Dokumente der Rockgeschichte: Fotos von Harald Kümmel

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    Volle Konzentration auf Konzerte und Kamera-Equipment: Harald Kümmel (2. v. re.) mit Profifotografen bei den Jazzopen Stuttgart. Kümmel liebt alle Arten von Musik. Nur Volksmusik und Schlager meidet er wie der Teufel das Weihwasser.

Sportler, Fitness-Unternehmer, Konzert-Hobbyfotograf seit Jahrzehnten: Der 62-jährige Harald Kümmel ist eine Art Sindelfinger "Schneidewind" und hat so ziemlich alle Größen des Rock-Business abgelichtet

Artikel vom 07. Februar 2018 - 20:24

SINDELFINGEN (sd). Vor den Bühnen der Region ist er als Fotograf seit Jahrzehnten aktiv. Nun verschafft die laufende Ausstellung "Aufbruch und Wandel - Jungsein in Sindelfingen in den 1970ern" Harald Kümmel im Stadtmuseum selbst wieder mal eine Bühne. Seine Fotos beeindrucken ebenso wie sein fotografisches Gedächtnis. Er ist eben jung geblieben, der 62-Jährige - im Kopf wie am Körper.

Wenn jemand wissen will, was in den 70ern konzertmäßig so abging in Sindelfingen - Kümmel weiß es. Der selbstständige Fitnesscoach hat es ja alles selber erlebt und auf Film und im Tiefengedächtnis gespeichert. Kümmel ist gewissermaßen ein "großer Schneidewind", eine wandelndes Rocklexikon. Die Episoden, die er aus den Anfängen der Sindelfinger Konzertkultur erzählen kann, sie könnten Bände füllen.

Welches seine erste Platte war? Kümmel überlegt nur kurz. Könnte sein eine Single von Roy Black. "Ganz in Weiß" oder so. Eventuell auch Wencke Myhres "Beiß nicht gleich in jeden Apfel". Peinlich ist das Kümmel nicht. Er hat ja schnell umgeschwenkt - auf die Stones, die Beatles, die Beach Boys. Schon als Zehnjähriger. Und auf Status Quo, eine der ersten Bands, die der Kerle in Sindelfingen sah. Eine Gruppe, die er über all die Jahrzehnte begleitet hat. Per Ohr und mit der Kamera.

Harald Kümmel war eine der treibenden Kräfte, als Sindelfingen noch kein Jugendhaus hatte. Landhaarig und rebellisch wie er war, hat er für den Jugendtreff demonstriert und Flyer verteilt. Und er gehörte als Jugendlicher jenem Aktionsbündnis an, das auch Konzerte im Eichholzer Täle veranstaltet hat. Zum Beispiel mit der Gruppe Man oder Jazzpianist Wolfgang Dauner und dessen "Et cetera". Der Raum, in dem heute stadtranderholende Kids zu Mittag essen, wurde rasch zu klein. Also verhandelte man mit der Stadt, in die Ausstellungshalle (die heutige Klosterseehalle) zu wechseln. Eine goldene Ära. Und eine, die Kümmel konservierte wie kein Zweiter.

Als Ordner kam der Jugendliche näher an die Stars als andere. Eben zum Beispiel Status Quo. Die schnitt er mit einem tragbaren Uher-Tonbandgerät mit. Damals hat das noch keiner beanstandet. Und weil er sich wunderte, dass keiner die wilden Auftritte der Rockstars fotografierte, griff er zu seiner Kodak Instamatic. Knipste wahlweise eine 12er oder 24er-Kassette voll, gab sie zum Fotohändler und heftete die Abzüge fein säuberlich hinter Folie in Alben ab. Egal ob Fleetwood Mac oder Chicken Shack, Ekseption, Beggars Opera, eine, wie man damals sagte, "progressive" Band aus dem schottischen Glasgow. "Progressiv", das war ein wichtiger Begriff in einer Zeit der Deutschen (Schlager-)Hitparade.

