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"Wagner hat mich das Sehen gelehrt"

Paramjeet S. Gill - ein gebürtiger Inder und Warmbronner - zum 100. Todestag des Schriftstellers

Artikel vom 14. Februar 2018 - 19:48

WARMBRONN. Vor fast 40 Jahren kam ich aus Indien, Neu-Delhi, nach Deutschland in den kleinen Ort Warmbronn, der mir nach vielen Lebensstationen nun seit mehr als 20 Jahren zur zweiten Heimat geworden ist.

Als unsere kleine Tochter mit ihrer Grundschulklasse von Harald Hepfer auf den Christian-Wagner-Pfad geführt wurde, durfte ich den Spaziergang mit meiner Kamera festhalten. Von diesem Tag an war ich wie elektrisiert von diesem ungewöhnlichen Schriftsteller, der mit Tieren und Pflanzen zu reden verstand und uns luftige Sprachgebilde mit musikalischem Zauber hinterlassen hat.

Da Hermann Hesse einer der Lieblingsautoren meiner schwäbischen Frau ist, erkannte ich verblüfft die Seelenverwandtschaft zwischen Hesse und Wagner. Nicht nur haben sich beide mit Indien, dem Hinduismus und Buddhismus beschäftigt, obwohl keiner der beiden selbst in Indien war - Hesses "Indienreise" ging nach Sri Lanka, Malaysia und Sumatra -, die östliche Philosophie ist ihnen sehr nahe.

Beiden ging es um die Bewahrung der Natur, der Schonung alles Lebendigen; Wagner gab seine Kälber nicht dem Metzger, was dem schwäbischen Dickkopf die Rolle des Sonderlings und Außenseiters in der dörflichen Gemeinschaft des 19. Jahrhunderts eingetragen hat. Beide setzten sich für Frieden und Gerechtigkeit ein, so hat sich Christian Wagner beharrlich geweigert, panegyrische Kriegslyrik zu schreiben: "Das Heldentum des Nitroglyzerins erkennen wir nicht an!"

Aus meinem Elternhaus - wir waren sieben Kinder - bringe ich die Achtung vor der Natur, den Respekt gegenüber allen Menschen und den Einsatz für Arme und Hilfsbedürftige mit. Von meinem Vater habe ich gelernt, Pflanzen nachts nicht zu berühren, damit diese im Schlaf nicht gestört werden. Unsere Ernährung war vegetarisch, wir versuchten buchstäblich, keiner Fliege etwas zuleide zu tun und Teilen war uns selbstverständlich.

Vieles davon habe ich bei Christian Wagner wiedergefunden: Seine Liebe zur Natur und zu allem Lebendigen haben mich immer wieder bei meinen Landschafts- und Naturfotografien inspiriert, und meine Fotos erhalten durch Wagners Texte eine (neue) Bedeutung. Aus großer zeitlicher Ferne ist mir der "Goißapoet" sehr nahe: der Bauer in grobem Schuhwerk, der einen alten abgestellten Pflug für einen winzigen Moment im Sonnenlicht glitzern sieht oder das Blinken einer bunten Glasscherbe im Kehricht.

Er hat mich das Sehen gelehrt: Sein poetischer Blick auf seinen "Sonntagsgängen" leitet mich beim Fotografieren, seine humanistische Einstellung, Güte und Liebenswürdigkeit faszinieren mich - und irgendwie begegnet mir in diesem Schriftsteller auch mein eigener Vater, dessen Philosophie Wagner in nuce zusammenfasst: "Jedes Wesen ist vor allem da, um sich seines Daseins zu freuen."

Wenn Christian Wagner resigniert in "Mein Jugendbild" formuliert, "Nirgends, nirgends auf der weiten Flur/Find ich von mir selbst eine Spur", dann stimmt das nicht! Christian Wagners Spuren sind überall: auf dem groben Feldweg, im Tautropfen am Morgen und im Kleid der Schmetterlinge!

Buchveröffentlichungen von Paramjeet S. Gill: Hermann Hesse - Christian Wagner: Eine Seelenverwandtschaft in Gedichten, Briefen und Fotografien (zusammen mit Barbara Bross-Winkler), Warmbronn 2017. "Warmbronn - Bilder einer Dorflandschaft". Mit Gedichten und Texten von Christian Wagner, Warmbronn 2013.