterseelenallein, also jeweils als Solist auf dem Race-Bike.

Auf 4800 Kilometern nur zwölf Stunden Schlaf!

Zwölf Tage hätte Bischoff dafür Zeit gehabt (um nicht disqualifiziert zu werden). Geschafft hat er die für Normalsterbliche unvorstellbare Strecke in neun Tagen, 17 Stunden und neun Minuten. Als erster Deutscher gewann der 32-Jährige die (Tor-)Tour. "Mit keinen zwölf Stunden Schlaf und nur Powernapping auf die Gesamtdistanz", wie er sein Publikum atemlos zurückließ. Zwölf Stunden! Also so viel beziehungsweise so wenig, als wenn unsereins mal vom "Albextrem" mit 200 Kilometern regenerieren muss. Ein Klacks, vergleichsweise.

Und weil Pierre Bischoff nun Blut geleckt hatte und wissen wollte, "wo meine wirkliche Grenze liegt", gab er sich diesen Sommer gleich noch eine Steigerung. Vom 18. Juli bis zum 10. August nahm der Ausdauerbiker am "Red Bull Trans-Siberian-Extreme" in Russland teil. Das längste Radrennen der Welt. 9200 Kilometer lang. Bischoff hat sie binnen 24 Tagen geschafft. Und war es dann auch. Als Zweiter von zehn Teilnehmenden (acht Männer, zwei Frauen) kam er nach dem Start auf dem Roten Platz in Moskau in Wladiwostok am Japanischen Meer an. Unter dreien, die die Strapazen überhaupt weggesteckt hatten.

Anders als beim "Race Across America" fährt man in Russland mehr oder weniger im Team und im Windschatten und hat Regenerationsphasen über Nacht. Dafür ist die kürzeste Etappe 326, die Königsetappe fast 1400 (!) Kilometer lang, wo an Schlaf nicht zu denken ist. Höchstens ans Pinkeln am Wegesrand. Wer am Tag 20 Liter Flüssigkeit schluckt, kann nicht alles raus schwitzen.

Apropos Verpflegung. Alle vier Stunden verpflegte sich Pierre Bischoff mit Couscous oder Porridge (Haferflocken, Kokosraspel, Leinsamen, brauner Zucker) aus der Flasche, reingedrückt in den Schlund. 40 Kilo in Summe. Alle halbe Stunde gabs einen Schokoriegel von "Bounty" bis "Snickers", 600 Stück über die Strecke verteilt. "Mars" taucht in Bischoffs Ernährungsplan kurioserweise nicht mal auf, obwohl es doch sofort Energie zurückgeben soll.

Er denkt "naiv" und praktisch nie ans Aufgeben. Warum auch?

Was bracht man sonst so, um überirdisch gut zu radeln? Willen. Und Naivität. Er habe zwar nach der Amerika-Tour seiner Freundin versprochen, erwachsen zu werden, feixte Bischoff. Das Einlösen des Schwurs dann aber doch noch etwas hinausgeschoben. "Ich lebe bewusst naiv", schilderte der Gast im CVJM-Vereinsheim seine Herangehensweise. Mut, Risikobereitschaft und beinahe kindliche Entdeckerfreude zeichneten ihn aus. "Ich bin nicht angetreten, um zu gewinnen. Aber um zu finishen." Die Droge Radfahren treibe ihn voran, ein Trainingsplan sei eine "Orientierung, aber keine Bibel". Also verlässt sich Bischoff auch mal aufs Bauchgefühl. Beispielsweise beim Sekundenschlaf. Den habe er auf geraden Strecken immer wieder praktiziert, um Grenzen zu sprengen. "Beim Autofahren geht das nicht, beim Radfahren schon." Es sei ja nur der Geist, der Erholungsphasen brauche. Der Körper trete "einfach nur weiter", erheiterte der 32-jährige Youngster sein Publikum, das sich tot wähnte nur beim Gedanken an so einen Gewaltakt.

Wer denkt schon ans Duschen, wenn man(n) es eilig hat . . .

Lacher, die auch Pierre Bischoff erheiterten. Es habe schon auch Momente in diesen stark drei Wochen gegeben, "wo ich die Sinnhaftigkeit des Ganzen auch nicht ganz verstanden hab. Aber ich habs halt einfach gemacht." Kopfschütteln, runtergeklappte Kinnladen, als Bischoff den CVJMlern seine Pulswerte zeigte. Eine 109er-Herzfrequenz genügte ihm, um einen 29er-Schnitt zu fahren - für Bischoff, der erst bei einem 35er-Tempo nach Luft ringt, "ein Bummeltempo". Regen? Gegenwind? Stürme? Für Bischoff kein Problem. Der trat auch noch weiter in die Pedale, als sein Konkurrent und Freund Peter Sandholt, mit dem er ins Ziel steuern wollte, nach Etappe zwölf von 14 entnervt und total am Ende aufgab. Bischoff tat zwar "alles weh, irgendwie". Aber er nahm auch noch die beiden letzten Etappen mit zusammen 1500 Kilometern in Angriff. O-Ton: "Das waren ja Peanuts."

Danach rührte Bischoff anderthalb Monate lang sein Rennrad nicht mehr an. Zusatz: "Okay, von zwei 24-Stunden-Rennen mal abgesehen, aber die waren im Team." Die Radfans beim CVJM waren voll des Lobes und Beifalls: "Eine wunderbare Präsentation." Und sie würden sich nicht wundern, wenn Pierre Bischoff wieder Schlagzeilen schreiben würde. Der Ex-Fußballtorwart in einem Dorf bei Duisburg ist übrigens erst mit rund 20 aufs Rad gekommen, 2004 beim "Rad am Ring". Nach dem Duschen habe er damals nicht mal mehr die Seife aufheben können. Nun ja, dafür hatte er beim America-Cross was dazugelernt. Er hat nämlich neun Tage lang nicht geduscht. Er war "höchstens mal kurz in einen Pool gesprungen". Wer springt, gewinnt.

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