Biennale: schaurig-schöner Abend in Sindelfingen

Biennale Sindelfingen: Die Reihe "Poetische Ort" lud am Donnerstag zur schaurig-schönen Lesung auf den Armesünderfriedhof

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    Ingo Sika als Quacksalber, dessen Mittel aus grausigen Zutaten bestehen Fotos: Lars Arnold

Längst vergessene Zeiten und Menschen möchten "Kultur am Stift" und das Kulturamt mit ihren "Poetischen Orten" in Erinnerung rufen. Im Rahmen der Biennale erweckten sie am Donnerstagabend den Armesünderfriedhof mit Musik, Schauspiel und Rezitation zum Leben.

Artikel vom 16. Juli 2017 - 13:30

Von Anne Abelein

SINDELFINGEN. Auf Sindelfinger Postkarten sind die Mauerreste unter den malerischen Bäumen nahe des Klostersees fast die beliebteste Stadtansicht. Früher aber hat der Ort vor allem Furcht eingeflößt, begrub man auf dem Armesünderfriedhof doch Kriminelle, Selbstmörder und Ungetaufte.

Im Rahmen der Veranstaltung "Strafen und Menschenbilder" sind die Mitglieder von "Kultur am Stift" der Weltvorstellung hinter den grausamen Sitten auf den Grund gegangen. Die Reihe der "Poetischen Orte" im Rahmen der "Biennale Sindelfingen" erfreut sich großer Beliebtheit: Auch an diesem Abend sind die Bänke im schummrigen Dämmerlicht vollbesetzt, obwohl Barbara Dieckmann zu Beginn die Zuhörer warnt, dass einen die Geschichte "den Kopf schütteln lassen" wird.

Der Armesünderfriedhof ist nun schon der vierte Poetische Ort, den "Kultur am Stift" bespielt. Vorher waren sie bereits an der Stadtmauer am Schaffhauser Platz, im ehemaligen Kreuzgang der Martinskirche und in der Abtgasse zu Gange. In den Jahren 2006, 2011, 2014 und 2015 wurden die Poetischen Orte ursprünglich eröffnet, an denen Kunstwerke von Klaus Kugler, Joachim Kupke und Fritz Mühlenbeck an die Mythen der besonderen Plätze erinnern. Arme Sünder wurden auf dem Friedhof ab 1595 in ungeweihter Erde verscharrt. Sie waren drakonischen Hinrichtungsmethoden zum Opfer gefallen: Tod durch Pfählung oder Ertrinken. 1814 kam das Gelände in Privatbesitz, dann wurde es als Garten genutzt und schließlich teilweise überbaut.

Waren die Menschen der frühen Neuzeit verroht und grausam? In einem Gespräch auf der Bühne verneinen dies Marlis Germaschewski und Brigitta Hahn: Sie waren von "einem tiefen Bewusstsein menschlicher Sündhaftigkeit" geprägt, die man mit härtesten Strafen sühnen musste. Wer ein Verbrechen beging, galt als kein Mensch mehr, sondern als dämonisch. Um die eigene Seele zu stärken, wohnten die Bürger den Hinrichtungen regelmäßig bei.

"Alles ist eitel" lautete die Devise in diesen Zeiten

Mit Texten und Gedichten von Grimmelshausen, Andreas Gryphius und Paul Fleming unterstreicht Barbara Dieckmann das pessimistische Weltbild jener Zeit, flankiert vom wehmütigen bis verträumten Flötenspiel Helgard Israels. "Alles ist eitel" war die Devise, der 30-jährige Krieg noch mit schmerzhafter Deutlichkeit in Erinnerung, und das Ende der Welt wurde wiederholt verkündet, so zum Beispiel im Jahr mit der Teufelszahl 1666.

Die historischen Lücken füllen die Mitwirkenden einfach mit Phantasie und befeuern dabei auf dem stimmungsvoll beleuchteten Platz die Spannung: Klaus Philippscheck gibt mit schlohweißer Perücke den Stadtschreiber Löhr, der aus einem apokryphen Tagebuch von Geheimbünden wie den Rosenkreuzern berichtet. Reinhard Holländer mimt einen verirrten Wanderprediger, der aufgrund seiner harten Forderungen sein Publikum einbüßt und so statt Furcht Lacher erntet.

Einen makabren Höhepunkt erreicht das Spiel, als ein Quacksalber (Ingo Sika) Tiegel und Fläschchen mit Wundermitteln feilbietet. Diese Szene ist insofern unheilvoll mit den Sündern verknüpft, als aus deren Körpern die Ingredienzen für hanebüchene Rezepturen gewonnen wurden, denn schließlich hat man getreu nach Paracelsus "Gleiches mit Gleichem" behandelt. Also dämonische Krankheiten mit Schädelmehl von Verbrechern.

Mühlenbeck-Kunstwerk soll die Seelen befreien

Wie aber diesen Ort umwidmen, die düsteren Assoziationen überschreiben? Dazu hat das Kulturamt die Kunst genutzt und interviewt deshalb den Künstler Fritz Mühlenbeck. Er hat 2015 das Glasstelen-Duo "Flügel" geschaffen. Ihre rote Farbe verweist auf die grausame Friedhofsgeschichte. Die blauen Partien lassen an Unendlichkeit denken, und zum Himmel scheinen auch die Federn auf den Stelen zu steigen. "Sie befreien die Seelen", so Mühlenbeck.

Der Platz bleibt übrigens von schaurigen Geschichten umwoben: Vor zwei Jahren drohte das Kunstwerk von einem Baum zermalmt zu werden, den die Stadt dann fällte. Im April 2015 beschädigten Unbekannte das Kunstwerk, aber Mühlenbeck hat einen Teil der Brüche einfach in die Stelen integriert: "Die Verletzungen wollten mir ja etwas sagen", meint er. Schließlich trügen auch die Sünder Narben.

Am kommenden Freitag, 21. Juli, wird ein neuer Poetischer Ort eingeweiht - der Bauerngarten in der Ziegelstraße. Am Abend "Naturwelt und ihre Kraft" hört man von Heilkräutern, die Blitze und Hexen abwehren, und anderen Mythen.

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