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Szenische Luther-Doku in der Martinskirche in Weil im Schönbuch

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    Jürgen Ehmann als Kardinal Cajetan, Roland Blessing als Martin Luther: Die Schönbuchbühne Weil lässt in der Martinskirche die turbulente Zeit der Reformation wieder aufleben

Artikel vom 22. Oktober 2017

WEIL IM SCHÖNBUCH (hds). Dr. Hans-Joachim Kleber greift in die Manuale der Orgel in der Martinskirche in Weil im Schönbuch und katapultiert das Publikum mit den schweren Choralklängen des Komponisten Samuel Scheidt direkt ins Mittelalter. Und damit in die Zeit Martin Luthers, in der die Masse der Bevölkerung in bitterer Armut lebte, geknechtet von den Fürsten und zudem auch ausgenommen von der Kirche. Die Theatertruppe Schönbuchbühne Weil hat im 32. Jahr ihres Bestehens zusammen mit der evangelischen Kirchengemeinde mit dem Stück "Luther zu Besuch" eine szenische Dokumentation erarbeitet, die am Samstag, 28. Oktober, in der Martinskirche in Weil im Schönbuch zu erleben sein wird. Für die maximal 400 Besucherinnen und Besucher - mehr passen nicht rein in die Martinskirche - mit Sicherheit ein einmaliges Erlebnis, denn eine zweite Aufführung wird es nicht geben.

Es waren ihrer vier, die das jüngste Stück der Schönbuchbühne ausbaldowert haben. Initiator war natürlich Luther, der vor 500 Jahren seine 95 Thesen an die Kirche zu Wittenberg genagelt haben soll. Im Lauf des Frühjahrs zimmerten Pfarrer Kurt Vogelgsang und die Schönbuchbühnen-Akteure Jürgen Ehmann, Thomas Schefold und Walter Gorhan das Stück zusammen, angefangen mit einem leeren Textblatt, gefüllt mit geschichtlich untermauerten Szenen, wo nötig begradigt von dem fachlich versierten Theologen im Team. "So. Des isch's jetzt aber", beendete Jürgen Ehmann im Frühsommer die Vorbereitungszeit. Klar, dass der langjährige Organist der Gemeinde, Hans-Joachim Kleber, schon früh mit im Boot war.

Schon früh festgeklopft wurden die Termine für sechs Proben ab Ende September. Zu mehr ist keine Zeit, haben doch alle Akteure noch Berufe quasi nebenher. Bei der vorletzten Probe vor zwei Tagen sitzt der Text schon fast hundertprozentig, die Szenenfolge über die knapp eineinhalb Stunden flutscht. Die wichtigsten Akteure auf der Bühne vor dem Altar: Roland Blessing als wortgewaltiger Martin Luther, Jürgen Manuschwewski als im 16. Jahrhundert bekannter Ablassprediger Johann Tetzel, Jürgen Ehmann als Kardinal Thomas Cajetan, der Luther bei einer dreitägigen Unterredung in Augsburg aufforderte zu widerrufen. Für die aufwendige Technik sind Joachim Schanz und Thomas Reichert verantwortlich, Regie führt Thomas Schefold. Er ist am Donnerstagabend sehr zufrieden mit dem 40-köpfigen Team: "Klasse, wie ihr's gmacht hen!"

"Meine verehrten Gäste! Sie befinden sich hier auf historischem Boden", begrüßt Kurt Vogelgsang, Moderator und Erzähler in "Luther zu Besuch", das Publikum. Er bringt die Zuschauer nach der bewegenden Orgel-Einführung und nach den Spielszenen immer wieder zurück in das Heute. Er bettet die Szenen geschichtlich ein. Er gibt nebenher einen Grundkurs über die Ursachen der Bauernkriege des 15. und 16. Jahrhundert. Erklärt, dass der Klerus die Verarmung der Bauern durch den neu eingeführten Ablasshandel beschleunigt. Indem Luther gegen den gottähnlichen Papst aus theologischen Gründen Widerstand leistet und gegen den Ablasshandel wettert, befeuert er die Aufstände. Er kann die Bauern verstehen, doch sie wenden sich von dem Bibelversteher ab, der sie nicht mehr bremsen kann.

Eine wichtige Rolle bei der szenischen Unterfütterung von Luthers Kampf gegen die Kirche spielen die meist in den Kirchenbänken sitzenden Statisten. Frauen, Männer und Kinder in mittelalterlichen Gewändern. Sie verbreiten die Atmosphäre, in der das geschichtliche Drama besser nachvollziehbar wird. Die Schönbuchbühne Weil kann da personell und bei der Ausstattung auf das 1993 aufgeführte Stück "Freiheit 1525" zurückgreifen. Martina Mäutner hatte damals schon das gleiche sackartige Kleid an, jetzt spielen auch ihre beiden neun- und sechsjährigen Kinder Julia und Jana mit. Original-Filmausschnitte aus "Freiheit 1525", professionell gedreht, würzen heute "Luther zu Besuch" - ein genialer Kniff der Macher.

Nochmal zurück zum Anfang: Wenn Organist Hans-Joachim Kleber am Ende in die Tasten greift, um Luthers Werk "Ein feste Burg" zu intonieren, darf man sich an das Eingangswerk von Samuel Scheidt erinnern. Das hat Dr. Kleber nämlich etwas überarbeitet und mit der eingängigen Melodie des Liedes "Vom Himmel hoch" angereichert - natürlich ebenfalls von Luther.

Info: Luther zu Besuch

Die Macher des Vereins Schönbuchbühne Weil 1986 e.V. haben "Luther zu Besuch" auf die Beine gestellt. "Ein Theaterstück" ist der Untertitel. Die einzige Aufführung ist am Samstag, 28. Oktober um 19.30 Uhr in der Martinskirche. Im Anschluss an die etwa eineinhalb Stunden lange Aufführung ist im Kirchgarten - oder im Haus Renz - eine Nachbetrachtung mit Bewirtung geplant. Der Eintritt ist frei. Die mitveranstaltende evangelische Kirchengemeinde freut sich über Spenden, die zur Finanzierung des neuen Gemeindehauses zurückgelegt werden. Die Schönbuchbühne und die Kirchengemeinde betonen, dass die samstägliche Aufführung "einmalig" ist im doppelten Sinn: "Weitere Termine wird es nicht geben."

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