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Ein Ungetüm aus dem 2. Weltkrieg weniger

Im Böblinger Stadtwald wurde am Sonntag eine Fliegerbombe entschärft - 500 Schönaicher mussten evakuiert werden

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    Der Mann vom Kampfmittelbeseitigungsdienst, der der 250-Kilogramm-Bombe am Ende den Schrecken nahm: Einsatzleiter Christoph Rottner Fotos: SDMG/Dettenmeyer

Am Volkstrauertag ist die Stadt Böblingen ein weiteres Übel aus dem 2. Weltkrieg losgeworden. Im Stadtwald, östlich der Panzerstraße und nördlich von Schönaich, haben Männer des Kampfmittel- beseitigungsdiensts eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe entschärft.

Artikel vom 19. November 2017 - 21:00

Von Dirk Hamann

SCHÖNAICH. Bei einer routinemäßigen Auswertung von Luftbildern war der Kampfmittelbeseitigungsdienst unlängst auf die Weltkriegs-Hinterlassenschaft im Stadtwald gestoßen. Ein Monstrum, das sich zwei Meter tief in den Waldboden eingegraben hatte, ohne nach seinem Abwurf zu explodieren. Eine mächtige Bombe, mit einem chemischen Langzeitzünder ausgestattet, die auch nach mehr als sieben Jahrzehnten nichts an Gefährlichkeit eingebüßt hatte. Im Gegenteil: Je länger so ein Blindgänger im Erdreich vor sich hin schlummert und rostet, umso schwieriger ist es, ihm mit gekonnten Handgriffen seine zerstörerische Kraft zu nehmen. Und der, der nun im Wald geortet worden ist, hätte nach wie vor einen immensen Schaden anrichten können, wenn er explodiert wäre. Vor seiner Entschärfung durfte sich deshalb im Gebiet um seinen Fundort im Radius von 750 Metern - außer den Experten des Kampfmittelbeseitigungsdiensts - keine Person aufhalten. Um sicher zu gehen, dass im Extremfall kein Mensch zu viel Schaden nimmt.

Der Bombenfund im Wald hatte gegenüber anderen, die in den vergangenen Monaten bei Bauarbeiten in Böblingen und Sindelfingen sofort Katastrophenalarm ausgelöst hatten, einen großen Vorteil: Alle Maßnahmen, um dem 250-Kilo-Koloss den Garaus zu machen, konnten gut vorbereitet und auf einen Sonntag gelegt werden. Die Entschärfungsaktion begann im Prinzip schon in der vergangenen Woche mit einem gekonnten Zusammenspiel zwischen den Ordnungsämtern Böblingens und Schönaichs samt Polizei, den Feuerwehren, dem hiesigen Deutschen Roten Kreuz sowie dem Kampfmittelbeseitigungsdienst. Auf der einen Seite lag die Bombe zwar auf Gemarkung der Stadt, doch betroffen war - neben einem kleinen Teil der Panzerkaserne - vor allen Dingen die Nachbargemeinde. Im Norden Schönaichs, Elsenhalde einschließlich Gewerbegebiet, erfuhren rund 500 Menschen schon Tage zuvor, dass sie am Sonntagmorgen bis der Kampfmittelbeseitigungsdienst wieder grünes Licht gibt, ihre Häuser verlassen müssen.

Sonntagfrüh um acht Uhr verwandelte sich der Sitzungssaal des Schönaicher Rathauses in ein Lagezentrum für das Entschärfungskommando. Böblingens Ordnungsamtsleiter Marcel Launer übernahm, unterstützt von seinem Schönaicher Kollegen Matthias Bethge, die Leitung eines Stabes, dem auch Führungskräfte von Feuerwehr, Polizei, DRK, Einsatzkräften der US-Army sowie der stellvertretende Schönaicher Bürgermeister Norbert Mezger und später auch Böblingens Erster Bürgermeister Tobias Heizmann angehörten.

Um neun Uhr begann die Feuerwehr mit der Evakuierung von 500 im Evakuierungsgebiet lebenden Schönaicher. "Wir sollten um 11 Uhr fertig sein, den Zeitplan haben wir genau eingehalten", bilanzierte Böblingens Feuerwehrkommandant Thomas Frech zufrieden den Auftritt, den rund 90 Floriansjünger aus Böblingen, Schönaich sowie sechs weiteren Kreisgemeinden abgeliefert hatten. Wie am Schnürchen lief auch die Versorgung der Evakuierten. Das DRK, das mit 42 Einsatzkräften mit von der Partie war, funktionierte die Gemeindehalle in ein Notquartier für all jene um, die während der Bombenentschärfung keine Bleibe hatten, wo sie den Sonntagvormittag hätten verbringen können. Und versorgten diese mit Essen und Trinken. Allerdings: 400 Evakuierte hätten in der Gemeindehalle einen Platz am Tisch gefunden - doch meist waren nicht mehr als 40 gleichzeitig vor Ort. "Viele haben sich offenbar schon zuvor nach einer anderen Sonntagsbeschäftigung umgeschaut", beobachtete Norbert Mezger.

Nachdem 160 Polizeibeamte es zudem geschafft hatten, nicht nur alle Straßen und Wege um das Sperrgebiet abzuriegeln, sondern nach einem Hubschrauberflug mit Wärmebildkamera in diesem auch noch einen Spaziergänger und einen Mountainbiker ausfindig zu machen und in Sicherheit zu bringen, machten sich um 11.35 Uhr sechs Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes an die Arbeit. Zunächst legten sie die Bombe genau so weit frei, bis sie an den Zünder kamen. Dann überlegten sie, wie sie diesen unschädlich machen könnten - schließlich hatten sie es mit einem Chemisch-mechanische Langzeitzünder zu tun. Ein besonders heimtückisches Biest. Schon kleinste äußere Einwirkungen wie Erschütterungen können zur Explosion führen. Ebenso kann Korrosion den Zünder auslösen. Um 12.36 Uhr machten sich die Mannen um Einsatzleiter Christoph Rottner allen Gefahren zum Trotz ans Werk, wollten die Bombe entschärfen, zogen aber auch eine kontrollierte Sprengung in Betracht. Eine Stunde später war eigentlich schon der Vollzug geplant - doch die Angelegenheit erwies sich als äußerst knifflig. Auch um 14 Uhr kam aus dem Lagezentrum nur die Nachricht, dass es nichts Neues gibt. Um 14.20 Uhr schallte dann ein lautes Klatschen aus dem Sitzungssaal, einen Moment später kam Mario Schnepf, Pressesprecher der Böblinger Feuerwehr, heraus und verkündete die gute Nachricht: Eine weitere üble Hinterlassenschaft aus dem 2. Weltkrieg verbreitet keinen Schrecken mehr.

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