Als die Briten am 22. Januar 1972 in der Ausstellungshalle gastierten, hätten 1500 in die Halle gepasst. "Wir aber haben 3000 reingekriegt", grinst Kümmel. Die Musiker kamen dann halt nicht mehr auf die Bühne, sondern mussten ums Gebäude herum - bei drei Grad minus. Egal, man war ja jung und wild. Auf der Bühne und vor der Bühne. Dort kauerte Kümmel. Ganz nah an den Heroen, weil es Absperrungen noch nicht gab und Teleobjektive selten waren. Auch auf der Bühne hat Kümmel die Hexentänze der Stars festgehalten. Etwa wenn der Schlagzeuger von Golden Earring ("Radar Love") über sein Drum-Set sprang. Bis heute ringen Kümmel Rockstars Respekt ab, wenn sie in den Siebzigern immer noch fit auf den Brettern stehen. Profis wie die von Deep Purple, King Crimson oder Kraftwerk. Mit denen hat Kümmel vorm Konzert auf der Festwiese noch eine Runde und Stunde Fußball gespielt.

Aus den jungen Wilden wurden graue Wölfe

Als er unlängst im Stadtmuseum einen Vortrag über jene Zeiten hielt, klebten drei Dutzend Endfünfziger an seinen Lippen. Erinnerten sich an John Mayall und Alexis Korner in der Messehalle. Oder an Nektar, die mit vier Diaprojektoren anrückten und mit Farbe angefüllte Dias durch die Lampenhitze zu psychedelischen Formen verschwimmen ließen. "Dazu haste noch eine geraucht und alles war paletti", grinst Kümmel. Apropos Rauchen. Die Episode, als Deep-Purple-Keyboarder Jon Lord in seinem klepprigen VW-Käfer seelenruhig neben Kümmel einen Joint rauchte und seinen Fan befragte, vergisst man in der Szene nie. Und doch hört man die Story immer wieder gern. Dass aus den jungen Wilden von einst heute graue Wölfe mit silbrigen Haaren geworden sind - so what.

Santana, Al Jarreau, John Mc Laughlin mit Shakti und dem Mahavishnu Orchestra, AC/DC, Kiss, Motorhead, Manfred Mann, Free, die Scorpions, Herbert Grönemeyer, die Who, Aerosmith, Yes, Foreigner, Emerson, Lake & Palmer, Police, Styx, die Dire Straits, Chris de Burgh, Jethro Tull, Pink Floyd, Tina Turner, Neil Young, Stevie Ray Vaughan, Rory Gallagher und Roger Chapman, Chicago, Uriah Heep, Jon Hisemans Colloseum, Steve Winwood, Alice Cooper, Metallica, Black Sabbath und Birth Control, Supertramp, Sting. . . Kümmel hat nicht weniger als 1000 Konzerte in der Region besucht. Mitunter erinnert er sich an kleinste Details. "The Boss" Bruce Springsteen reist er seit Jahren nach, weil: "Der spielt dreieinhalb Stunden beseelt und bis zum Umfallen." Er ist in zig Umkleidekabinen gewesen und hat ungezählte Autogramme gesammelt. Und so hat ihn etwa Helen Schneider mal zum Kaffee nach Berlin eingeladen. "Eine nette Frau", sagt Kümmel, der längst auch die Oper liebt.

Als er "Judas Priest" fotografierte, "die man heute auf ihre Harleys hieven muss", bekam er "fast einen Hörsturz", so laut sei es gewesen. Nie vergisst er, wie man Neil Young auf dem bebenden Stuttgarter Killesberg mit Polizeigewalt den Stecker zog: "Noch eine Zugabe um 22 Uhr, das war's dann." Im Übrigen weiß Kümmel: Wer die Lebertransplantation und die Drogenexzesse überlebte, steht heute noch auf der Bühne. "Viele von denen sind noch voller Power und halten sich fit", lacht er.

Das freut den seit jeher sportbegeisterten Kerl (Fuß-, Hand-, 30 Jahre lang Volleyball, Marathons, Drachenfliegen, Klettern, Bergsteigen) ungemein. Als Fitness-Coach und Fortbilder schreibt der 62-Jährige derzeit an einem Buch über Sport und Gesundheit von A wie Achtsamkeit bis Z wie Zen-Buddhismus. Drei von 19 Kapiteln hat er fertig. Im September soll das Werk erscheinen.

Info: Noch bis zum 16. Februar sind 53 großformatige Fotos von Harald Kümmel in der Schule für Musik, Theater und Tanz in Sindelfingen (SMTT) zu sehen. Weitere Infos über den 62-Jährigen gibt es auf dessen Homepage http://www.life-art-coaching.de. Über die Liebe zur Schallplatte spricht am Donnerstag, 1. März, um 18 Uhr der Tübinger Dr. Ulrich Hägele im Stadtmuseum in Sindelfingen.