Im Zentrum steht die Sprache

Buch-Tipp

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Artikel vom 28. Dezember 2017 - 16:42

Von Jan Renz

Trotz manch schlimmer Szene ist es ein zauberhaftes Buch, erschienen vor genau 40 Jahren. Es ist jünger und älter zugleich. Jünger, weil die Sprache von heute ist: schnörkellos, präzise, natürlich. Älter, weil so abgeklärt, so ruhig, so klassisch erzählt wird, dass man an Goethes Autobiographie denkt: "Dichtung und Wahrheit".

Der Titel "Die gerettete Zunge" zeigt es: Die Sprache spielt eine wichtige, nein, die zentrale Rolle. Die gemeinsame Leidenschaft der Eltern: das Theater. Am liebsten unterhalten sie sich über unvergessliche Aufführungen am Wiener Burgtheater. Die Eltern verständigen sich dabei in einer Sprache, die der kleine Elias nicht versteht: Deutsch. Es ist die Sprache der Liebe. Er ist davon ausgeschlossen. Erst mit sieben Jahren wird er die deutsche Sprache erlernen, am Genfer See, und er wird ein Meister der deutschen Sprache werden. Das erkennt man schon im ersten Band der Erinnerungen.

Der zehnjährige Elias ist ein unersättlicher Leser. Er hat das Gefühl, aus vielen Figuren zu bestehen. Gleichzeitig nimmt er mit wachen Sinnen seine Umwelt wahr: Die frühen Schauplätze dieses Lebens: das bulgarische Rustschuk, Manchester, Genf, Wien, Zürich.

Canetti beschreibt sein Leben, seine Kindheit, aber die Autobiographie ist so dicht komponiert wie ein meisterhafter Roman. Dieser erste Band ist voller großer unvergesslicher Szenen: Der junge Elias wird von seiner Cousine Laurica in einen Kessel mit siedendheißem Donauwasser gestoßen. Sein Körper ist verbrüht. Der Vater eilt aus Manchester herbei und rettet so dem Sohn das Leben. Später: Der Großvater verflucht Canettis Vater, weil der mit der Familie aus dem bulgarischen Rustschuk nach England zieht. Die nächsten Verwandten sind Kaufleute. Die Verachtung des jungen Canetti gilt den Geldmenschen. Liebevoll und ausführlich porträtiert er dagegen andere Zeitgenossen, darunter die anregenden Lehrer. Zürich war für den jungen Canetti das Paradies. Hier verbrachte er seine glücklichsten Jahre.

Die Mutter reißt ihn heraus: Sie fürchtet, ihr ältester Sohn werde hier zu einem lebensuntüchtigen Büchermenschen. Ein großes Gespräch steht am Ende des Bandes: Sie wirft dem 16jährigen Hochmut und Weltfremdheit vor. "Ich war den Buchstaben und den Worten verfallen, und wenn das ein Hochmut war, so hatte sie mich beharrlich dazu erzogen." "Die gerettete Zunge" endet mit der Verstoßung aus dem Paradies, damit wird der Bogen zur Verfluchung des geliebten Vaters geschlagen. Vier Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes seiner Autobiographie erhielt Elias Canetti den Literaturnobelpreis.

Elias Canetti: "Die gerettete Zunge". Fischer Taschenbuch-Verlag.
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