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Bedrückender Abschied in Weiß

Tausende bei der Trauerfeier für die getötete Schausteller-Familie auf dem Mötzinger Friedhof

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    Foto: Martin Bernklau

Aus ganz Deutschland waren sie gekommen. Wohl an die 2000 Menschen haben am Samstag auf dem Friedhof von Mötzingen Abschied genommen von der jungen Schaustellerfamilie, die acht Tage zuvor ausgelöscht worden war, als ein Müllwagen beim Mötzinger Steinbruch auf ihr Auto stürzte.

Artikel vom 20. August 2017 - 18:30

Von Martin Bernklau

MÖTZINGEN. "Ich habe selber Kinder", sagt der Busfahrer nur leise, der die Trauergäste im Shuttle vom Firmenparkplatz am Westrand des Ortes zum Friedhof am Wald in Richtung Baisingen bringt. Er hat sich freiwillig gemeldet und macht das umsonst. Die Zufahrten zum Ort der Trauerfeier hat die Polizei für Unbeteiligte weiträumig abgesperrt. Sie kontrolliert auch das Film-und Fotografierverbot auf dem Friedhof bis zum Ende der Feier, das die Gemeinde verfügt hat.

So riesig die Anteilnahme am Wohnort der verunglückten Familie und in der ganzen Region ist, so wenige wollen den stillen Abschied stören, den die große und europaweit vernetzte Gemeinde der Zirkusleute und Schausteller ihren fünf bei dem tragischen Unglück nahe Nagold ums Leben gekommenen Angehörigen geben will: dem 22-jährigen Vater und der Mutter, 25 Jahre alt, deren 17-jähriger Schwester und den beiden Kindern, zwei Jahre erst die Tochter und wenige Wochen alt der Jüngste.

Sie seien auf dem Weg zu Taufvorbereitungen gewesen, heißt es, als der außer Kontrolle geratene Mülllaster ihren grünen Golf am vorvergangenen Freitag unter sich begrub. Beide Eltern stammten aus und traditionsreichen Artistenfamilien. Auch die Schwester hatte als Stuntgirl bei der reisenden Monster-Truck-Show gearbeitet, die der junge Familienvater vor und hinter den Kulissen engagiert betrieben hatte.

Ein weißer Vorhang ist hinter den Grabstellen aufgebaut. Die beiden evangelischen Zirkus- und Schaustellerpfarrer Johannes Bräuchle und Torsten Heinrich leiten die schlichte Trauerfeier. Drei weiße Särge sind in der Aussegnungshalle aufgebahrt. Das Töchterchen hat man zum Vater, den Säugling zur Mutter in den Sarg gebettet.

Den Weg zur letzten Ruhestätte säumen wohl mindestens hundert Kränze mit weißen, gelegentlich roten Rosen und Schleifen auf Staffeleien. Rund um das Grab hat ein Bestattungsunternehmen aus dem Kreis Dillingen an der Donau im Auftrag der Angehörigen große bildhafte Abschiedsgrüße für die Verunglückten aufgebaut. Engelsfiguren sind dabei, eine märchenhafte Kutsche, Herzen und Dürers Betende Hände neben einer aufgeschlagenen symbolischen Bibel, aber auch Parfümflakons, ein überdimensionales Handy und eine Zigarettenschachtel.

Mickey-Mouse-Figuren und ein Kinderwagen erinnern an das Töchterchen, eine Flasche an den erst im Juli geborenen Sohn, der den Namen der Zirkusdynastie als Vornamen bekommen hatte. "The Last Show in Heaven" steht auf einer der geschmückten Tafeln um die Gräber, "Ohne Worte" auf einer anderen. Die weiße Enduro-Maschine und der Quad des Vaters stehen im Original daneben.

Fünf Kerzen brennen. Es gibt keine Musik an den offenen Gräbern und nur wenige Worte. Pfarrer Johannes Bräuchle spricht den Psalm 121: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?" Er beschwört das "Zusammenstehen in der Zeit des Leides und der Trauer". Kurz stellt er die beiden hinterbliebenen Familien vor, die Großeltern und deren Kinder, 18 Menschen bei der einen, acht bei der anderen Familie, und umreißt den Werdegang und die verschiedenen Zirkusausbildungen der ums Leben gekommenen Erwachsenen. Die junge Mutter etwa wurde "auf der Reise am Oberrhein" geboren und war lange Luftakrobatin. Die kleinen Kinder hätten "die künftige Stunt-Prinzessin und der zukünftige Stunt-Prinz sein sollen". Ihr Vater hatte aber auch einen Weihnachtszirkus in Böblingen geplant.

"Wir leben vom Applaus", sagt er danach und bittet um Beifall für jeden einzelnen der Verstorbenen. Aber viele der Trauernden sind noch viel zu erschüttert, um stürmisch zu klatschen. Der Pfarrer liest aus dem Johannes-Evangelium: "Euer Herz erschrecke nicht. Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen", heißt es da. Gott brauche sie jetzt "in seiner eigenen, unvorstellbaren Show". Sein Amtsbruder Torsten Heinrich bittet um Beistand für die "aus der Bahn geworfenen" Hinterbliebenen: "Es hilft alles nichts", sagt er, "aber hilf uns loslassen in dieser unsagbaren irdischen Traurigkeit". Er dankt auch den Anteilnehmenden und den Helfern in Mötzingen und in der Region. Das Rote Kreuz, die Freiwilligen Feuerwehren nennt er, die Verwaltungen von Mötzingen und Nagold, die Polizei, die alle auch bei der Organisation der Trauerfeier mithelfen.

Der Tod solle nicht das letzte Wort haben, schließt Zirkuspfarrer Johannes Bräuchle und betet das Vaterunser. Dann steigen hundert weiße Luftballons in den Himmel. Johannes Bräuchle bittet die Gäste, nach dem Abschied an den Gräbern der Einladung ins Vollmaringer Sportheim zu folgen und die engere Familie auf dem Friedhof noch etwas allein zu lassen. In der Sportgaststätte sind über 400 Plätze eingedeckt, Mitarbeiter der Nagolder Stadtverwaltung und viele freiwillige Helferinnen und Helfer bewirten die Gäste.

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