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Wahl in Magstadt: "Der oder die Beste soll gewinnen!"

Zweite Vorstellung der Bürgermeisterkandidaten gerät am Ende zum Kabarett

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    Erneut volles Haus in Magstadt / Foto: Bischof

500 Magstadterinnen und Magstadter gaben sich am Mittwochabend in der Festhalle die zweite Vorstellung der Bürgermeisterkandidaten. Die Gemeinde hielt sie für notwendig, weil zum zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag eine Kandidatin antritt, die in der ersten Runde noch nicht auf dem Stimmzettel stand.

Artikel vom 11. Januar 2018 - 17:18

Von Werner Held

MAGSTADT. Sylvia Erlemann heißt die Neue. Die 52-Jährige, die als Lebens- und Gesundheitsberaterin/Managerin firmiert, stammt aus dem Ruhrgebiet. Sie legte zum Abschluss des Abends einen Auftritt mit Kabarettcharakter hin. Von Boris Hellmuth (38), Project Engineer aus Gärtringen und stellvertretender Landesvorsitzender der Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer, fehlte wie schon bei der ersten Bewerbervorstellung jede Spur. Und Christian Badocha (30), Master of Engineering aus Weil der Stadt, der am 17. Dezember nur ein Prozent der Stimmen erhalten hatte, hatte sich entschuldigt. Dafür nutzte Fridi Miller (48) diesmal die Chance zu einer Performance in Magstadt, die sie im Dezember noch sausen lassen hatte. Doch zu Beginn des Abends gingen die beiden in die Bütt, die im ersten Wahlgang vorne lagen.

Margit Holzwarth: Die 53 Jahre alte Diplom-Finanzwirtin (FH) reduzierte das Tempo ihrer Rede gegenüber dem ersten Mal deutlich. "Sie sehen: Ich bin lernfähig, was ja eine gute Voraussetzung fürs Bürgermeisteramt ist", wandte sie sich ans Publikum. Sie präsentierte sich als Magstadterin mit Leib und Seele. Sie kandidiere nur in ihrer Heimatgemeinde und sehe das Bürgermeisteramt nicht als Sprungbrett für eine berufliche Verbesserung. Für dringend notwendig hält sie, dass Magstadt die Wohnbaufläche Seele/Metzlesbach anpackt. Bauplätze möchte sie vorrangig an Magstadter vergeben. Sie liebäugelt mit einem Programm zur Förderung des Einzelhandels, um die leeren Ladenlokale im Ort wiederzubeleben. Den geplanten Discounter möchte sie nicht am östlichen Ortsrand, sondern in unmittelbarer Nähe zur S-Bahn-Station ansiedeln. Die Kosten für den Bau der Osttangente schätzt sie auf 6,8 bis acht Millionen Euro. Da wäre ihr die Sanierung der Hölzertalstraße, die 0,8 bis 1,5 Millionen Euro kosten soll, wesentlich lieber. Das Geld, das so gespart würde, könne besser investiert werden - beispielsweise in zusätzliche Kindergartengruppen. "Wie wollen Sie ohne die Osttangente den Verkehr auf der Alten Stuttgarter Straße reduzieren?", wollte ein Bürger wissen. Als Abhilfe schlug Margit Holzwarth Tempolimits vor, die auch kontrolliert werden: "Das zwingt zum Langsamfahren und schreckt Autofahrer ab, die nur durch Magstadt durchfahren wollen."

Florian Glock: Der 33 Jahre alte Politikwissenschaftler versprach, "Magstadt als erfolgreiche, vielleicht sogar als erfolgreichste Gemeinde im Kreis Böblingen zu etablieren". Dem Mann aus Rheinland-Pfalz werfen seine Gegner unter anderem vor, er kenne sich in Magstadt nicht aus. Dem trat er mit der Aufzählung einer Liste von Terminen entgegen, in denen er in den letzten Wochen die Sorgen und Nöte aller Bevölkerungsgruppen ergründet habe. Oft habe er gehört, dass Magstadt gespalten sei. "Das werde ich nicht hinnehmen. Das muss besser werden", sagte er. Er lud die Menschen dazu ein, mitzuteilen, womit sie nicht zufrieden sind, anstatt "sich nur gegen etwas zu positionieren". "Heute bitte ich um ihr Zutrauen, in acht Jahren um ihr Vertrauen", versuchte Glock die Befürchtung zu zerstreuen, er sehe Magstadt nur als Karriereschritt. In der Fragerunde wurde ihm vorgehalten, dass ihm 2010 die FDP in Rheinland-Pfalz die rote Karte gezeigt habe, weil er sich nicht an Absprachen gehalten habe; das spreche nicht für seine Eignung zum Bürgermeister. Er habe sich nur Vorgaben widersetzt, wehrte sich Glock, die in Hinterzimmern ausgemauschelt worden seien, und das Wohl der Partei über das Einzelner gestellt. So werde er als Bürgermeister von Magstadt das Wohl der Gemeinde über das Einzelner stellen. Eine Bürgerin sprach Glock Kritikfähigkeit ab, weil er gewisse Kommentare flugs von seiner Facebook-Seite lösche. "Ich stehe für einen offenen und sachlichen Dialog. Unsachlichkeit überlasse ich anderen", entgegnete er.

Friedhild Anni ("Fridi") Miller: Die 48 Jahre "junge" Sindelfingerin brüstete sich damit, dass sie derzeit gleichzeitig bei "über 20" (Ober-)Bürgermeisterwahlen antrete. "Ich bin eine Kämpferin, die niemals aufgeben wird, für ihre Gemeinde und gegen Fehlentscheidungen und Amtswillkür zu kämpfen", versprach die Frau, die mit staatlichen Instanzen auf allen Ebenen im Clinch liegt. Auf das Bürgermeistergehalt sei sie nicht angewiesen und daher völlig unabhängig, sagte sie. Bis auf ein Grundeinkommen von 500 Euro werde sie das Salär in eine Fridi Miller Foundation stecken. Magstadt kenne sie vor allem von den "kinderfreundlichen Veranstaltungen bei Opel Schott" und von Streifzügen als Jugendliche. Da sie im ersten Wahlgang nur acht Stimmen bekommen hat, macht sich Fridi Miller offenbar keine großen Hoffnungen mehr auf den Magstadter Schultesposten. "Aber ich würde mich freuen, wenn ihr über meine Worte nachdenken würdet, und mir bei der Bundestagswahl in ein paar Monaten eure Stimmen geben würdet, damit ich Angela Merkel als Bundeskanzlerin ablösen kann", hob sie am Ende auf den eigentlichen Zweck ihres Auftritts in Magstadt ab.

Sylvia Erlemann: Absolut keine Ahnung von Magstadt hat Neukandidatin Sylvia Erlemann. "Fridi Miller hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, hier zu reden", führte die Dame, die mit einem rosa Hut ans Rednerpult trat, als Beweggrund für ihre Kandidatur an. "Ich bin ein bisschen auf Berufsfindung", bekannte sie. Als das Publikum lachte, schob sie nach: "Das ist die Wahrheit." Da sie offenbar keinen Sinn für Kabarett hatten, verließen die Ersten die Festhalle. "Ich bin hier aus Versehen reingeraten", schloss die 52-Jährige aus dem Ruhrgebiet ihre Ausführungen. Ihre Wahlempfehlung ging fast im Beifall für dieses Bekenntnis unter: "Der oder die Beste meiner Vorredner(innen) soll gewinnen!"

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