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Ältestes Bauernhaus im Kreis feiert 600. Geburtstag

Ältestes Bauernhaus im Kreis feiert 600. Geburtstag

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Kolumbus war noch gar nicht geboren und Amerika unentdeckt. Das Bauernhaus gegenüber dem Hildrizhausener Rathaus aber stand schon lange. Im zu Ende gehenden Jahr 2017 feiert das Bauwerk in der Hildrizhausener Ortsmitte seinen 600. Geburtstag. "Das ganze Haus ist nur aus Eiche, das ist unverwüstlich", schwärmt Bauhistoriker Tillmann Marstaller.

Artikel vom 29. Dezember 2017 - 17:12

Von Holger Schmidt

HILDRIZHAUSEN. Eigentlich sollte an dem Sonntagnachmittag aus diesem Anlass ein historischer Ortsrundgang nicht nur zu diesem Kleinod stattfinden. Doch wegen des heftigen Schneefalls verlegten die Verantwortlichen, darunter neben Pfarrer Andreas Roß vom Interessenkreis Ortsgeschichte auch Bürgermeister Matthias Schöck, die Veranstaltung kurzerhand ins immerhin auch schon von 1472 stammende alte Rathaus. Dort lauschten rund 20 Interessierte den Ausführungen von Tillmann Marstaller. Der Oberndorfer ist nicht nur von Berufs wegen Experte für historische Bauwerke, sondern bewohnt auch selbst ein Jahrhunderte altes Haus. Und kennt sich im Landkreis aus mit ähnlich alten Gemäuern. Er berichtet, wie das unscheinbare Hausemer Haus in den Fokus geriet. Ein erster Blick in den Dachstuhl ließ den Fachmann staunen. "Das ist mittelalterlich", war er sich sofort sicher.

Das Hildrizhausener Bauernhaus verfügt über einen über zwei Etagen durchlaufenden Fachwerkständer, eine für damalige Verhältnisse fortschrittliche Konstruktion, gekrönt von einem zweifach stehenden Dachstuhl mit Sparrendach. Ein Klassiker, seit Jahrhunderten nicht verändert. "Es gibt Systeme, die funktionieren", so Marstaller. Gewissheit über das Baujahr brachten fünf an verschiedenen Stellen entnommene Holzproben. Der Befund der dendrochronologischen Untersuchung war eindeutig: Das Bauholz wurde im Winter 1416/17 geschlagen. "Man hat es nicht lange liegen lassen, sondern schnell verbaut", schildert der Bauhistoriker die damaligen Gepflogenheiten.

Liebe über den Flur

Somit steht fest: Im ganzen Landkreis Böblingen ist derzeit kein älteres Bauernhaus mehr zu finden. Weitere Untersuchungen in den unteren Stockwerken des von Tillmann Marstaller liebevoll als "Schatzkistle" betitelten "Geburtstagskindes" sollen folgen, versichert der Fachmann.

Andreas Roß füllt an dem Sonntag die wissenschaftlichen, aber ganz und gar nicht trockenen Ausführungen seines Vorredners mit viel Leben. Bis zu acht Besitzer hätten manchmal zur gleichen Zeit im Haus gelebt, inzwischen ist es zweigeteilt. In einer Hälfte war zwischen 1855 und 1967 eine Küferei zu finden, die andere Hälfte beherbergte bis vor einem halben Jahrhundert eine Landwirtschaft samt Stall. Heute gehört der östliche Teil der Gemeinde und der andere ist in Privatbesitz.

Sogar von einer "Liebe über den Flur" zwischen den dort vor rund 150 Jahren wohnenden Familien Schütz und Reinhardt weiß der Heimatforscher. "Da ist die Frau dann einfach nach gegenüber gezogen", beschrieb Roß die pragmatischen Verhältnisse. "Und auch im Haus nebenan, das nacheinander Pfarrerssohn und Bürgermeister gehörte und später Tankstelle und Laden beherbergte, spielte sich viel quirliges Leben im Kern von Hildrizhausen ab. "Wissen sie was? Genau so machen wir es weiter!", schloss Pfarrer Andreas Roß.

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