Wohlfühlen im zweiten Wohnzimmer

Das Christian-Schüll-Trio hat im Blauen Haus in Böblingen das Publikum in den Bann gezogen

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    Eingespieltes Trio (von links): Sven Reisch, Christian Schüll und David Maiberger Foto: Volkmer

Artikel vom 08. Mai 2017 - 17:54

Von Steffen Volkmer

BÖBLINGEN. Gut 40 Musikbegeisterte kamen am vergangenen Samstagabend ins Böblinger Blaue Haus, um dem Auftritt des Christian-Schüll-Trios beizuwohnen.

Den Abend eröffnet um kurz nach 21 Uhr Bea Bacher. Die Singer-Songwriterin präsentiert rund eine halbe Stunde lang nachdenklich-schöne Lieder, zu denen sie sich selbst auf der Gitarre begleitet.

Die Stuttgarterin packt in ihre Songs Alltagserfahrungen, vor allem singt sie aber immer wieder über Müll - wörtlich: Müll in der Umwelt und metaphorisch: Müll in der Seele -, weshalb ihr aktuelles Album auch den Titel "Mülldeponie" trägt. Sie erzählt in einer ihrer Überleitungen zum Beispiel, dass sie einmal bei einem Vogelschutzprojekt mitgearbeitet habe. Beim Beobachten eines Vogelhorstes habe sie dann mitbekommen, wie irgendwelche Menschen einfach ihren Müll in der Gegend abluden. Den Ärger darüber packte sie natürlich in ein Lied.

Sie singt über "Realität" und über ihr "Herz" und versteckt zwischen ihren deutschsprachigen Liedern auch einen englischen Song, in dem sie davon berichtet, in ihrem Kühlschrank noch verzehrbares Gemüse vorzufinden. Ein eher skurriler Inhalt, in ein melancholisches Klanggewand gekleidet. Melancholisch klingen im Übrigen alle ihre Lieder - ihre Ansagen dagegen präsentiert sie mit viel Witz, gepaart mit einem ansteckenden Lachen.

Nichts am Hut mit der "Neuen Deutschen Weinerlichkeit"

Nachdem Bea Bacher mit viel Applaus verabschiedet wurde betritt gegen 22 Uhr der Hauptakt die Bühne. Mit dem Christian-Schüll-Trio ändert sich sofort der musikalische Grundton des Abends. Mit etwas Rock, etwas Funk, etwas Blues, vor allem aber mit ganz viel Groove stellen der Sänger, Gitarrist und Songwriter Christian Schüll, Bassist Davis Maiberger und Schlagzeuger Sven Reisch unter Beweis, dass Lieder mit deutschsprachigen Texten unterhaltend, gefühlvoll und tiefgründig sein können und nicht der gerade so angesagten "Neuen Deutschen Weinerlichkeit" mit ihrem Seelenschmerz-Pathos angehören müssen. Was die drei Musiker präsentieren, ist cool und begeistert das Publikum bis zum letzten Ton, der mit der Zugabe verklingt, als der Uhrzeiger schon langsam in Richtung Mitternacht marschiert.

Seit Ende 2014 existiert das Trio, dem Christian Schüll schon einen anderen Namen geben wollte, wie er lachend am Mikrofon erzählt: " . . . aber die anderen wollen aus mir unbekannten Gründen anonym bleiben." Er und Schlagzeuger Sven Reisch hatten sich bei der Reggae-Band Zion Rockers kennengelernt. Bassist David Maiberger wurde bei der von Sven Reisch organisierten Jazz-Session im Blauen Haus rekrutiert. Über die Verbindung des Böblingers Sven Reisch zum Kulturnetzwerk kam das Konzert zustande, zu dem auch einige Familienmitglieder des Drummers gekommen waren: "Aber nur vier", meint er lachend, "obwohl das für mich ein Heimspiel ist, sind nicht nur Freunde und Verwandte hier."

In Böblingen tritt die Band auch nicht übermäßig oft auf, "höchstens ein oder zwei Mal im Jahr", sonst seien sie vor allem im Großraum Stuttgart unterwegs, erklärt Reisch, für den die Musik ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist: "Das ist das, was ich mache, wenn ich nicht arbeite, schlafe oder esse."

Die Fans fordern am Ende des Abends recht lautstark Zugaben. Da fragt Christian Schüll: "Woher wisst ihr denn, dass wir überhaupt noch Lieder haben?" Antwort aus dem Publikum: "Ist doch egal, dann fangt einfach wieder von vorne an!" Mit dieser positiven Resonanz ist die Band selbstredend sehr zufrieden. "Wir hatten zwar schon mehr Publikum, aber auch schon weniger", sagt Sven Reisch, "letztlich ist es toll, wenn die Leute so gebannt zuhören wie hier. Das Blaue Haus ist für uns und für viele andere Bands wie ein zweites Wohnzimmer, da fühlt man sich einfach wohl."

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