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Der Wolf geht um - womöglich auch im Gäu?

Der Wolf kommt näher und ist womöglich im Kreis Böblingen angekommen - Gerissenes Reh bei Herrenberg-Haslach wird analysiert

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Die Meldungen häufen sich - und sie kommen näher: Meister Isegrim ist wieder da, der Wolf, der in Deutschland lange Zeit ausgerottet war und nur noch ein Dasein als Bösewicht im Märchen fristete. Jetzt ist erwiesen, dass er bei Bad Wildbad drei Schafe gerissen hat. Und womöglich war er dieser Tage auch im Herrenberger Wald am Werk.

Artikel vom 09. Dezember 2017 - 01:00

Von Martin Müller

HERRENBERG. Bislang geriet der Wolf vor allem im Nordosten der Republik in die Schlagzeilen und jüngst im Bayrischen Wald, wo sechs Wölfe von Unbekannten aus einem Gehege befreit wurden. Am Donnerstag ging über die Deutsche Presse Agentur nun die Nachricht durch den Blätterwald, dass auch im Kreis Calw bei Bad Wildbad drei am 26. November gerissene Schafe auf das Konto des Beutegreifers gehen. Eine Analyse von Speichelresten an den Opferlämmern hat laut Umweltministerium in Stuttgart den Nachweis auf den Täter Wolf zweifelsfrei erbracht. Demnach soll es sich bei dem Tier um einen Rüden aus einem Rudel in Niedersachsen handeln.

Nicht geklärt ist laut Presseagentur, ob ein (und derselbe?) Wolf auch hinter drei weiteren Rissen steckt. Der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg waren Anfang der Woche Risse von einem Rotwild, einem Sikahirsch und einem Reh in der Nähe von Freudenstadt und bei Herrenberg gemeldet worden.

Dusan Minic, Pressesprecher im Landratsamt, präzisiert auf Nachfrage der KRZ, dass am Montag ein totes Reh im Gewann Buchrain bei Herrenberg-Haslach gefunden wurde. "Dem Reh hat der halbe Körper gefehlt, es war im Hals- und Bauchbereich total aufgerissen." Entdeckt hat das Tier der dortige Jagdrevierpächter. Weil zur Stunde aber nicht eindeutig gesagt werden kann, durch wen das Reh tödlich verwundet wurde, sei nach einem festgelegten Verfahren die Forstliche Versuchsanstalt in Freiburg hinzugezogen worden. Die hat den Tierkadaver zunächst nach Stuttgart verbracht; Körperteile gingen zur DNA-Analyse aber auch ans Senckenberg-Institut für Wildtiergenetik im hessischen Gelnhausen, das auf Wolfsnachweise spezialisiert ist.

"Es dauert noch eine Woche, bis wir Klarheit haben", so Minic, "bestätigt ist noch nichts." Im Moment handle es sich um einen "reinen Verdacht". Das betont der Pressesprecher auch deshalb, weil es in der Vergangenheit in Baden-Württemberg schon Verdachtsfälle gegeben habe, die dann keinen Befund für den Täter Wolf erbracht hätten. "Abwarten", lautet daher die Devise, die vom Landratsamt herausgegeben wird.

Außerdem wäre es völlig unangebracht nun in Panik zu verfallen. "Der Wolf ist ein scheues Tier, das in aller Regel den Kontakt mit dem Menschen meidet", so Minic. Fest steht auf alle Fälle aber auch: Der Wolf ist streng geschützt. "Ich kann nur dringend davon abraten, in welcher Weise auch immer, eigenständig gegen den Wolf vorzugehen", spricht Minic Klartext: "Das ist eine Straftat."

Generell sei das Thema Wolf ein "übergeordnetes Landesthema", so der Pressesprecher im Ladratsamt: Im Landwirtschaftsministerium und im Umweltministerium werde heftig darüber debattiert, wie mit dem Wolf am besten umzugehen sei. "Für uns ist es schwer, uns da positionieren."

Das Land jedenfalls hat unter der Federführung des Landwirtschaftsministeriums, diverser Naturschutzorganisationen und des Landesjagdverbands eine "Handlungsanleitung Wolf" herausgegeben. Darin wird die generelle Zielsetzung formuliert, dass sich Baden-Württemberg verpflichtet, an einem länderübergreifenden Management zum Schutz des Wolfes mitzuwirken und in verschiedenen Phasen die Rückkehr des Wolfes vorzubereiten. "Die mögliche Rückkehr der Wölfe weckt starke Emotionen. Vertrauen und Kompromissbereitschaft zwischen den Interessengruppen müssen deshalb schrittweise aufgebaut werden", heißt es in dem Papier. Und weiter: "Deshalb stehen eine ausgewogene Information der Öffentlichkeit über den richtigen Umgang mit diesem Beutegreifer sowie die Vorbeugung und der Ausgleich von Schäden durch Wölfe im Vordergrund."

Isabel Kling, Pressesprecherin im Landwirtschaftsministerium, gibt auf Nachfrage der KRZ zu Protokoll, dass im Ministerium die Akte Wolf sehr ernst genommen werde. Minister Peter Hauk wird im Frühjahr ein "internationales Wolf-Symposium" einberufen. Dabei soll es schwerpunktmäßig darum gehen, wie die Weidehaltung im Alltag vor dem Wildtier sicher gemacht werden kann. Die Rückkehr des Wolfes müsse so gestaltet werden, "dass dies für Bauern nicht zum Nachteil ist - das muss in Baden-Württemberg oberste Priorität haben", sagt Isabel Kling. Auch ganz praktische Fragen der Nutztierhaltung stehen beim Symposium im Vordergrund. Konkret will das Land vom Erfahrungsschatz von Nachbarstaaten und anderen Bundesländer wie Sachsen, wo der Wolf inzwischen in Rudeln lebt, profitieren.

Des Weiteren sollen beim Symposium aber auch drängende Haftungsfragen geklärt werden: Wer zum Beispiel haftet, wenn die Attacke eines Wolfs dazu führt, dass eine Herde ausbricht, auf die Straße drängt und es zu schweren Unfällen kommt? Zur Stunde gibt es darauf keine befriedigende Antwort.

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